Palliative Care

Dort sterben, wo man möchte — dafür kämpft ein regionales Pilotprojekt

Das Projekt «Versorgungskette» will im ganzen Kanton für mehr «Lebensqualität auf dem letzten Lebensabschnitt sorgen. (Symbolbild).

Mehr Würde bis zum Lebensende: Das will ein regionales Pilotprojekt erreichen. Mit einer «Community» – und einer App.

Sein Vater starb an Krebs. Im Alter von 63 Jahren. In einer «Abstellkammer» im Spital, erzählt Christoph Cina. «Es kam einem vor, als sei so eben eine Geschäftsbeziehung beendet worden», so der Bucheggberger Hausarzt. Und nicht das Leben eines Menschen.

Cina beschäftigt sich täglich mit dem Thema Menschenwürde auf dem letzten Lebensabschnitt. Bis im letzten Jahr war er Präsident von Palliative Care Solothurn. Nun beschäftigt er sich mit dem Projekt «Versorgungskette», das im ganzen Kanton für mehr «Lebensqualität auf dem letzten Lebensabschnitt» sorgen will.

Lebensqualität. Was heisst das überhaupt? Dass eine alte oder schwer kranke Person dort sterben kann, wo sie möchte, bringt es der 63-Jährige auf den Punkt. Und wie erreicht man das? Mit drei Regionalgruppen, Gesprächen, und einer neuen Software.

Spital, Spitex, Spezialisten

Das Projekt «Versorgungskette» befindet sich in der Pilotphase. Kurz gesagt geht es darum, dass alle Fachpersonen, die an einer Krankengeschichte beteiligt sind, an einem Strick ziehen.

Als Beispiel: Martha M.* kommt dem Lebensende immer näher. Hatte sie zuerst nur Termine mit ihrem Hausarzt, kommen immer öfter Spitalbesuche dazu, Beratungen bei einem Spezialisten, sowie Besuche der Spitex. Und immer wieder geht es um das Gleiche: Wie ist ihr Gesundheitszustand, was braucht sie für Pflege und Medikamente?

Die Patientin selbst, und was sie eigentlich will, geraten aus dem Fokus. Dann heisst es plötzlich, sie soll eine Patientenverfügung ausfüllen. Das überrumple viele, sagt Cina. Das Pilotprojekt, das im ganzen Kanton in drei Regionalgruppen umgesetzt werden soll, soll Betroffene in dieser Lebensphase begleiten.

Schritt für Schritt bis zu einem runden Tisch. Ein Gespräch mit allen Beteiligten – Spital, Spitex, Spezialisten. Und Angehörigen. «In der Betreuung haben wir heute viel mehr Möglichkeiten als früher», so der 63-Jährige. Und viel mehr Involvierte.

Deshalb brauche es das Projekt «Versorgungskette» – in welchem alle Beteiligten zur «Community» werden und zusammen arbeiten sollen. «Wir wollen dem ganzen Menschen gerecht werden und ihn nicht auf seine Krankheit reduzieren», sagt Cina. Es ginge im Fall von Martha M. also nicht nur um ihre Medikamente, sondern wie lange sie überhaupt mit Medikamenten am Leben erhalten werden will.

Diese Wünsche werden im Betreuungsplan festgehalten. «Das Herzstück» des Projekts, wie der Bucheggberger Hausarzt sagt. Als Ergänzung oder Ersatz zur Patientenverfügung ist dort der letzte Wille der Patienten festgehalten. Dieser Plan kommt online.

Krankengeschichte in der App

Das Solothurner Projekt «Versorgungskette» hat eine eigene Software. Diese gibt es mittlerweile auch als App. Dort können Informationen zu einem Patienten hochgeladen werden. Betreuungsplan, Medikamentenplan – die umfassende Krankengeschichte. Damit auch bei einem Notfall im Spital gleich klar ist, wie der Patient versorgt werden muss. Der Betreuungsplan sollte entsprechend auch auf dem Nachttisch liegen, erklärt Cina – wie der Organspende Ausweis im Porte-Monnaie.

Die App verfügt auch über eine Chatfunktion, die die ganze «Community» nutzen kann. Der Hausarzt kann vom Ausland her ein Rezept schicken, die Spitex im via Video den Zustand des Patienten aufzeigen.

Mehr Respekt für den Menschen

Zu dieser Technik und der Idee des Projekts fanden diese Woche im Alten Spital Schulungen statt. Ärzte und Pfleger können sich so über die «Versorgungskette» informieren lassen. Für die Weiterbildung erhalten sie Credits. Mit dem Ziel, dass sie sich dem Projekt anschliessen. Für Heime, die mit der Versorgungskette arbeiten, gibt es als Anreiz ein Label. So soll das Pilotprojekt noch ein Jahr weiterlaufen, dann wird Bilanz gezogen. Bei genügend Anklang und Nutzen wird weitergemacht.

Am Schluss müssten aber nicht nur die Mediziner und Betreuer «sensibilisiert werden» – wie Cina es nennt. Sondern die ganze Gesellschaft. Alte Leute würden heute oft als Last betrachtet. Man dürfe sie nicht einfach wegstossen, sondern begleiten. Nicht nur mit Medikamenten. «Man kann schon eine Spritze verabreichen und verrechnen», viel wichtiger sei aber, was man nicht in Geld ausdrücken könne. Menschliche Zuneigung. Bis zum Schluss.

*Fallbeispiel aus Erzählungen erfunden

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1