Auf dem Holztisch in der Ecke steht eine Tonfigur. Ein Herz in zwei Händen. Ein jugendlicher Flüchtling hat die Figur gemacht. Er hatte Herzrasen, Stress, ein traumatisches Erlebnis vor oder während der Flucht in die Schweiz erlitten.

Dann begann er, einmal in der Woche zu Joseph Aschwanden zu gehen. Aschwanden macht etwas, das sich «Stabilisierungsarbeit» nennt. Einfach erklärt bedeutet das: Mit Kunst will er Flüchtlinge traumatische Erlebnisse verarbeiten lassen. Als ersten Schritt in einem Prozess zur Traumabewältigung – im noch grösseren Prozess Integration. So entstand das Herz in den Händen aus Ton.

Der Kunsttherapeut spricht sehr ruhig, untermalt viel mit den Händen. «Integration kann gelingen – es braucht aber Zeit», sagt Aschwanden. Gleichzeitig meint der 60-Jährige auch: «Es gibt sicher geflüchtete Menschen, die mehr fordern als geben, und von welchen der Staat mehr verlangen könnte.» Verhüllung von Frauen finde er «gewöhnungsbedürftig» – er würde aber nie jemanden deswegen verurteilen, oder ein Verbot begrüssen. Vor allem wird im Gespräch klar: Die Arbeit mit Flüchtlingen ist für Aschwanden eine Herzensangelegenheit.

Im Asylzentrum: Zu wenig Zeit für Therapie

Seit ziemlich genau zwei Jahren arbeitet Aschwanden für den Verein zaffe, den er mit Cristina Roters, Maltherapeutin, gegründet hat. Beide sind aus Rüttenen und machten aus dem gemeinsamen Ziel, traumatisierte Menschen zu begleiten, 2017 ein Konzept, sammelten Spenden, bewarben sich um einen Beitrag aus dem kantonalen Lotteriefonds. Heute sind sie in einem alten Industriegebäude in Solothurn eingemietet.

Roters arbeitet im Malraum nebenan vorwiegend mit Frauen und Kindern, Aschwanden vor allem mit männlichen Jugendlichen. «Es ist schockierend, was Teenager schon erlebt haben» – Folter im Gefängnis, Vergewaltigung, den Tod eines Freundes auf der Flucht. Die meisten können kaum Deutsch, wenn sie zu zaffe kommen, wissen teils nicht, ob sie in der Schweiz bleiben.

Nach normalerweise 12 Sitzungen sollen Teilnehmende wieder stabilisiert sein – und sie gehen wieder. Bei den Therapeuten bleibt die Hoffnung, dass das Trauma nicht schlimmer wird, zu vollständiger Isolation oder etwa Suchterkrankungen führt. Manchmal kommt noch die Rückmeldung: «Es ist weg» – manchmal aber auch eine unerwartete SMS: «Ich reise ab». «Das geht nahe», sagt Aschwanden. «Ich musste lernen, mich abzugrenzen.» Er fühle mit – aber er dürfe nicht mitleiden.

Vermittelt werden die Flüchtlinge von Deutschlehrpersonen und Betreuungspersonen in Asylzentren und Arbeitsintegrationseinrichtungen. Halbtags unterrichtet der vierfache Familienvater selbst Deutsch – und kam so vor zwei Jahren, als er noch im Asylzentrum auf dem Balmberg tätig war, auf die Idee für zaffe. «Ich kam im Unterricht an meine Grenzen», so der Kunsttherapeut. «Da hat man eine Klasse von 15 Personen, zwischen 6 und 16 Jahren alt – und primär geht es ja darum, Deutsch zu lernen.» Zeit für die einzelnen Klassenmitglieder und ihre Geschichten bleibt da kaum.

Sinkende Asylgesuche – Integration braucht Zeit

Es klingt speziell – Traumata mit Kunst zu therapieren. Einzigartig ist das Projekt laut Aschwanden im Kanton auch, weil es ein Angebot für Menschen in Zentren ist, welche sich noch nicht in einer Krise befinden – aber erste Symptome zeigen. Hat ein Flüchtling akut eine psychische Krise, wird er oder sie sie von den Psychiatrischen Diensten der Solothurner Spitäler AG stationär oder ambulant behandelt.

Ein niederschwelliges Angebot ist laut Aschwanden auch deswegen wichtig, weil in vielen Kulturen psychische Erkrankungen noch stark stigmatisiert sind. Viele Flüchtlinge würden deshalb nicht einfach so zum Psychiater gehen, so Aschwanden – in den Gemeinschaften würde es sich dann aber schnell herumsprechen, dass ein Künstler weiterhelfen könne.

Mittlerweile hat zaffe rund 10 Teilnehmende in der Woche – von sinkenden Asylgesuchen merkt der Verein zaffe nichts. Integrationsarbeit braucht es auch dann, wenn Flüchtlinge schon aufgenommen, auf die Gemeinden verteilt sind.

Gemeinsam mit dem Verein Regiomech, welcher Flüchtlinge im Arbeitsmarkt integriert, plant zaffe einen Anlass unter dem Titel: «Wie gelingt Integration?». Eine grosse Frage. Er wolle sie nicht abschliessend beantworten, so der Kunsttherapeut.

Wenn er erzählt, klingt es nicht danach, als hätte er sich den Satz auswendig zurechtgelegt, sondern einfach so, als hätte er sich schon oft darüber den Kopf zerbrochen: Auf der einen Seite seien die Flüchtlinge, oft im Stress wegen ihres Traumas, der Flucht, Ungewissheit in der Schweiz und Erwartungen aus dem Heimatland. Auf der anderen die Schweizer, oft auf sich selbst konzentriert, zu zurückhaltend, um auf Flüchtlinge zuzugehen, was dann zur Ghettoisierung einzelner Flüchtlingsgemeinschaften führe.

«Es dauert, Scham und Überzeugungen abzulegen.» Deshalb brauche es für Integration mehr als eine Generation. Wie gesagt: «Integration kann gelingen – es braucht aber Zeit.»

«Wie gelingt Integration für geflüchtete eritreische Menschen?» Vortrag und Gespräch mit Fana Asefaw, 23. 9., 17 Uhr, Regiomech Zuchwil.