Bildung
«Distance Learning» kann gelingen, birgt aber Risiken

Damit lernen daheim gelingt, müssen Eltern, Lehrpersonen und Schulkinder Einiges beachten. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien könnten Stoff verpassen.

Rebekka Balzarini
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Eine wichtige Voraussetzung für gutes Lernen daheim ist es, dass Lehrpersonen für Eltern und Kinder erreichbar sind.

Eine wichtige Voraussetzung für gutes Lernen daheim ist es, dass Lehrpersonen für Eltern und Kinder erreichbar sind.

Denise Uebersax

In den nächsten Wochen fällt für die meisten Familien in der Schweiz etwas weg, das sie wohl meistens als das Selbstverständlichste der Welt gehalten wurde: der Schulbesuch der Kinder. Statt im Schulzimmer müssen die Kinder am Esstisch lernen, statt die Lehrperson ist Mama oder Papa die erste Ansprechperson bei Fragen zum Schulstoff.

Homeschooling ist dafür, was gerade in vielen Wohnzimmern der Schweiz passiert, aber das falsche Wort. Das schreibt Tobias Leonhard, Leiter der Professur für Berufspraktische Studien und Professionalisierung am Institut Kindergarten und Unterstufe an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Laut Leonhard ist die Bezeichnung «distance learning» der treffendere Begriff.

Dass «distance learning» gelingen kann, beweisen Länder wie Neuseeland oder Australien. Zwar ist das dortige Schulsystem nicht mit dem hiesigen vergleichbar - und doch gibt es Hoffnung, dass die Schulkarriere der meisten Kinder nicht allzu sehr unter der momentanen Lernsituation leidet.

Das bestätigt Leonhard: «Auf der Ebene der einzelnen Schulkinder sind Schäden wohl nicht zu befürchten, bietet das Leben danach doch sicher weiterhin viele Chancen, allfällig Versäumtes nachzuholen», schreibt er. Einzige Ausnahmen sind Kinder, die aus bildungsfernen Familien stammen. Bei ihnen ist laut Leonhard das Risiko gross, dass sie in der momentanen Lernsituation weiter ins Hintertreffen geraten.

Wie des Lernen daheim gelingen kann

Dass Kinder in den nächsten Wochen daheim lernen müssen, ist sowohl für die Eltern als auch für die Lehrpersonen eine Herausforderung. Abgesehen davon, dass viele Eltern berufstätig sind und nun etwa auf Homeoffice umstellen müssen, ist auch die Vermittlung des Stoffes nicht ganz leicht. Denn ein Schulabschluss allein macht Eltern nicht zu Lehrpersonen.

Lehrpersonen müssen ihre Materialien entsprechen aufbereiten, schreibt Kathleen Philipp, die Leiterin der Professur Mathematikdidaktik und ihre Disziplinen am Institut Primarstufe der FHNW. «Lehrpersonen, die Lernmaterialien so zusammenzustellen, dass die Schülerinnen und Schüler möglichst selbstständig damit arbeiten können und sie die Unterstützung der Eltern nicht überfordern», so Philipp.

Eine wichtige Voraussetzung für gutes Lernen daheim ist es, dass Lehrpersonen für Eltern und Kinder erreichbar sind. Diese Kommunikation ist für die Lehrpersonen aber nicht ganz leicht. Während in den Schulklassen der Oberstufe häufig bereits digitale Lernplattformen existieren, müssen Unterlagen in der Unterstufe teilweise per Post verschickt werden.

Liegen die Materialien dann daheim, sind laut Philipp feste Strukturen wichtig, damit die nächsten Wochen nicht zu langen Frühlingsferien verkommen: «Es kann hilfreich sein, feste Zeiten zu vereinbaren. Auch das tägliche Pensum sollte mit den Kindern festgelegt werden, sodass sie sich auf die freie Zeit freuen können», rät Philipp den Eltern.

Soweit möglich seien auch kleine Lerngruppen empfehlenswert, damit sich nicht nur de Kindern, sondern auch die Eltern austauschen können.