Handelskammer
Direktor Daniel Probst: «Auch wir müssen auf die Strasse gehen»

Der neue Direktor, Daniel Probst, will den Wirtschaftsverband vermehrt als politische Stimme etablieren. Auch soll die Bedeutung der Handelskammer in der Öffentlichkeit klarer dargelegt werden.

Franz Schaible
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Daniel Probst sieht das Amt als Direktor der Handelskammer nicht als Sprungbrett für seine weitere politische Karriere.

Daniel Probst sieht das Amt als Direktor der Handelskammer nicht als Sprungbrett für seine weitere politische Karriere.

Hanspeter Bärtschi

Welches ist Ihre Motivation, den wichtigsten Wirtschaftsverband des Kantons zu leiten?

Daniel Probst: Ziel war es, meine politische mit meiner beruflichen Tätigkeit zu verknüpfen. Deshalb habe ich auch als Stadtrat in Olten kandidiert, was aber nicht klappte. Am gleichen Wahlsonntag wurde mein Vorgänger, Roland Fürst, in den Regierungsrat gewählt und einen Tag später wurde ich von Freunden auf das Inserat, worin ein Direktor der Handelskammer gesucht wurde, aufmerksam gemacht. Das war genau die gesuchte Schnittstelle zwischen Politik und Arbeit. Zudem reizte es mich, in meinen Heimatkanton zurückzukehren und für die hiesige Wirtschaft und die Menschen etwas bewegen zu können.

Zurück in den Heimatkanton

Der 40-jährige Daniel Probst ist seit dem 1. September 2013 Direktor der Solothurner Handelskammer. Er ersetzt den in den Regierungsrat gewählten Roland Fürst. Probst studierte an der Universität Basel Volks- und Betriebswirtschaft. Vor seinem Wechsel zum Solothurner Wirtschaftsverband arbeitete er als Leiter Marketing&Publishing beim Energiekonzern Axpo in Zürich. Davor war er während neun Jahren in der Unternehmenskommunikation bei der Swisscom in Bern tätig. Seine berufliche Karriere startete er nach dem Studium bei der damaligen Atel in Olten und später bei ABB in Baden. Seit 1997 sitzt er für die FDP im Gemeinderat der Stadt Olten. Zwischen 2005 und 2010 präsidierte Probst die Stadtpartei. Von 2000 bis 2001 war er für die FDP Mitglied im Kantonsrat. Daniel Probst ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er wohnt mit seiner Familie in Olten. (FS)

Aber wenn Sie die Wahl in den Stadtrat geschafft hätten, dann wären Sie jetzt nicht da.

Das ist richtig.

Ist die Stelle bei der Handelskammer also nur Ihre zweite Wahl?

Nein, auf keinen Fall. Eine Tür ging zu, eine andere auf. Es hatte einfach perfekt gepasst. Wenn ich von Beginn an die Auswahl gehabt hätte zwischen Stadtrat und Handelskammer, hätte ich mich für Letzteres entschieden.

Ist die Führungsaufgabe ein Sprungbrett für Ihre politische Karriere? Immerhin schaffte es Ihr Vorgänger in den Regierungsrat.

Nein, überhaupt nicht. Ich werde in vier Jahren sicher nicht als Regierungsrat kandidieren. Möglich ist dagegen, dass ich bei den nächsten Wahlen als Kantonsrat antreten werde, falls sich zeigt, dass dies für meine Arbeit nützlich sein kann. Behalten werde ich sicher meinen Sitz im Oltner Stadtparlament.

Sie arbeiteten seit 2001 in Bern und in Zürich. Wie gut kennen Sie die Solothurner Unternehmenswelt?

Aus Sicht meiner kantonalen politischen Tätigkeit - bis vor drei Jahren war ich Mitglied im kantonalen Vorstand der FDP - kenne ich einige Unternehmer und ihre Firmen aus dem ganzen Kanton. Und als Präsident der FDP Olten führte ich einen Wirtschaftsapéro ein. Ich war stets in Kontakt mit Solothurner Firmen und ich weiss Bescheid über meinen Heimatkanton. Zudem arbeitete ich nach meinem Studium bei der damaligen Atel in Olten. Der regionale Bezug fehlt mir nicht, die hiesige Unternehmenswelt ist für mich kein Neuentdecken.

Worin sehen Sie die Hauptaufgabe der Handelskammer?

Eine meiner Aufgaben wird es sein, die Handelskammer wieder vermehrt als politische Stimme zu etablieren. Die Interessen der Wirtschaft müssen transportiert und eingebracht werden.

Im Vergleich zu anderen Verbänden oder auch der Gewerkschaften ist die Handelskammer in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Tritt der Verband zu wenig aggressiv auf?

Ich würde sagen zu wenig offensiv. Die Wirtschaft ist Teil der ganzen Gesellschaft. Dazu muss, wie gesagt, deren Stimme vermehrt gehört werden. Mein Ziel wird es sein, in der breiten Öffentlichkeit verstärkt darzulegen, wofür die Handelskammer einsteht.

Werden Sie also bald am Märet mit einem Stand präsent sein?

Warum nicht? Die Handelskammer ist zwar in der Unternehmerschaft bestens bekannt. Aber das reicht zugegebenermassen nicht. Wir bewegen uns zu stark nur in den eigenen Reihen. Auch wir müssen auf die Strasse gehen, um der Bevölkerung aufzuzeigen, was die Unternehmerschaft eigentlich leistet. Da genügt eine Pressemitteilung, in der Hoffnung, dass diese in den Medien aufgenommen wird, längstens nicht mehr. Gehört werden heisst dorthin gehen, wo die Bevölkerung ist. Seien es Anlässe, Festivitäten oder eben auf den Märet.

Ist das eine leise Kritik an Ihrem Vorgänger?

Nein, überhaupt nicht. Das ist kein kantonales, sondern ein nationales Phänomen. Auch landesweit wird die Stimme der Wirtschaft zu wenig gehört. Es wird zwar viel Gutes geleistet, aber es wird zu wenig darüber gesprochen. Beispielsweise stecken viele KMU-Inhaber oftmals das eigene Geld in den Betrieb mit hohen Risiken, um damit Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen oder sie engagieren sich stark im Bereich der Berufsbildung. Diese Tatsachen werden zu wenig kommuniziert.

Alle wünschen sich eine prosperierende Solothurner Wirtschaft. Was kann die Handelskammer dazu beitragen?

Wir müssen die Bedürfnisse unserer Mitgliedsfirmen erkennen und ihnen unsere Dienstleistungen und Projekte anbieten.

Was heisst das konkret?

Ein Schwerpunkt umfasst sicherlich die Bildung. So haben wir unlängst mit der Praxisakademie gestartet. Die Initiative kam von Unternehmensseite, die ein praxisorientiertes Schulungsangebot vermissten. Das hat die Handelskammer aufgenommen und nun umgesetzt. Solche Wünsche und Anregungen müssen wir erkennen und gemeinsam mit Firmen, dem Kanton oder auch mit dem Bund Lösungen erarbeiten. Ein weiteres Thema sind die Steuern. Zwar ist Solothurn im europäischen Kontext steuerlich attraktiv. Aber im interkantonalen Vergleich rangiert unser Kanton in Bezug auf die Steuerbelastung bekanntlich auf den hinteren Rängen. Dabei ist die Steuerbelastung ein wichtiger Faktor.

Wollen Sie die Steuern trotz roter Zahlen in der Kantonsrechnung weiter senken?

Die Finanzlage im Kanton Solothurn ist angespannt, aber doch deutlich besser als vor 10 oder 15 Jahren. Deshalb müssen wir bei den Steuern am Ball bleiben.

Also weiter senken?

Ja, es braucht einen weiteren Effort in diese Richtung. Für den Kanton Solothurn als Wirtschaftskanton ist eine tiefere Steuerbelastung wichtig, letztlich geht es auch um Arbeitsplätze. Zu einem attraktiven Standort gehören auch moderate Steuern. Zudem machen uns auch die kantonalen Gebühren Sorgen. Deshalb lehnt die Handelskammer den zur Abstimmung kommenden Gebührentarif ab. Die Gebühren dürfen nicht willkürlich und intransparent festgelegt werden.

Soll Solothurn denn zum Steuerparadies Zug aufschliessen?

Nein. Unser Ziel ist es nicht, in die Top 5 vorzustossen. Aber eine Verbesserung in die erste Hälfte oder ins erste Drittel ist machbar. Für den Weg dorthin habe ich zwar auch keine Patentlösung, aber eine solche Zielerreichung muss unsere Vision sein.

Wie beurteilen Sie die übrigen Standortfaktoren?

Die sind grundsätzlich in Ordnung. Im Bereich Infrastruktur stehen Verkehr und Raumplanung im Zentrum. In meiner Funktion als Chef der Handelskammer bin ich Mitglied der kantonsrätlichen Raumplanungskommission und der Verkehrskoordinationskommission. Dort werde ich versuchen, die Interessen der Wirtschaft einzubringen. Es muss für Unternehmen eine Lust sein, hier zu investieren. Die verkehrsmässigen Standortvorteile müssen erhalten oder gar noch verbessert werden.

Die jüngsten Schliessungen von traditionsreichen Grossfirmen hat das Image von Solothurn als Krisenkanton zementiert. Zu Recht?

Krisenkanton ist das falsche Wort. Letztlich waren es einzelne Unternehmen, welche - unabhängig vom Standort - aus ganz spezifischen Gründen aufgeben mussten. Die Solothurner Wirtschaft ist gut aufgestellt. Das zeigen auch volkswirtschaftliche Daten. Bei der Arbeitslosigkeit liegt Solothurn deutlich unter dem Schweizer Schnitt und auch das Wirtschaftswachstum ist solide. Solothurn ist insgesamt guter Schweizer Durchschnitt und kein Krisenkanton.