Die Lehrpersonenbildung steht in der Kritik. Auch bei den Studierenden. Die Ausbildung sei zu theoretisch und zu akademisch, heisst es. Doch welche Lehrpersonen braucht die Schule der Zukunft und wie sollen sie ausgebildet werden?

Sabina Larcher, Direktorin der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW), reagiert im Interview auf die Kritik und erklärt, wie die Pädagogische Hochschule den gesellschaftlichen Wandel zu antizipieren versucht und was das für die Ausbildung bedeuten könnte.

Verliert die Ausbildung zur Lehrperson angesichts der schwierigen Berufsaussichten für die jungen Menschen an Attraktivität?

Sabina Larcher: Die Anmeldezahlen für das neue Semester sagen das Gegenteil. Wir können bei der PH FHNW fast schon von einem kleinen Boom sprechen: Rund 1100 Studienanfänger haben sich für ein pädagogisches Studium angemeldet. Das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders gefragt sind die Studiengänge Primarstufe sowie Kindergarten/Unterstufe. Auch das kommt doch etwas überraschend, da bestehen im Moment ja Schwierigkeiten in der Stellenbesetzung. Die Pädagogische Hochschule ermöglicht es in dieser Situation, im Studium flexibel auf Teilzeitmodelle umzusteigen.

Können Sie heute noch mit gutem Gewissen einem jungen Menschen empfehlen, Lehrerin oder Lehrer zu werden?

Ja, ganz klar. Wer als Lehrerin oder Lehrer tätig ist, verfügt weiterhin und in teilautonomen Schulen erst recht über vielfältige Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und eine hohe Autonomie in der täglichen Arbeit. Lehrpersonen stehen einerseits als «Bewahrer» gegenüber der Gesellschaft in der Pflicht, anderseits sind sie stets mit Neuem konfrontiert. Das ist anspruchsvoll, aber höchst spannend.

Aber das Ansehen der Lehrpersonen in der Gesellschaft hat abgenommen?

Der Beruf hat an Ansehen verloren, zu Unrecht! Lehrerinnen und Lehrer sind eminent wichtig für unsere Gesellschaft. Man vergisst zum Beispiel gerne, dass die Schule der Ort ist, wo Kinder etwa erfahren und lernen, was Demokratie ist und wie sie funktioniert. Man vergisst ebenso häufig, dass wir ohne öffentliche Schule mit ihren Lehrpersonen nicht diese Wirtschaftskraft hätten; auch viele kulturelle Leistungen haben ihren Ursprung im Unterricht. Leider ist es eine Tatsache, dass die Arbeit der Lehrpersonen in der Öffentlichkeit oft viel Kritik und wenig Wertschätzung erfährt.

Den «klassischen» Lehrer wird bald nicht mehr geben. Wird er vom «Lerncoach» abgelöst?

Ich mag den Begriff Lerncoach nicht. Er wertet den Beruf ab. Auch wenn sich das schulische Umfeld verändert: Die ursprüngliche Aufgabe der Lehrperson bleibt unverändert: die Interaktion mit dem Kind, mit der Gruppe.

Lehrpersonen sollen fachlich und menschlich eine Instanz sein. Daran ändern auch neue Formen der Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team genauso wenig wie der digitale Wandel. Viel mehr noch als heute können und sollen künftig Lehrpersonen ihre Schule mitgestalten und sind nicht «Verwalter des Bisherigen», wie das von aussen oft wahrgenommen wird.

Die Aussteigerquote ist hoch: 17 Prozent der Lehrpersonen geben den Job bereits nach einem Jahr wieder auf. Was läuft da falsch?

Mir ist dazu leider keine Studie bekannt, die verlässliche Zahlen liefert. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob und wann junge Frauen, die in der Familienphase vorübergehend aus dem Beruf aussteigen, wieder zurückkommen. Wir wissen auch nicht, wie viele Lehrpersonen in andere Kantone wechseln, weil sie teilweise mehr verdienen können.

Aber es gibt tatsächlich einige, die verlassen das schulische Berufsfeld und etablieren sich in anderen Branchen. Wir stellen in diesem Zusammenhang fest, dass manche junge Lehrpersonen Erwartungen an die Praxis haben, die auf Missverständnissen beruhen. Das beschäftigt uns sehr.

Was sind denn das für «Missverständnisse?»

Während des Studiums unterrichten alle Studierenden ein Jahr lang regelmässig an einer Partnerschule; da erleben sie alle Begleiterscheinungen, die zum Schulbetrieb gehören, hautnah mit. Trotzdem schaffen wir es nicht bei allen, dass die Vorstellungen und Erwartungen, welche die Studierenden an den Berufseinstieg haben, realistisch sind. So wird manchen erst im Klassenzimmer richtig bewusst, dass sie als Lehrperson auch die Gesellschaft verkörpern. Sie können in ihrem Berufsalltag nicht so cool wie Gleichaltrige sein, sondern müssen gegenüber Schülerinnen und Schülern, gegenüber Eltern Werte und Regeln bewahren und vermitteln. Das ist für junge Menschen im Alter von 25 Jahren oft ziemlich anspruchsvoll.

Spielt auch die fehlende Anerkennung eine Rolle?

Ja, das ist eine Tatsache. Wir haben einerseits die Gesellschaft, die selbstverständlich gute Lehrpersonen fordert, aber öffentliche Anerkennung für ihre Arbeit ist doch manchmal rar. Das ist besonders für junge Lehrpersonen oft nur schwer auszuhalten. Für gute Leistungen wird man nicht befördert und es gibt auch keine Lohnerhöhung.

Primarlehrer ist ein Frauenberuf geworden. Wie reagiert die PH auf diese Entwicklung?

Die PH FHNW reagiert, indem sie zum einen über die Teilzeitstudiengänge versucht, gezielt Männer anzusprechen. Zum andern sehen wir in den Quereinsteigerprogrammen für Interessierte mit mehrjähriger Berufserfahrung die Möglichkeit, vermehrt Männer für diesen Beruf zu begeistern. Die breiten positiven Erfahrungen zeigen, dass diese Massnahmen funktionieren können.

Wer an der PH FHNW studieren will, muss seit 2018 ein Assessment bestehen. Welche Erfahrungen machen Sie mit der Eignungsprüfung?

Die bisherigen Erfahrungen sind gut. Die Berufseignungsabklärung dauert jeweils einen Tag. Rund 10 Prozent der Teilnehmenden bestehen die Eignungsprüfung nicht; ihnen wird von einem Studium an der PH abgeraten.

Einmal an der PH aufgenommen, geht es darum, die für den Studienerfolg erforderlichen Credits zu sammeln. Aber kann man Lehrer werden, indem man Punkte sammelt?

Die PH FHNW ist in das Bologna-System eingebunden. Dazu gehört zwingend, dass auf der Basis eines EDK-anerkannten Studienprogramms studiert wird und die erbrachten Leistungen mit sogenannten Credits abgegolten werden. Ich weiss, dass es Studierende gibt, die dabei auch ökonomisch vorgehen. Ich mache mir da keine Illusionen. Dennoch: Wir verlangen konsequent die geforderten Leistungen und haben strenge Ausschlussverfahren: Wer zweimal nicht besteht, muss die Hochschule verlassen.

Die PH FHNW steht in Konkurrenz zu anderen pädagogischen Hochschulen. Was macht die PH FHNW besonders attraktiv für Studierende?

An der PH FHNW ist das Studium stark modular aufgebaut. Das bietet den Studierenden die Möglichkeit, ihre Berufsausbildung individuell mitzugestalten und Schwerpunkte zu setzen. Viele Studierende schätzen diese Freiheiten, die unser modulares System gegenüber einem stärker verschulten Studienaufbau bietet. Flankierend zur Ausbildung an der Hochschule steht die Berufspraxis in Partnerschulen: Alle unsere Studierenden sind während des Studiums ein Jahr lang regelmässig in einer unserer Partnerschulen tätig, dazu kommen weitere Quartalspraktika. Eine weitere Stärke der PH FHNW besteht darin, dass wir Aus- und Weiterbildung zusammendenken.

Wie muss man sich das vorstellen?

Die Schule verändert sich stetig; die Lehrpersonen müssen, ausgehend vom Studium, entsprechend immer wieder Neues lernen, zusätzliche Kompetenzen erwerben. Denken Sie etwa an die integrative Schulung, an den neuen Lehrplan oder den digitalen Wandel; für viele Lehrpersonen ist oder war das Neuland. Mit unserem Weiterbildungsangebot versuchen wir an der PH, auf die Veränderungen nicht nur zu reagieren, sondern sie möglichst zu antizipieren und dies bereits in der Ausbildung: Im letzten Studienjahr haben über 33'000 Lehrerinnen und Lehrer Weiterbildungen an der PH besucht; die meisten Kurse waren ausgebucht.

Wer an der PH unterrichtet, muss idealerweise hohe fachliche und didaktische Kompetenz mitbringen, selber Erfahrung als Lehrperson haben und den Bildungsraum der PH gründlich kennen. Gibt es genügend Dozierende, die dieses Anforderungsprofil erfüllen?

Ja, die gibt es. Wer an der PH unterrichtet, sollte idealerweise ein solches doppeltes Kompetenzprofil vorweisen können. Wobei das nicht in jedem Fall möglich ist. Unser Anspruch ist aber, dass in jedem Team diese Kompetenzen breit vorhanden sind. Sorge bereitet mir allerdings der Umstand, dass wir im Bereich der Fachdidaktiken, wenn es um Fragen der Vermittlung, um das Unterrichten in Mathematik oder Deutsch etc. geht, immer weniger Experten und Expertinnen finden. Deshalb haben wir eine Zusammenarbeit mit der Uni Basel lanciert mit dem Ziel, eigene Dozierende für den Unterricht an der PH der Zukunft auszubilden.

Die Kritik an der Ausbildung an der PH ist vielfältig. Ein Beispiel: Die Ausbildung ist zu theoretisch; brauchen Kindergärtnerinnen tatsächlich einen Masterabschluss?

Provokative Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Wenn wir die Frühförderung der Kinder wirklich ernst nehmen wollen, dann brauchen wir doch genau auf dieser Stufe auch künftig die bestausgebildeten und kompetentesten Lehrpersonen. Ob Master oder nicht: Wir müssen uns über die Zukunft der Schule und des Berufs Gedanken machen.

Viele Lehrpersonen, die frisch von der PH kommen und an der Sek I unterrichten, sind zwar didaktisch geschult, haben selber oft wenig Fachwissen. Bekanntes Beispiel: Der Franzlehrer, der das Passé simple nicht beherrscht.

Es gibt sicher immer wieder solche Fälle. Aber als Generalvorwurf kann ich das so nicht gelten lassen. Grundsätzlich gilt, dass die Studierenden eigenverantwortlich im Rahmen ihres Studiums das notwendige Fachwissen erwerben und das nachhaltig, nicht nur für Prüfungen. Wir bieten ihnen gute fachliche Grundlagen an und verlangen auch entsprechende Leistungen. Es sollte nicht vorkommen, dass eine Lehrperson nur das beherrscht, was die Schüler können müssen.

In der Fachwelt gibt es innovative Entwicklungen wie weg von den Noten, weg vom 45-Minuten-Takt, weg vom Denken in Fächern etc. In der Politik hingegen gibt es starke Gegenströmungen: mehr Checks, weniger integrative Schulung, eine «härtere Linie» etc. werden gefordert. Wie bewegt sich die PH in diesem Spannungsfeld?

Die PH ist gut mit Verbänden, Politik und Verwaltungen vernetzt. Denn wir müssen rechtzeitig wissen, was geplant ist, damit wir uns damit auseinandersetzen und die Sicht von Wissenschaft und Forschung einbringen können. Letztlich nehmen wir den Auftrag der Gesellschaft an die Schule als Pädagogischen Hochschule entgegen und bearbeiten und erfüllen diesen als autonome Hochschule. Es ist ein ständiger und intensiver Prozess in allen vier Kantonen des Bildungsraumes Nordwestschweiz.

Was wünscht sich die Direktorin der Pädagogischen Hochschule von der Politik?

Es wäre wichtig, dass wir auch ab und zu losgelöst von politischen Alltagsfragen oder wirtschaftlichen Überlegungen gemeinsam darüber nachdenken könnten, was für eine Schule der Zukunft unsere Gesellschaft braucht.

Wie sieht denn die Schule der Zukunft aus?

Wir versuchen, Entwicklungen zu erkennen und zu definieren, welche Konsequenzen sie für die Ausbildung und Weiterbildung haben. Dazu nur ein Beispiel: Die OECD verlangt, dass die Schulen der Zukunft Fähigkeiten wie Kreativität, Agilität oder Neugierde als zentrale Kompetenzen fördern sollen.

Was bedeutet das für den Unterricht oder die Lehrmittel? Und was für die Ausbildung oder Weiterbildung? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns intensiv und im Austausch mit allen Beteiligten.

Was bewirkt der digitale Wandel?

Der digitale Wandel wird die Schule und die Ausbildung sowie die Weiterbildung, aber auch die Arbeit der Lehrpersonen verändern. Diese brauchen einerseits medienpädagogisches Wissen und gleichzeitig aber auch informatische Bildung. Die Art der Stoffvermittlung wird sich ändern, die Lehrmittel; die Schulzimmer werden anders genutzt, was auch Konsequenzen auf die Schulraumplanung hat. Es stellt sich die Frage, ob es noch Regelklassen braucht; gut möglich, dass es auch den «Lehrer» in seiner heutigen Funktion nicht mehr geben wird. Damit die PH auf solche Veränderungen reagieren kann, brauchen wir einen Planungsvorlauf von 15 bis 20 Jahren, damit die Veränderungen im Schulsystem greifen. Daran arbeiten wir intensiv.

Was bedeutet das konkret?

Es wird neue, andere Studiengänge mit neuen Profilen geben. Man wird auch darüber diskutieren müssen, wie oft die Studierenden, etwa in Teilzeit oder mit digitalen Angeboten überhaupt noch anwesend sein sollen oder dürfen. Ich sage «dürfen», weil die Studierenden gerne auf den Campus kommen und ihn als identitätsstiftenden Ort wahrnehmen.