viele Austritte
Dieser Pfarrer meint, dass die Kirche nicht aus der Mode kommen kann

Der Pfarrer Michael Schoger ist überzeugt, dass die Kirche zeitlos ist. Auch wenn die hohen Zahlen der Kirchenaustritte eine andere Sprache sprechen.

Christian von Arx
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Jüngste Berichte dieser Zeitung zu kirchlichen Themen erregten den Widerspruch von Michael Schoger, reformierter Pfarrer in Obergösgen.

Jüngste Berichte dieser Zeitung zu kirchlichen Themen erregten den Widerspruch von Michael Schoger, reformierter Pfarrer in Obergösgen.

BRUNO KISSLING

«Den Glauben verloren» und «Kirche und Vereinswesen sind nicht mehr in Mode»: Diese Titel in unserer Zeitung haben Sie zum Widerspruch herausgefordert. Was stört Sie daran?

Michael Schoger: Wenn gefragt wird, ob Kirche «Mode» oder «nicht mehr Mode» sei, dann negiert dieser Sprachstil mein Kirchenverständnis, macht es unverständlich. Eine Form kann Mode sein. Der Inhalt ist zeitlos. Ausgangspunkt des andern Artikels war die Feststellung, dass in Städten wie Zürich, Basel oder Genf mehr als die Hälfte der Einwohner weder der reformierten noch der katholischen Kirche angehören. Dies in der Schlagzeile «Den Glauben verloren» zusammenzufassen, ist falsch. Die Menschen haben nicht den Glauben verloren, sie haben die Kirche verloren.

Das mag so sein. Aber es ändert nichts am Mitgliederschwund der Kirchen.

Das ist so. Die Kirchen sind zum Teil auch selbst schuld daran. Sie haben sich teilweise zu Event-Veranstaltern entwickelt. Das führt dazu, dass wir von der Kirche in der 3. Person reden – wir empfinden uns nicht mehr als Kirche. Was wir heute Kirche nennen, heisst im Neuen Testament unter anderem «Volk Gottes». Volk Gottes zu sein, das vernachlässigen wir. Unsere Haltung gegenüber der Kirche ist diejenige eines Konsumenten.

Bleiben wir noch bei den Zahlen. Ist die Situation im Niederamt anders als in den grossen Städten?

Zur Person

Pfarrer Michael Schoger (60) stammt aus Siebenbürgen. Er studierte Theologie in Hermannstadt (rumänisch: Sibu) und wanderte 1983 mit seiner Familie nach Deutschland aus. Er fand bald eine Anstellung bei der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Schönenwerd (heute: Niederamt), war zunächst Vikar, dann Pfarrer im Pfarrkreis Obergösgen-Lostorf (seit 2009 mit Stüsslingen und Rohr) und schloss sein Studium in Zürich ab. Seit 2001 ist er Dekan des Pfarrkapitels der Evangelisch-reformierten Kirche im Kanton Solothurn. Michael Schocher ist verheiratet, mit seiner Frau hat er zwei erwachsene Kinder.

Wir leben im Mittelland schon längst einen städtischen Lebensstil. Bei rund 5000 Mitgliedern in der Gesamtkirchgemeinde Niederamt verzeichnen wir pro Jahr etwa 100 Austritte, dazu eine kleine Anzahl Eintritte. Unser Mutationswesen und der Datenschutz machen einen Konfessionswechsel leicht. Man kann sich am neuen Wohnort einfach als konfessionslos anmelden.

Ist das für Sie ein Problem?

Wer einer Konfession angehört, ist bei uns in der entsprechenden Kirchgemeinde steuerpflichtig. Statt von «Austritt aus der Kirche» müsste man darum eher vom «Austritt aus der Kirchgemeinde» sprechen. Während biblisch gesehen das Heil Gottes durch Berufung (Taufe) geschieht, haben wir – geschichtlich entstanden – die Kirchgemeindezugehörigkeit ins Steuerreglement verankert. Umgekehrt wird ein Kind sofort nach seiner Geburt steuertechnisch reformiert, bevor die Eltern über die Taufe nachgedacht haben. Dieser Automatismus müsste neu bedacht werden.

Wünschen Sie sich denn eine Kirche, in der man Mitglied sein kann, ohne Kirchensteuern zu zahlen?

Jede Gemeinschaft ist auf Mitgliederbeiträge angewiesen. Die Kirchen haben neben dem Aufrechterhalten ihrer Infrastruktur auch die Aufgabe, einen grossen Teil unserer Kulturgüter zu bewahren. Mir macht das italienische Modell einer «Kulturabgabe» Eindruck, die alle zahlen müssen. Den Zweck der Steuer, ob zum Beispiel Kirche oder Denkmalpflege, kann jede und jeder selbst mitbestimmen.

Die sinkenden Mitgliederzahlen sind nur eine Seite des Bedeutungsverlusts der Kirchen. Eine andere ist der abnehmende Gottesdienstbesuch.

Das kirchliche Leben darf nicht an den Kirchenbänken am Sonntagmorgen gemessen werden. Die Generation, die den traditionellen Sonntagmorgengottesdienst pflegt, ist nicht mehr da. Deshalb muss die Kirche auch andere Formen finden. Gottesdienste, bei denen man sich auf einer persönlichen Ebene angesprochen fühlt – zur Konfirmation, zur Kommunion oder zu besonderen Projekten – sind besser besucht.

Welche Rolle spielen in Ihrer Arbeit als Pfarrer Menschen, die nie in die Kirche kommen?

In der direkten Begegnung möchte ich jeden Menschen als Gesprächspartner ernst nehmen. Bei Notfällen und in der Seelsorge frage ich bestimmt nicht nach der Kirchenmitgliedschaft. Selbstverständlich habe ich in erster Linie diejenigen Leute im Blickfeld, für die ich angestellt bin und mit denen ich zusammenarbeite. Für diese stehe ich ein, wenn die Kirche mit leeren Bänken dargestellt und als Mode bezeichnet wird.

Was verlieren Menschen, die sich von der Kirche distanzieren?

Unsere Gesellschaft gründet auf einer christlich-humanistischen Tradition. Wer sich von der Kirche distanziert, gibt die Chance auf, sich an einer grossen Gemeinschaft zu beteiligen, die auf einer christlich-ethischen Grundlage an der Gesellschaft mitwirkt. Das ist mit ein Grund, warum unsere Gesellschaft mit immer mehr Gesetzen dagegenhalten muss, die das Zusammenleben mit staatlichem Zwang regeln: Je weniger Ethik, desto mehr Gesetze.

Auf einer ethischen Grundlage an der Gesellschaft mitzuwirken, ist aber kein Monopol der Kirchen. Das können auch Menschen ausserhalb der Kirche.

Das ist richtig. Wenn jemand sagt, «ich habe meinen eigenen Glauben, für mich selbst», dann ist das möglich, aber es hat nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Ein Waldspaziergang ist nicht das Gleiche wie ein Gottesdienst. Eine persönliche Christlichkeit ist nicht zwingend eine kirchliche Christlichkeit. Wir können uns den christlichen Glauben nicht selbst sagen. Er muss uns verkündet werden, damit wir ihn weitersagen können. Die Kirche ist ein Gefäss für das Empfangen und das Weitergeben des christlichen Glaubens.

Was können Sie als Pfarrer gegen den Mitgliederschwund der Kirche tun?

Das kann ich nur als sehr privaten und persönlichen Wunsch formulieren. Ich möchte zuerst einmal bewusst machen, dass Kirche nicht eine Parallelgesellschaft ist, sondern Bestandteil unserer Gesellschaft. Kirche, das ist jene Gemeinschaft, wo die Starken die Schwachen tragen. Ein ehrliches Auftreten, ein starkes Gewissen, Qualität und ein verbindliches Miteinander. Zwar fehlt mir für die Schweiz eine Statistik, aber mit ähnlichem Bewusstsein treten in Deutschland derzeit jährlich rund 60 000 Mitglieder in die Kirche ein.

Was heisst das für die Arbeit der Kirche?

Das Evangelium muss immer neu verkündet werden, in den jeweiligen Raum und die jeweilige Zeit. Kirche nimmt Anteil an dem, was wir im Alltag leben. Zu vielen Abstimmungen hätte die Kirche etwas zu sagen: Zu den Minaretten zum Beispiel, zu Ökologie, zu Genveränderung, zu den Flüchtlingen. Die Bibel erzählt ja überall von Flüchtlingen, von Moses über Jesus bis zu Paulus. Ehrlich unsere Haltung kommunizieren und auch über den Sonntagsgottesdienst hinaus mit Angeboten und Projekten tätig sein, das heisst für mich, unsere Arbeit machen. Möglicherweise lassen sich Menschen dann wieder von einer gewissen Lebenseinstellung leiten und nicht nur von Zahlen, denn wir möchten nach wie vor die Türen offen halten.