Sonntag 8.59 Uhr Nordbahnhof Grenchen. Der Interregio nach Basel fährt pünktlich.

Toll dass es in Grenchen zwei Bahnhöfe hat. Die direkte Fahrt in den Tunnel mit Halt in Moutier, Delémont und «Loffon» (Laufen) ist abwechslungsreich. Als ich Choindez passiere, erinnert die Szenerie nicht nur landschaftlich an das Von-Roll-Areal in der Klus, Choindez, ein Denkmal vergangener Stahlindustriezeiten. Item …

Vorgesehen sind ein Besuch der Baselworld und ein Zwischenstopp an der internationalen Uhrenbörse. Zwei Veranstaltungen von ganz unterschiedlicher Art. Es fällt auf, im Zug hat es, anders als in früheren Jahren, keine Honkongchinesen, Festlandchinesen oder Japaner – in den Boomjahren einquartiert bis «ennet» den Juraketten.

10 Uhr Hotel Radisson Blue, Uhrenbörse. Gefühlte tausend Männer und fünf Frauen drängen sich im zu kleinen Saal. Dicht an dicht präsentieren die Händler aus allen Ecken der Welt ihre Raritäten. Die Kunden passen in kein Schema. Vom auffälligen Sonderling bis zum Managertyp im Armani-Anzug ist alles zu finden. Gesuchte Modelle sind gut zu prüfen, da wird auch viel zusammengebastelt, um im Nachhinein Wertigkeit vorzutäuschen. Die zeitliche Übereinstimmung von Modellnummer, Lunette, Zifferblatt, Zeiger und Werk sind entscheidend für den Wert einer Vintage Uhr.

Wichtig sind die 60er- bis 70er-Jahre. In dieser Zeit wurden auch in den solothurnischen Manufakturen wie Certina (Grenchen), Roamer (Solothurn und Mümliswil) und Enicar (Lengnau und Oensingen) Uhren von höchster Qualität und unverwechselbarem Styling hergestellt. Diese Uhren werden heute gut gehandelt, aus meiner Sicht sind sie (noch) klar unterbewertet.

Ein paar Tramstationen bis zur Baselworld, schon beim Eingang kein Gedränge, protzige Stände der grossen Brands wie Rolex und Patek Philipp, kleine Bollwerke, eher abweisend mit viel Security und wenig Publikum. Statisch wirkt das und wenig attraktiv. Der Frauenanteil ist hier höher, ein Teil der jungen Frauen, die als Hostessen tätig sind, hat sich wohl vor ein paar Wochen noch am Autosalon zwischen den Neuheiten des Autosalons geräkelt. Aussenrum an den Festungen der Brands gibt es Vitrinen, wo sich relativ wenige Menschen die Nasen platt drücken. Klar, Rolex präsentiert eine neue GMT-Pepsi, die Firma hält den Hype hoch und das Gefühl des Habenwollens wird durch wirkungsvolles Verknappen von «Stahl-Sporties» verstärkt.

Interessant, dass Hayek-Brands wie Tissot und Certina ihre glorreiche Vergangenheit mit der Neuauflage von kultigen Uhren aus den 70ern feiern. Hier wird ein direkter Bezug zum Vintage Markt hergestellt. Das passt zu Zeitungsmeldungen, wonach Marken sich vermehrt den Vintage Uhren annehmen, ja sogar ihre antiken Stücke auf dem Markt zurückkaufen.
«Les Ateliers» eine kleine Sektion mit marktähnlichen Ständen. Hier knistert es, Kleinstmarken mit innovativen Produkten. Hier wird auf kleinem Raum sichtbar, dass Nischenprodukte gute Chancen im globalisierten Markt haben.

Eben wieder «Loffon» passiert, das Fazit dieses Tages bei den Uhren: Es gibt keine Uhrenkrise. Die Branche ist im Wandel. Wie man es auch immer dreht, die Apple Watch und andere Smartwatches fordern die Branche mächtig. Da werden nicht alle mitkommen. Anders als in den 70ern werden jedoch nicht einfach die Innovationen der anderen kopiert, um damit grandios zu scheitern, sondern die Branche besinnt sich auf das, was den Jurasüdfuss-Uhrencluster heute ausmacht. Anpassungsfähigkeit und Kreativität, gepaart mit Beharrungs- und Durchhaltevermögen, dies in einem Wirtschaftszweig der labiler und emotionaler tickt als andere.

Die Uhr lebt. Sie ist mechanisch, männlich und emotional.

*Der Autor ist Leiter soziale Dienste Oberer Leberberg.