Eigentlich ist Michaela Lässer-Walt eine zierliche Frau. 1 Meter 57 «lang», wie sie sagt «nicht gross oder klein» und 49,5 Kilogramm wiegend - nicht schwer oder leicht. Alles andere als ein Öltanker. Würde man ihr im Migros an der Kasse mit zwei vollgepackten Taschen und einem Sechserpack Eineinhalb-Liter Wasserflaschen begegnen - man fühlte sich als Mann geneigt, ihr beim Tragen zu helfen.

Gut möglich indes, dass die 44-Jährige antworten würde: «Nein danke, mit dem bisschen werde ich allein fertig.» An der offenen Schweizermeisterschaft in Wangen a. Aare brachte die quickfidele Powerfrau 127,5 Kg im Kreuzheben (was dem Coop-Säcke schleppen Nahe kommt), respektive 57,5 kg im Bankdrücken zur Hochstrecke. «Das ist schon ganz wacker», so die Rheintalerin über ihre Leistung, die sie zur Siegerin machte. Frauen, die ihr eigenes Körpergewicht und mehr heben, das sei schon ordentlicher, so Michaela Lässer. Sie muss es ja wissen - 2002 war sie Weltmeisterin, 2007 Europameisterin im Kreuzheben. Und zwar bei den «World Drug Free Powerliftern» - denen ohne anabole Steoriden in der Rösti und Peptidhormonen im Birchermüesli also..

Frauen an die Hanteln

Die starke Ostschweizerin, freilich frei von Muskelbergen, kam vor 20 Jahren erstmals mit einem Fitnesscenter in Berührung und ernährt sich vegetarisch. Im Fitnesscenter hat sie ihren ebenfalls sehr erfolgreich im Kraftsport aktiven Mann getroffen. «Wir können uns gegenseitig motivieren oder auch bremsen, wenn es nötig wird», hebt Lässer die Vorteile ihrer kraftstrotzenden Partnerschaft hervor. Und das mit der fleischlosen Kost, das funktioniert gut.

Die zur Krafterhaltung wichtigen Eiweisse holt sie sich aus Milchprodukten. Viele Frauen scheuen in Fitnesscentern aus Furcht vor Muskelbergen Hanteltraining. Sollten denn Frauen nicht mehr zu Gewichten greifen Frau Lässer-Walt? «Ja», schreit diese förmlich in den Saal . Gerade um die Figur in Schuss zu halten, oder abzunehmen, sei eine entwickelte Muskulatur sehr wichtig. «Weil sie 24 Stunden am Tag viel Energie benötigt und entsprechend Kalorien verbrennt.» Etwas, wogegen viele Frauen in der Regel nichts einzuwenden haben. und die Angst vor überdimensiononierten Muskeln sei unbegründet.

Unscheinbar stark

Einer, der weiss, dass viel Kraft nicht a priori viel Muskelberge bedeuten, ist Marcel Ingold. Der 65-Jährige ist seit 40 Jahren Kraftsportler. Der Bettlacher holte sich in Wangen als Gesamtsieger im Kreuzheben seinen gefühlt 327. Pokal. «Ich habe mir kürzlich die Mühe gemacht, einmal nachzurechnen, wie viele Titel ich in den letzten Jahren gewonnen habe», so Ingold. Stolze 6 Welt-, 11 Europa- und 19 Schweizermeistertitel und ein paar Weltrekorde in seiner Alters- und Gewichtsklasse sind da zusammengekommen. «Ich trainiere zu Hause im Keller», so Ingold. Und zwar «die Muskeln, die Kraft geben.» Und nicht die, die ihn zum Michelin-Mannli machen. Denn: «Wenig Muskeln und viel Kraft ergeben viele Punkte», so die ausgeklügelte Taktik des Werkzeugmachers. Beim Powerlifting wird das gestemmte Gewicht mit dem Alter und dem Körpergewicht des jeweiligen Athleten in Relation gebracht, was dann zu einer bestimmten Punktzahl führt. Wenn der nur 72 kg schwere Ingold also 175 Kg im Kreuzheben hebt, spickt ihn das in der Rangliste weit hinauf.

Der Routinier ist kein schriller Sieger. Als der Solothurner in Wangen a. Aare (noch ohne Wettkampf-Tenue) zum Einwärmraum ging, hielt man ihn für einen, der da am Tresen Bier ausschenken oder Pommesfrites frittieren soll. «Ich bin eben ziemlich unscheinbar. Ich gehe auf die Bühne, bringe meine Leistung und gehe wieder», so Marcel Ingold. Tja - wehe wenn sie losgelassen, dann fliegen die Hanteln. Zum alten Eisen gehören höchsten Ingolds alte Hanteln.