So schwer zu begreifen ist es gar nicht: Wenn auch nur ein Glied der Kette bricht, hält das Ganze nicht mehr. Ein schwächelndes Teil im Generator eines Elektroautos kann zum Stillstand führen. Wenn die Leber nicht mehr mitmacht, vergiftet sich der Körper selbst.

Ist nicht auch eine Gesellschaft, deren schwächste Mitglieder keine Beachtung mehr erfahren, gefährdet? Hand aufs Herz: Neigen wir nicht dazu, Menschen, die aus Armut betteln, stehlen, vielleicht nur unangenehm auffallen oder randständig sind, noch mehr auszugrenzen?

«Leave no one behind» (niemanden zurücklassen) lautet die Vision der Vereinten Nationen und drückt sich im Credo ihrer «Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung» aus: Die Welt kann sich nur nachhaltig entwickeln, wenn dieses Prinzip auf allen Ebenen und in allen Handlungen beachtet wird. Ob im Quartier, in der Sozialhilfe oder in der Entwicklungszusammenarbeit: Niemand darf zurückgelassen werden, ansonsten ist keine gesunde Entwicklung des Gesamtsystems möglich.

Soweit die Theorie, nun zur Praxis: Der Bundesrat hat seine Gedanken zur Internationalen Zusammenarbeit in einem Entwurf vorgestellt. Der Einsatz der Schweiz im Ausland soll immer auch den Interessen der Schweiz dienen. Weiter möchte der Bund mit seiner Entwicklungsarbeit die Wirtschaft fördern, die Migration vermindern und das Klima schützen. Die politische Windfahne ist damit gehisst. Der Kurs mitten ins parteipolitisch geprägte parlamentarische Geschacher ist aufgenommen!

Meint der Bund mit Wirtschaftsförderung die Förderung der kleinbäuerlichen Betriebe, die fast 80 Prozent der weltweit ärmsten Bevölkerung ausmachen? Welche Migrantenströme von Millionen Menschen aus dem Süden will der Bund damit verhindern? Die, die uns gar nie erreichen? Nimmt es der Bundesrat jetzt auf einmal ernst mit dem Ausstieg aus den fossilen Energien – und warum will er diesen Klimaschutz zulasten der internationalen Zusammenarbeit erreichen?

Das sind Fragen, die in der bundesrätlichen Botschaft unbeantwortet bleiben. Ihre Beantwortung darf aber bitte nicht an die politische Beliebigkeit delegiert werden.

Politikkohärenz wäre nötig, doch das war noch nie die Stärke des Parlaments, in welchem die Einzelinteressen überwiegen. Dass sich unterschiedliche Politikfelder nicht widersprechen und eine kohärente Linie Richtung Nachhaltigkeit verfolgt wird, darüber müsste der Bundesrat wachen. Müsste.

Leider glänzt auch die Regierung nicht mit Kohärenz. Tabakprävention auf der einen, Philipp Morris als Sponsor für den Nationalpavillon auf der anderen Seite? Es brauchte die Intervention der WHO, um dagegen zu sein. Glencore als Sponsor für die pompöse Eröffnung des neuen Botschaftsgebäudes in Moskau? Den zahlreichen Recherchen über schmutzige Geschäfte dieses Unternehmens zum Trotz war der Zustupf willkommen.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Profitorientierte globale Konzerne fühlen sich kaum in der Pflicht, die Zurückgelassenen mitzunehmen. Erwarten können wir das nur von klugen, vorausdenkenden Regierungen.

Dürfen wir uns von den zuständigen Bundesräten Guy Parmelin und Ignazio Cassis eine Internationale Zusammenarbeit erhoffen, die über die kurzfristigen – vermeintlich schweizerischen – Interessen hinausdenkt? Die «Agenda 2030» hat die Schweiz immerhin unterschrieben. Der Auftrag ist zudem von vorgestern, denn auch in der Bundesverfassung steht geschrieben: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.» So schwierig zu verstehen ist das doch gar nicht.