Verkehrspolitik
Die umstrittene Frage: Was bringen Tempo-30- Zonen?

Die Diskussion um Tempo-30-Zonen wird emotional geführt., das Thema ist in Solothurn gerade sehr aktuell. An der Verkehrskonferenz kamen verschiedene Politiker und Experten zu Wort.

Simon Wyss
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Von links: Kurt Fluri, Yves Staub, Franziska Roth, Andrea Affolter, Michael Schwaller und Peter Heiniger.

Von links: Kurt Fluri, Yves Staub, Franziska Roth, Andrea Affolter, Michael Schwaller und Peter Heiniger.

Hanspeter Bärtschi

Tempo-30-Zonen sind derzeit in aller Munde. Der Touringclub Schweiz griff das Thema an der zweiten Verkehrskonferenz im Verkehrssicherheitszentrum Derendingen auf. Vor dem Podiumsgepräch referierte Olivier Caspar, Umweltingenieur der ETH Zürich und Projektleiter Strassengestaltung und Verkehr des TCS.

«Die Tempo-30-Zonen lösen nicht alle Probleme.» Mit diesem Satz läutete der Umweltingenieur das umstrittene Thema ein und gab einige grundlegende Informationen. Wichtig zu wissen: Gemäss Verordnung dürfen Fussgängerstreifen in solchen Zonen nur angebracht werden, wenn die Vortrittsbedürfnisse für Fussgänger dies fordern. Ausserdem muss die Wirkung der Zonen nach einem Jahr überprüft werden. Die Errichtung von Tempo-30-Zonen führt oft weitere Massnahmen mit sich. Zum Beispiel die Einrichtung von Hindernissen, wie Zonenportalen, versetzten Parkplätzen oder Schwellen.

Keine generelle Verbesserung

«Eine generelle Verbesserung ist nicht erwiesen», so Caspar. Dies zeige eine Studie der ETH Zürich. Das Unfallrisiko sei sogar gestiegen für Fussgänger. Autofahrer als auch Fussgänger würden nicht genügend achtgeben. «Bei Tempo-30-Zonen ist der Treibstoffverbrauch grösser, da die Lenker bei Hindernissen abbremsen und beschleunigen müssen», erklärt er. Die Zonen könnten auch negative Auswirkungen haben. «Der Verkehr kann sich auf andere Strassen und Quartiere verlagern», sagt der TCS-Vertreter.

Problemzonen in Solothurn

Die Diskussion ist momentan in Solothurn aktuell. Experten des TCS untersuchten die Unfallschwerpunkte. Anstelle der Kreuzung der St.-Niklaus-Strasse und des Herrenwegs erachten sie einen Kreisverkehr als gute Lösung. «Es ist genügend Platz vorhanden. Ausserdem entstehen bei Kreisverkehren weniger Unfälle», sagt Caspar. Bei der Kreuzung, wo die Frank-Buchser-Strasse und die Obere Sternengasse in die St. Niklausstrasse einmünden, gibt es viele Konflikte mit Fahrrädern. «Abschrankungen wären eine kostengünstige Lösung. Die von oben kommenden Radfahrer könnten nicht einfach um die Ecke fahren», argumentiert Caspar. Eine Tempo-30-Zone auf der St. Niklausstrasse komme für den TCS nicht infrage.

SP für flächendeckend Tempo 30

Es diskutierten am Podiumsgespräch Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn und Nationalrat der FDP, Yves Staub, Chef Verkehrstechnik der Kantonspolizei, Franziska Roth, SP-Kantonsrätin und Gemeinderätin, Michael Schwaller, FDP-Gemeinderat und Peter Heiniger, Kantonsingenieur. Durch das Gespräch führte Andrea Affolter, Redaktorin des Regionaljournals Aargau-Solothurn von Radio SRF. Auf die Frage, wer sich für flächendeckende Tempo-30-Zonen in der Stadt Solothurn aussprechen würde, erhob nur Roth die Hand. Sie sei nicht einig mit Olivier Caspar, dass das Unfallrisiko für Fussgänger grösser sei. «Eine Studie der ETH aus dem Jahr 2001 belegt genau das Gegenteil», hielt die SP-Politikerin fest. Der Verletzungsgrad bei den Unfällen in Tempo-30-Zonen sei weniger gross. Yves Staub von der Kantonspolizei ist diesbezüglich gleicher Meinung: «Eine Tempo-30-Zone reduziert die Unfallfolgen». «Flächendeckend Tempo 30 wäre von Vorteil, weil dann die Autofahrer auch wüssten, wo sie nur 30 fahren dürften», erläutert Roth und verweist auf Erfahrungen anderer Städte. Gemeinderat Michael Schwaller setzte einen Kontrapunkt: «Man kann nicht alle Strassen über die gleiche Kante schlagen.» Stadtpräsident Fluri doppelt nach: «Manche Gemeinden haben unnötige Tempo-30-Zonen geschaffen.»

Nicht die Lärmschutz-Lösung

Teil der emotionalen Diskussion ist auch immer das Thema rund um den Lärm. «Tempo-30-Zonen werden oft missbraucht für den Lärmschutz. Diese sind aber nicht sinnvoll für die Lösung des Lärmproblems», hält Kantonsingenieur Peter Heiniger fest. Lediglich um 1,5 Dezibel würde die Geschwindigkeitsbegrenzung die Geräusche der Motoren senken. «Es gibt lärmdämpfende Strassenbeläge, welche den Schall um sechs Dezibel verringern», teilt Heiniger mit. «Diese zeigen eine viel bessere Wirkung, als die Geschwindigkeitsreduktionen.» Schliesslich stellt sich auch die Frage der Finanziellen Mitteln. Die Tempo-30-Zonen seien nicht immer die billigere Lösung, erklärt Michael Schwaller. «Der Unterhalt für die Hindernisse kostet auch etwas», so der FDP-Gemeinderat. «Die Ausgabe muss immer auch in Relation mit der Wirkung gestellt werden», ergänzt Stadtpräsident Kurt Fluri.

Die Perspektiven ungewiss

Auch bei der Frage, ob man in 20 Jahren noch über Tempo-30-Zonen debattieren werde, zeigen die Teilnehmer verschiedene Vermutungen. «Ich bin mir sicher, dass unnötig geschaffene Zonen in Zukunft wieder aufgehoben werden», vermutet Fluri. Franziska Roth hingegen glaubt an eine flächendeckende Umsetzung.

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