Theater und Orchester Biel-Solothurn
«Dolls Toy»: In Nürnberg lässt Wyrsch die Puppen tanzen

Der ehemalige Theaterdirektor Beat Wyrsch (70) lebt heute in Nürnberg und inszeniert dort noch immer Opern.

Kerstin Möller
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Beat Wyrsch lebt in einem denkmalgeschützten Haus in der Nürnberger Altstadt.

Beat Wyrsch lebt in einem denkmalgeschützten Haus in der Nürnberger Altstadt.

Die Ära Wyrsch währte sechs Jahre am Theater und Orchester Biel-Solothurn. 2013 kehrte der beliebte Theaterregisseur und Intendant als Rentner nach Nürnberg zurück. Doch an Ruhestand denkt Beat Wyrsch noch lange nicht. Allein in diesem Jahr inszeniert er drei Opern.

Die Nürnberger Puppe trägt platinblonde Locken und ein weisses Tüllkleid – ein Engel an Vollkommenheit. Der Puppenmacher jubiliert im schönsten Bass: «Nie schuf Natur ein solches Weib, drum tat ich’s selbst zum Zeitvertreib. Nie darf sie lügen, nie betrügen; mit Vergnügen stets sich fügen; auch verschwiegen muss sie sein.»

Auf der Probebühne der Nürnberger Pocket Opera Company (POC) inszeniert Beat Wyrsch die komische Oper «Dolls Toy» von Adolphe Adam. Es wird französisch, deutsch und fränkisch gesungen, auch gesprochen, was bisweilen recht witzig klingt: «Doo kumt doch aans. Doo läfft aaner auf der Drebbn.» Wyrsch lacht vergnügt, glucksend, ansteckend.

Das Lachen war ihm vergangen im letzten Jahr. Ein schwerer Unfall legte ihn und alle Aktivitäten lahm. «Das war so schmerzhaft – und peinlich dazu: Ich bin von der Bühne gestürzt.» Es folgten Operationen, Reha, lange Monate des ohnmächtigen Müssiggangs. Umso eifriger packte Wyrsch es heuer an mit gleich drei Produktionen. Als Höhepunkt der diesjährigen Internationalen Gluck-Opern-Festspielen führte er mit der POC «Il parnaso confuso» auf der Freilichtbühne in Berching in der Oberpfalz auf.

Ruhestand – ein Fremdwort

Es folgte die Regie für die Opéra comique «Annette et Lubin» von Jean Paul Egide Martini, gebürtig aus Franken als Paul Ägidius Martin. Das Revolutionsstück von 1789, eher harmlos-lieb als subversiv-stürmisch, hatte Wolfgang Riedelbauch ausgegraben, Intendant der Musica Franconia, der sich vor allem der regionalen Musikgeschichte widmet. Und schliesslich «Dolls Toy», eine Adaption von «Hoffmanns Erzählungen», die am 6. November Premiere hat.

«La poupée de Nuremberg», so der Originaltitel, wurde 1852 in der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt, im November des gleichen Jahres in Berlin. Doch nicht nur der Topos Nürnberg hat Wyrsch an Adams Oper gereizt, sondern auch die berühmten, so unterschiedlichen Lieder des Komponisten wie das Weihnachtslied «Minuit, Chrétiens» und der Narrhallamarsch. Beide sind in die Oper integriert. Die musikalische Leitung hat Franz Killer, seit 2007 Chef der POC, der die ganze Oper neu bearbeitet hat.

In diesem Frühjahr wurde Beat Wyrsch 70, doch Ruhestand bleibt für ihn ein Fremdwort. Weil ihm seine Arbeit einfach grosse Freude macht. Ob fest angestellt als Intendant und Operndirektor am Theater Biel Solothurn (von 2007 bis 2013) oder als freier Musiktheaterregisseur in Nürnberg. Er liebt die Oper, romantisch oder modern. Ohne sie wärs kein schönes Leben. Wyrsch träumte nie vom Höhenflug an der Met oder Scala, eher von einem Théâtre du Soleil.

Sein kleines Sonnentheater, das er 1974 gründete und bis 2007 leitete, ist die Musiktheatergruppe POC, wohin er nun zurückgekehrt ist. Das magische Kürzel heisst im Wortsinn Taschen-Oper-Gesellschaft und bedeutet mehr Spass an der Oper. POC steht für Avantgarde und Off, für alternatives Musiktheater an ungewöhnlichen Austragungsorten. Viele Nürnberger verbinden damit auch nasse Füsse im Zirkuszelt. «Wenn das Zelt aufgebaut war, kaufte ich mir sofort Gummistiefel», erzählt Wyrsch, «damals hat es immer geregnet.»

Damals, das waren die wilden Siebziger- und frühen Achtzigerjahre, als sich die Taschenspieler im «Kulturzirkus» ganz ungeniert an heiligen Opern vergriffen, selbst an Wagners Ring. Die POC war Kult in Nürnberg, es durfte gelacht werden, sogar Verächter klangseliger Opernkonventionen liessen sich mitreissen. «Die anarchische Phase», sagt Wyrsch «war die lebendigste und schönste Zeit.»

Einen Jux jedoch wollte und will sich Wyrsch nicht machen, weder mit Wagner, Verdi oder Tschaikowski. «Wir betreiben ernsthaft Musiktheater, wir respektieren die Oper auch dann, wenn wir sie nach heutigen Gesichtspunkten abklopfen, umkrempeln und umsetzen. Die Komposition bleibt.»

Heute kommen die POC-Werke weniger ungestüm und krachledern daher, sie sind romantischer, verspielter, leichter. Das Schräge, das Überraschende aber ist Programm, vor allem, was die Spielorte betrifft. So wird die blond gelockte Puppe im Gothic-Milieu auftreten, im schwarzen Szeneclub «Der Cult». Statt Rock, Wave und Electro wird es in der Horror-Picture-Disco Kammermusik mit Arien geben.

Nürnberg und Solothurn

Die Rückkehr nach Nürnberg bedeutet für Beat Wyrsch keine Abkehr von der Schweiz. Er war immer hier und da zu Hause. So wie er seine Wohnung in der Altstadt von Nürnberg behalten hat, als er in Solothurn und Biel tätig war, so wird er auch immer wieder in sein Domizil im Jura zurückkehren, in der Nähe von Saignelégier – und ins Solothurner Theater gehen.

«Es verbinden mich wunderschöne Erinnerungen mit dem Haus.» Auch die spannende Erfahrung, eine umfassende Renovierung mitangestossen zu haben. «Es ist immer eine grosse Freude, das älteste Stadttheater der Schweiz anzuschauen.»

Wyrsch bedauert nur, dass er seinem Schweizer Publikum in den sechs Theaterjahren keine seiner Pocket-Opera-Inszenierungen bieten konnte, wie er es im Grunde vorgehabt hatte – nicht mal ein kleines Probiererli.

«In Biel am Rennweg wäre vielleicht eine geeignete Bühne dafür.» Und Schloss Waldegg eine traumhafte Kulisse für «Annette et Lubin». Aber Wyrsch ist als Theatermann versiert genug, um all die Unwägbarkeiten zu kalkulieren, die Träume platzen lassen.