Hört man heute den Namen Altreu, denkt man an schöne, alte Bauernhäuser, die Storchensiedlung und die Schifffahrt. Doch die Siedlung bei Selzach war im 12. und 13. Jahrhundert ein richtiges Städtchen. Wissenschaftliche Funde und Ausgrabungen belegen eine lange Siedlungsgeschichte. Glaubte man früher, dass die aufgefundenen Mauerreste von den Römern stammten, weiss man heute, dass sich diese Funde als mittelalterliche Stadtburg – als «Schlosshubel» – erklären lassen.

In den 1990er und 2000er Jahren führte Ylva Backman, Mittelalter-Expertin des archäologischen Dienstes des Kantons Solothurn, hauptsächlich Baubegleitungen bei Bauvorhaben im Bereich der ehemaligen Stadtmauern durch. Mit Hilfe des Tauchclubs Solothurn wurden die versunkenen Reste der mittelalterlichen Stadtmauern in der Aare lokalisiert. Altreu kann trotz der dünnen Quellenlage als Glücksfall für die schweizerische Mittelalterforschung bezeichnet werden, da das damals zerstörte Städtchen nicht wieder aufgebaut wurde und die Funde zu einem grossen Teil «auf der grünen Wiese» zu lokalisieren sind. Soeben erschien ein Buch über Altreu im Mittelalter, welches diese Woche in Selzach vorgestellt wird.

94 Häuser, Pferde und Rinder

Die archäologischen wie auch die historischen Hinweise sprechen für eine Gründung Altreus in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Dafür können Gefäss- und Ofenkeramik herbeigezogen werden. Die älteste schriftliche Erwähnung Altreus stammt aus dem Jahr 1279 – wobei aber unklar ist, ob es sich hier um die Nennung des Ortes bereits als Stadt handelt. Man kann aber davon ausgehen, dass die Gründung Altreus auf das dritte Viertel des 13. Jahrhunderts zu datieren ist.

Altreu ist eine von rund vierzig mittelalterlichen Stadtwüstungen in der Schweiz, von denen nur wenige archäologisch untersucht worden sind. Besonders gut erhaltene Reste der städtischen Wohnbauten aus dem 13. und 14. Jahrhundert machen die Fundstelle bedeutsam. Es ist zu erkennen, dass die Häuser multifunktional nutzbare Einheiten bildeten, die Wohnen und Arbeiten unter einem Dach möglich machten. Auffallend sind viele Eisenfunde. Nachgewiesen werden konnte, dass in einem Haus eine Schmiede betrieben wurde. Werkzeuge wurden hier insbesondere nachgebessert und nachgeschmiedet, das ist an der vorgefundenen Eisenschlacke abzulesen.

Wie viele Bewohner in Altreu lebten, ist schwierig abzuschätzen, da entsprechende schriftliche Quellen fehlen. Aufgrund der Ausdehnung der Stadt wird eine Anzahl von rund 94 Häusern angenommen. Wenn man pro Haushalt mit vier bis fünf Personen rechnet, so könnten damals zwischen 370 und 470 Personen in Altreu gelebt haben. Im Vergleich zu anderen Städten im Spätmittelalter wurden in Altreu überproportional viele Pferde- und besonders Rinderknochen festgestellt. Dies spricht für einen höheren Anteil von Landwirtschaft als für Gewerbe oder Handel, da Pferde und Rinder als landwirtschaftliche Nutztiere eine grosse wirtschaftliche Bedeutung hatten.

Toter Stadtherr, zerstörte Stadt

Die von einer Stadtmauer und zwei Gräben umringte Stadt besass einen mehr oder weniger quadratischen Grundriss von etwa 120 mal 150 Metern. Die Häuser sind als Ständerbauten aus Holz zu beschreiben. Im Kontext der Städtegründungswelle im 13./14. Jahrhundert ist Altreu eine unter vielen. Die Gründung erfolgte aber nicht einfach irgendwo, sondern es konnte aufgrund von gemahlenen Getreidefunden nachgewiesen werden, dass vor der Stadtgründung hier bereits ein herrschaftlicher oder zumindest wirtschaftlicher Mittelpunkt bestanden hatte, der einem Feuer zum Opfer fiel.

Gegründet wurde Altreu von den Grafen von Neuenburg-Strassberg, einem Seitenzweig der Grafen von Neuenburg, deren Einflussgebiet in dieser Gegend auf jenes der Grafen von Frohburg, der Grafen von Kyburg und des Bischofs von Basel traf. Mit der Errichtung einer Stadt zielten die Grafen von Neuenburg darauf ab, ihre Herrschaft zu intensivieren, zu verdichten und einen wirtschaftlichen sowie militärischen Stützpunkt an der Grenze zum neuenburgischen Gebiet zu errichten.

Gemäss Überlieferungen in Chroniken wurde das Städtchen 1375 beim Guglereinfall zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Archäologisch ist tatsächlich eine Brandkatastrophe in diesem Zeitraum nachweisbar. Verkohlte Schwellbalken sämtlicher bisher zum Vorschein gekommener Wohnbauten sind Beweise dafür. Das 14. Jahrhundert gilt in der historischen Forschung generell als Krisenzeit: Klimaverschlechterung, Ernteausfälle, Hungersnöte und immer wiederkehrende Pestwellen. Dennoch ist archäologisch der Guglereinfall nicht nachzuweisen, aber auch nicht auszuschliessen. Beim mutmasslichen Guglereinfall kam mit Rudolf IV von Neuenburg-Nidau der Stadtherr von Altreu ums Leben. Damit verlor die Kleinstadt ihren bedeutendsten wirtschaftlichen und politischen Förderer. Dies muss als einer der Hauptgründe für den Nichtwiederaufbau des Städtchens angesehen werden.

Nach der Aufgabe der Stadt frass sich die Aare immer mehr ins wüstgefallene Städtchen, sodass bis heute rund ein Viertel der ursprünglichen Stadtanlage weggespült wurde.

Buchvernissage Solothurner Kantonsarchäologie und Schweizerischer Burgenverein: 22. November, 18.30 Uhr, Pfarreizentrum Selzach.

Hardmeier, «Altreu im Mittelalter – eine Stadtwüstung im Kanton Solothurn» Bd. 46 der Reihe «Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters»