Ausstellung
Dieses künstlerische Brückenprojekt verbindet Berlin und Solothurn

Jörg Mollets künstlerisches Brückenprojekt «Doch» verbindet die Städte Solothurn und Berlin und die Sparten Kunst und Literatur. Das Schlösschen Vorder-Bleichenberg, Biberist, und das Alte Spital, Solothurn, sind Ausführungsorte.

Eva Buhrfeind
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Vor dem Schlösschen Vorder-Bleichenberg steht eine riesige Skulptur des Polen Adrian Maryniak, der in Berlin lebt.

Vor dem Schlösschen Vorder-Bleichenberg steht eine riesige Skulptur des Polen Adrian Maryniak, der in Berlin lebt.

Hansjoerg Sahli

Es ist ein ehrgeiziges Projekt, welches der Solothurner Künstler Jörg Mollet da auf die Beine gestellt hat. Ein Projekt mit Publikationen und Ausstellungen im Schlösschen Vorder-Bleichenberg und im Alten Spital in Solothurn. Ein künstlerisches Brückenprojekt nennt es Mollet denn auch. Ein Anlass, der Orte, Stile, Zeiten, Grenzen, geografische Räume und Kunst mit Literatur, Anspruch und Erwartungen, der Gemeinsames und Verschiedenes zusammenführt.

Eine erste Idee entstand im Rahmen eines Projektes, bei dem Mollet und die ukrainische Künstlerin Maryna Markova stillgelegte russische Garnisonsstädte unter dem Thema «verlorene Heimat, Erinnerungen und Identität» künstlerisch besetzten. Daraus, aber auch aus dem Umstand, dass Mollet durch das Gastatelier im Alten Spital Solothurn viele Gastkünstler aus Berlin kennenlernte und in Berlin, wo er inzwischen «auch einen Koffer» hat, über diese Künstler sich vernetzen konnte, entstand die Idee zu «doch – Berlin in Solothurn in Berlin».

Immer weitere Kreise

Aber, so wie man einen Stein ins Wasser wirft und die Wellen immer weitere Kreise ziehen, entwickelte sich eine Eigendynamik, die die mitmachenden Kunstschaffenden mitriss. Unter Eigeninitiative knüpften sie weitere Kontakte, um diesen künstlerischen Plan in die Tat umzusetzen.

Waren anfänglich nur Kunstschaffende im Plan, zeigte sich bald und aus dem Netzwerk der Beteiligten heraus, dass auch die Literatur in diesen Austausch gehört. Um die Grenzen zwischen Bild und Wort aufzuheben, zumindest Brücken zu bauen. Brücken gebaut wurden mit den Kunstschaffenden Maryna Markova und Adrian Maryniak zudem Richtung Osteuropa. Dann stiess man auf den russischen Schriftsteller Michail Schischkin, der in Kleinlützel lebt.

Urs Jaeggi wurde angefragt, der Solothurner in Berlin und Mexiko, die zwischen Solothurn und Berlin pendelnde Esther Ernst. Es kamen weitere Künstlerinnen und Künstler aus Berlin, die im Alten Spital bereits als Gastkünstler wirkten, sodass sich ein das Globalisierte im Regionalen verbindender Kreis schliesst und die Besucher mit Lesungen, Publikationen, Ausstellungen miteinbezieht, diese Brücken zu be- und überschreiten.

Ausstellung fragt nach Heimat

Das Schlösschen Vorder-Bleichenberg bietet einen besonderen Ort für eine vielgestaltige Werkschau, die sich erstaunlich homogen gibt. Die Frage nach Heimat, Identität, Raum, verlorenen Orten, aber auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erinnerungen sind hier das Verbindende der sieben Kunstschaffenden. Jörg Mollets Arbeiten, Fotografien als weitergeführte Pigmentdrucke auf Shoji-Papier, zeigen vergessene Menschen. Auch Urs Jaeggi zeigt solche Orte als «images trouvées». Wandmalerien, Graffiti, Menschen. Er ist der Grenzgänger zwischen den Kulturen, zwischen Kunst und Literatur. Auch Maryna Markova, wie überhaupt alle hier, erzählen eine, ihre Geschichte. Eine Geschichte auch der Kunst als kultureller Zeuge. In der Kapelle des Schlösschens kann man das gemeinsame Projekt «doch» mit Jörg Mollet in einer stimmigen Atmosphäre nachvollziehen.

In ihren grossen Arbeiten hinterfragt Maryna Markova mit Farbe, Fläche, Licht und Behausungen den Raum als Gefühl. Esther Ernst skizziert in ihrer Wandmalerei ihre Verbindung zwischen Solothurn und Berlin zu einem Netzwerk elementarer Geflechte. In ihren tagebuchartigen Skizzen verknüpft sie alltägliche und zeichnerische Momente zu eigenwilligen Erinnerungsfragmenten. Von der Aare fasziniert war Annelen Käferstein als Gastkünstlerin im Alten Spital. Diesem Fluss hat sie ihre Acryl-Pigment-Bilder gewidmet, lässt die Farben und Formen zu naturhaft-freien Kompositionen fliessen.

Anne Gathmann und Sinta Werner hinterfragen den Raum. Anne Gathmann unterbricht mit ihrer Installation die räumliche Wirkung. Sinta Werner verwandelt mit den collagierten, gefältelten oder ineinander gearbeiteten schwarzweissen Fotografien bestehende Architekturen zu fiktiven Gebäuden. Adrian Maryniak «zeichnet» mit seiner Skulptur im Garten eine eigenwillig verschlungene Natur zwischen Chaos und Konstruktion.

Publikationen

Die beiden erscheinenden Publikationen sind mehr als Kunstbände. Sie sind der Link zwischen den einzelnen Aktionen und kunstphilosophischen Fragen: «doch. Grenzen, Zeiten, Räume – ein Brückenprojekt». In diesem Werk kommen Literaten wie Urs Jaeggi, Ilma Rakusa, Michail Schischkin, Aurel Schmidt, Kristin Schulz und Kathy Zarnegin zu Wort. Darüber hinaus werden die ausstellenden Künstler in Wort und Bild vertieft.

Als Teilprojekt dieses Gesamtanlasses ist die ebenfalls schön wie unprätentiös aufgemachte Publikation «als ob. Vergessene Zeit, erinnerte Zeit» mehr als nur ein Kunstband. Ein Buch zum Projekt von Jörg Mollet und Maryna Markova, das mit poetischen Bildern und Texten dem Thema Erinnerungen (Essay: Katja Petrowskaja), verlorene Heimat und deren Spuren nachgeht.

Programm

Im Alten Spital in Solothurn fand am Donnerstagabend der Auftakt mit einer Ausstellung und Buchvernissage von «als ob. Vergessene Zeit, erinnerte Zeit» und «doch. Grenzen, Zeiten, Räume – ein Brückenprojekt» statt.

Im Schlösschen Vorder-Bleichenberg, findet am Samstag 5. September, 17 Uhr, die Vernissage statt. Es spricht Christoph Vögele, Kunstmuseum Solothurn.

Geöffnet vom 6. bis 27.September: Mi–Fr 16–19 Uhr, Sa/So 14–18 Uhr.

Rahmenprogramm: Sonntag, 20.September, 17 Uhr, Lesung mit Michail Schischkin und Aurel Schmidt.

Sonntag, 27. September, 17 Uhr, Finissage, Performance und Lesung mit Esther Ernst und Kristin Schulz.