Steine in Wasserflaschen, an Kettchen am Handgelenk und um den Hals, auf dem Pult und dem Nachttisch. Rosa, grün und blau. Und sie sollen wirken: Gegen Schmerzen, Stress und als Schutz. Wirklich? «Für mich haben Heilsteine nichts mit Aberglauben zu tun», sagt Sonja Baumgartner in ihrem Laden «Rägeboge-Kristall» in Oensingen. Hier verkauft sie Steine.

Vitrinen mit Ringen und Halsketten, eine Werkbank voller Kistchen, gefüllt mit Steinchen, grosse Ammoniten neben dem Tresen. «Ein Stein ist für viele Leute etwas, woran sie sich festhalten können», sagt die 51-jährige Oensingerin. Von der Heilkraft der Steine, an die einige Menschen glauben, ist sie überzeugt. Deshalb machte sie vor rund 30 Jahren das «Hobby zum Beruf».

Zu den Heilsteinen kam sie wegen ihrer Mutter. Diese habe oft Steine gekauft und angewendet, ebenso eine Freundin von ihr, zu der Baumgartner heute noch Kontakt hat. Von ihr lernte die gelernte Kauffrau Namen und Eigenschaften der Steine. «Ich musste gar nichts auswendig lernen, das sass einfach.» Fasziniert sei sie von der Vielfalt der Steine, den verschiedenen Farben und Formen. Und eben der Energie, die von ihnen ausgehen soll.

Das Geschäft mit den Steinen

Das Geschäft läuft. Ursprünglich habe sie nur halbtags arbeiten wollen, sagt Baumgartner, die diverse Weiterbildungen gemacht und sich selbst in das Thema Heilsteine eingelesen hat. Heute hat sie vier Tage die Woche geöffnet, zwei weitere nach Vereinbarung. Früher sei sie noch als «die vom Esoterik-Lädeli» beäugt worden.

Heute kommen hier Leute aus dem ganzen Kanton Steine kaufen. Aus dem Thal, von Solothurn, oder aus dem Oberaargau. Touristen aus Norddeutschland auf der jährlichen Durchreise nach Italien. Junge Mütter, die einst von den Eltern Steine geschenkt bekamen und jetzt für den eigenen Nachwuchs auf der Suche sind. Baumgartner lebt vom Geschäft. Auf einfachen Steinen klebt das Preisschild 12 Franken, auf Ketten um die 50, es geht aber auch aufwärts bis zu mehreren 100 Franken.

Wofür? Verspannungen, Trauer. Deswegen sucht die Kundschaft den Laden auf und lässt sich von Baumgartner beraten. «Schule ist auch immer Thema», erzählt sie. So gibt es etwa Steine für bevorstehende Vorträge oder Abschlussprüfungen. Oder aber Steine gehen als Schmuckstücke über den Tresen, weil die Leute keinen Modeschmuck, sondern ein Stück haben wollen, das laut Baumgartner von «Mutter Erde» kommt.

Sie sei mit ihrem Geschäft in einen regelrechten «Steinboom» geraten. Früher gab es noch kaum Steinverkäufer. Heute gibt es sie nicht nur an Märkten, sondern auch Kettchen beim Coiffeur oder in der Tankstelle. Die Leute sollen sie sich umhängen, auf schmerzende Stellen kleben oder auf die Augen legen. Der Heilstein soll Schmerzen herausziehen, Entzündungen hemmen, positive Energie verströmen.

Heilsteine, ein «Mysterium»

Die Leute seien heute viel offener, so Baumgartner. «Aber Heilsteine bleiben ein Mysterium», gibt sie zu. Auch, weil es schwarze Schafe in der Branche gibt? Ob man an die heilende Kraft der Steine glaubt oder nicht – es gibt «echte» Exemplare und Fälschungen. So berichtete etwa der Beobachter einst über einen Hype um Schmuckstein-Kettchen, die es beim Grossverteiler und in Warenhäusern gab. Bei diesen stellte sich heraus, dass es sich entweder um billige Steine handelt, die als teure Sorten verkauf wurden. Oder um komplette Fälschungen.

Sie habe seit Jahren die gleichen Lieferanten und suche ihre Ware immer selbst aus, sagt Baumgartner. In Zweifelsfällen schickt sie Steine ans gemmologische Institut (ein Labor für Edelsteinforschung in Basel), wo sie getestet werden. Über den Tisch zu ziehen versuchte sie ein Händler vor Jahren an einer Messe. Dort habe sie einen lila Stein in die Hände genommen. Danach waren auch diese lila. «Schlechte Fälschung», sagte sie dem Betrüger.

Teils bringen Kunden ganze Lebensgeschichten in den Laden und wollen eine Lösung. Und die bringt ein Stein? Nicht nur der Stein, sagt Baumgartner. Bei schlechter Haltung, 8-Stunden-Bürojob und ohne Bewegung helfe auch eine Halskette langfristig nicht gegen Verspannung. «Es geht darum, zur Ruhe zu kommen. Mehr auf sich selbst zu hören.» Jeder könne die eigene «Nische» für Entspannung finden: Waldspaziergänge, Musik, Kunst. Oder eben Steine.