Kurt Fluri: Das ist ein Mann, der für Realitätssinn und glasklare Analysen bekannt ist. Eigentlich. Kürzlich stellte er fest: «Das Zeitalter jahrzehntelanger Amtsinhaber ist vorbei. Man hört ja schon nach zwölf Jahren, dass man ein Sesselkleber ist.» Doch was Fluri da analysiert hat, soll nicht für ihn selbst gelten: Seit über 24 Jahren sitzt der 62-Jährige nun schon im Solothurner Stadtpräsidium. Und auch in Bundesbern hat er bereits 14 Jahre als Nationalrat angesammelt. Werden es noch mehr, wenn Fluri 2019 nach 16 Jahren und im Alter von 64 nochmals antritt?

Die Solothurner FDP ist in einer Lage, die man als ebenso glücklich wie traurig beschreiben kann. Sie hat nichts zu verlieren. In Bern besetzt sie gerade noch einen der acht Solothurner National- und Ständeratssitze. Es gibt höchstens, mit einer Portion Glück, einen zweiten Sitz zu gewinnen.

Nichts zu verlieren also, aber auch nichts zu bestimmen hat die FDP bei ihrem Nationalratssitz. Hier entscheidet alleine Kurt Fluri. Will der Solothurner Stadtpräsident 2019 nochmals antreten, wird ihn niemand in der FDP aufhalten wollen: In Bern ist er mächtig. In Solothurn ist er über das eigene Lager hinaus hoch angesehen und Stimmgarant für seine Partei, auch wenn er vom rechten Parteirand nicht nur Beifall erntet.

Für die FDP geht es 2019 vor allem darum, ob es bei ihrem politischen Spitzenpersonal eine Verjüngung gibt. Denn Perspektiven haben aufstrebende FDP-Talente seit Jahren nicht mehr. Erst wenn Fluri abtritt, haben neue Köpfe einen garantierten Platz. Strebt die Partei aber den höchst unsicheren Gewinn eines zweiten Sitzes an, geht es wiederum nicht ohne Fluri: Er holt für die FDP Stimmen wie kein anderer. «Starke Bäume werfen lange Schatten», hatte FDP-Kantonalpräsident Stefan Nünlist kürzlich zur Personalfrage Fluri gesagt. Vorerst gilt in der FDP aber: Wenn Fluri will, stellt er nach wie vor alle in den Schatten. Er selbst nimmt dazu keine Stellung. Erst ein Jahr vor den Wahlen werde er sich nach Rücksprache mit seiner Partei äussern, so Fluri auf Anfrage.

Ständeratsrücktritt als Chance

Eine Verjüngung stünde in der FDP vielleicht an, wenn SP-Ständerat Roberto Zanetti nicht mehr antritt. Dann könnten die Liberalen mit reellen Chancen für das Mandat antreten. So scheine einigen Bildungsdirektor Remo Ankli, der bestgewählte Regierungsrat, ein sicherer Wert. Anzeichen, dass der Schwarzbube das Solothurner Rathaus nach sechs Amtsjahren verlassen will, gibt es bisher allerdings nicht.

Und was ist, wenn Zanetti nochmals kommt? Die Diskussionen seien noch nicht geführt, sagt FDP-Parteipräsident Stefan Nünlist. Seine persönliche Meinung lässt er aber durchblicken: Es sei wichtig, dass es eine bürgerliche Auswahl gebe, propagiert er eine FDP-Kandidatur. Sonst beisst allerdings auf Granit, wer zur Personaldebatte bei Nünlist anklopft. «Es ist zu früh», sagt der Oltner. Parteiintern würden Gespräche geführt. Klar sei aber: «Kurt Fluri ist ein hervorragender Nationalrat.»

Ein sicherer Wert für die SVP

Fast schon verdächtig ist auch die Stille, die in der SVP herrscht. Eine offene Personaldebatte? Fehlanzeige in der Partei, die eigentlich nur zu gerne über Macht und Köpfe diskutiert. Doch allzu überraschend ist das nicht: Walter Wobmann sitzt fest im Sattel. Zu fest?

Obwohl auch er bereits seit 2003 im Nationalrat ist, dürfte kein SVP-Exponent ernsthaft auf die Idee kommen, seine Kandidatur öffentlich infrage zu stellen. Dass es zu dieser kommt, steht so gut wie fest: «Wenn nichts mehr dazwischenkommt, stelle ich mich im Herbst 2019 nochmals zur Verfügung», kündigt Wobmann an. Er sei «top motiviert», seine politische Arbeit fortzusetzen. «Schliesslich», sagt der Gretzenbacher, «gibt es noch viel zu tun in Bern, und in meinen Dossiers stehen entscheidende Weichenstellungen an.»

Für die Solothurner SVP ist Wobmann ein sicherer Wert. «Wir brauchen den Walti», sagt ein Mitglied des Führungszirkels. 2011 und 2015 war er der bestgewählte Nationalrat des Kantons. Gleichzeitig dürfte es dem 60-Jährigen nicht ungelegen kommen, dass die Partei eben erst eine wüste «Sesselkleber»-Debatte hinter sich hat. SVP-Urgestein Roland Borer wurde 2015 vom Stimmvolk abgewählt, nach 24 Jahren im Nationalrat und parteiinternem Widerstand gegen seine erneute Kandidatur. Den Sitz des Gäuers eroberte der 36-jährige Schwarzbube Christian Imark. Hier der Neuling, da der Routinier: Wobmann bedient sich auch dieser Erzählung, um seiner erneuten Kandidatur den Boden zu bereiten. «Unsere SVP hat eine Vertretung in Bern, die sich ideal ergänzt, was die Mischung angeht.»

Was hat der Mann, der sich in der SVP am ehesten Chancen auf einen Sitz in der grossen Kammer ausmalen könnte, dem entgegenzusetzen? Christian Werner, Fraktionschef im Kantonsrat und Oltner Gemeinderat, ist erster Ersatz auf der SVP-Nationalratsliste. Die Wiederkandidatur Wobmanns will der 33-jährige Rechtsanwalt mit Verweis auf die Verfahren innerhalb der Partei nicht kommentieren. «Das Amt eines Nationalrats reizt mich weiterhin sehr», sagt er zu seinen eigenen Ambitionen. Allerdings sei er als Milizpolitiker auch in keiner Weise abhängig von einem politischen Amt, und eine politische Karriere könne man nun mal nicht planen.

Pragmatismus oder Zynismus? Es scheint bereits überrissen, Werners Worte als leise Kritik an Wobmann zu bezeichnen.

Wobmann und die rechte Flanke

Scharf, klar, stets auf Angriff. So kennt man Wobmann. Anfänglich gerne unterschätzt, verweisen heute selbst Gegner auf seinen Instinkt für Stimmungen und deren politisches Potenzial. Der Hardliner hat kein Problem damit, wenn etwa seine Kämpfe gegen Symbole des Islams als Kulturkampf daherkommen. Er ist der Vater der Anti-Minarett-Initiative und des Referendums gegen die 100-Franken-Autobahnvignette. Und er will es wieder allen zeigen: Die Verhüllungsverbots-Initiative seines Egerkinger Komitees könnte noch dieses Jahr vors Volk kommen.

In den innersten Parteizirkel der SVP Schweiz ist Wobmann freilich nie vorgestossen, was ihn aber kaum stören dürfte. Vielmehr kümmert sich der Solothurner verlässlich um die rechte Flanke. Ein Verhüllungsverbot interessiere ihn «nicht die Bohne», frotzelte der langjährige SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz zwar einmal. Unmöglich könne die SVP «jedem unserer Parlamentarier helfen, wenn er im Alleingang eine Initiative ergreift». Wobmann muss sich solche Standpauken des Berner Schwergewichts jedoch nicht mehr lange anhören: Dass Amstutz, der ebenfalls 2003 erstmals in den Nationalrat gewählt worden ist, nächstes Jahr wegen einer Amtszeitbeschränkung seiner Kantonalpartei abtreten muss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Die Solothurn Parlamentarier 2018