Sie scherzen und lachen beim Fototermin mit dieser Zeitung. René Steiner und Philipp Hadorn. Die zwei kennen einander ganz offensichtlich gut. Und im Gespräch über ihre politischen Standpunkte, das Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zutage fördert, schwingt immer auch gegenseitige Wertschätzung mit. Als ob die zwei gerade jetzt, mitten im Wahlkampf, ihrem Bekenntnis zu christlichen Werten besonders Nachdruck verleihen möchten.

Beide, SP-Nationalrat Hadorn und EVP-Kantonsrat Steiner verstehen sich als «bekennende Christen». Und das nicht erst seit gestern, vor rund 25 Jahren engagierten sie sich an der Kanti Olten für einen christlichen Schülerverein. René Steiner, 45, ist als Theologe und Pfarrer der Gemeinde Vineyard gleichsam Christ von Beruf. Für Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn, 48, bildet die Zugehörigkeit zur reformierten und methodistischen Kirche den Werterahmen für sein Leben. 

Eine Zugehörigkeit, die für seine Wahlchancen am 18. Oktober nicht ganz unbedeutend sein dürfte. Bereits vor vier Jahren, als ihm – knapp – der Einzug in die grosse Kammer gelang, verschaffte ihm so manche Stimme der christlich-orientierten Wählerschaft, auch vonseiten der EVP, den Vorsprung vor seinen Parteikollegen Franziska Roth und Andreas Bühlmann.

Bei den bevorstehenden Wahlen dürften die SP und Philipp Hadorn die Stimmen christlich gesinnter Wähler noch etwas nötiger haben, da der zweite SP-Sitz durch die Reduktion der Solothurner Vertretung in Bern alles andere als gesichert scheint.

Keine Empfehlung – und doch

Muss der SP-Mann also den Turbo einschalten, kann es René Steiner gelassener angehen. Selbst als Aushängeschild der Nationalratsliste seiner Partei darf sich der einzige EVP-Kantonsrat keine Chancen auf einen Platz im nationalen Parlament ausrechnen. Umso wohler fühlt sich der Co-Präsident der Kleinpartei, die auch in diesem Wahlherbst auf eine verlässliche Stammwählerschaft zählen darf, in der Rolle als Zünglein an der Waage.

René Steiner (EVP) pflegt eine eher konservative christliche Weltsicht

René Steiner (EVP) pflegt eine eher konservative christliche Weltsicht

«Diese Funktion gefällt uns natürlich», gesteht Steiner und zieht seine Mundwinkel zu einem Grinsen hoch. Mittels Listenverbindung soll die EVP neben der GLP und der BDP dazu beitragen, der CVP weiterhin eine Zweiervertretung in der grossen Kammer zu sichern. Es könnte allerdings durchaus sein, dass EVP-Wähler mit ihrer Stimme für den «bekennenden Christen» Hadorn der SP und nicht der CVP zu einer doppelten Vertretung im Nationalrat verhelfen. «Es ist extrem schwierig, vorauszusagen, was jetzt passiert», meint Steiner, der sich davor hütet, eine Wahlempfehlung für Hadorn abzugeben. Kein Zweifel besteht für ihn allerdings, dass der Methodist «auf den EVP-Listen überdurchschnittlich oft panaschiert werden wird».

Eine Prognose, die diesen schon fast so freut, als handelte es sich eben doch um eine Aufforderung, ihm die Stimme zu geben. Noch mehr geholfen gewesen wäre ihm und der SP freilich, hätte sich die EVP aufgrund von Überschneidungen gerade bei sozialen Anliegen zu einer Listenverbindung mit der SP durchringen können, wie das in mehreren Kantonen der Fall ist. «Im Vorstand der Kantonalpartei war für uns aber schnell klar, dass wir kein Bündnis mit der Linken eingehen, genauso wenig wie mit der SVP», betont Steiner. «Unser Ziel besteht in einer Stärkung der Mitte.» Alles andere widerspreche der breiten politischen Streuung der EVP-Wählerschaft von links bis rechts.

Sorge um die Schöpfung

Bei Hadorn, dem Sekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV, äussert sich der christliche Wertehorizont in pointiert linken Positionen. Zu den Kernthemen des Finanzpolitikers zählten in den letzten vier Jahren neben einem «starken öV» auch «sichere Renten und Löhne» sowie der Einsatz für eine «Energiewende mit Innovation». Wie ein Vergleich der Spinnen-Grafiken von Hadorn und Steiner deutlich macht, markiert gerade das Engagement für den Umweltschutz eines der gemeinsamen politischen Anliegen.

Philipp Hadorn (SP) ist für eine liberale Interpretation christlicher Werte

Philipp Hadorn (SP) ist für eine liberale Interpretation christlicher Werte

Für beide ist das Engagement Ausdruck der «Sorge um die Schöpfung». An der Energiewende führe kein Weg vorbei, sind sie sich einig. Unterschiede gibts dann allerdings, wenn es um die Einführung fester Abschaltzeiten für Atomkraftwerke geht. In der aktuellen Flüchtlingskrise in Europa monieren beide die «Mitverantwortung der Schweiz in einer grossen Notsituation». Auch für den EVP-Politiker, der beim Thema Ausländer eine eher restriktive Schiene fährt, steht fest: «Ich bin für eine Teilnahme der Schweiz am EU-Verteilschlüssel.»

Von Christen und Muslimen

Im Unterschied zu Hadorn plädiert der EVP-Politiker allerdings für eine – grundsätzliche – Skepsis gegenüber der EU. Zudem fordert er dezidiert, dass sich Migranten aus islamisch geprägten Ländern dem christlichen Wertehorizont anpassen. «Errungenschaften wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind vor allen in Ländern mit einer christlichen Identität zu finden», sagt er.

Innerhalb der EU erkennt Steiner trotz einer gemeinsamen «abendländisch-christlichen Tradition» der einzelnen Länder eine «Verwässerung» dieser Werte. Für Hadorn indes ist gerade die Öffnung ein Postulat seiner christlichen Grundhaltung. «Statt uns abzugrenzen, sollten wir unsere christliche Kultur leben und deutlich machen, dass die auf der christlich-abendländischen Tradition basierenden Werte für alle unverzichtbar sind, Christen oder Muslime.»

Die Differenz zwischen einer eher konservativ und liberal geprägten christlichen Weltsicht zeigt sich etwa auch beim Thema Partnerschaft und Ehe. Privat sind Hadorn wie Steiner dem traditionell christlichen Familienmodell verbunden, beide sind verheiratet und Väter von je drei Jugendlichen. Während Steiner aber entschlossen gegen eingetragene Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare, deren Recht auf Adoption und gegen die Homo-Ehe kämpft, sieht Hadorn das etwas anders.

Die staatliche Gesetzgebung widerspiegle die Meinung einer Mehrheit. Und die Aufgabe des Staats bestehe darin, den gesellschaftlich akzeptierten Formen des Zusammenlebens soziale Sicherheit zu geben. Religiöse Gemeinschaften indes – bis hin zu den Landeskirchen – haben auch für Philipp Hadorn durchaus das Recht, Regeln aufzustellen, die sich ihrer Meinung nach am christlichen Ideal orientieren.