Ein Gestell aus massivem Nussbaumholz und ein im wahrsten Sinne federleichtes Polster – überzogen von einem mit 600 Messingnägeln fixierten Stoffbezug. Der Lehnstuhl scheint wie gemacht für gekrönte Häupter. «Wer diesen geschenkt bekommt, hat ein Jahrhundert hinter sich gebracht», sagt Rolf Ryf, der Erbauer. Die Augen des Innendekorateurs leuchten.

Solothurnerinnen und Solothurner, die ihren 100. Geburtstag feiern, werden vom Landammann persönlich besucht. Samt Staatsschreiber und Standesweibel in Montur versteht sich. Eine edle Tradition. Genau wie das Geschenk, das die Jubilare dabei erhalten. Zur Auswahl stehen: 50 Gramm Gold oder eben ein Lehnstuhl.

Zwei Monate vorher bestellt

In der Werkstatt von Rolf Ryf an der Schanzenstrasse in Solothurn weht ein Hauch von Nostalgie, von Werkstatt-Romantik früherer Zeiten. In raumhohen Regalen stapeln sich Kisten mit Schrauben und feinen Stoffen. Holzstühle und Fauteuils warten darauf, frisch gepolstert zu werden. «Jedes Stück hat seine eigene Geschichte», schwärmt Ryf. Er kramt einen vollgestopften Ordner hervor, legt diesen auf die Werkbank.

Unter dem ersten Register sind sie fein-säuberlich eingeordnet: die Briefe und Faxe aus der Staatskanzlei. «Etwa zwei Monate vor einem Hundertsten bestellt die Regierung einen Lehnstuhl», berichtet Ryf. Dann machen sich er und seine Mitarbeiterinnen an die Arbeit. Ein Appenzeller Schreiner liefert das Holzgestell, der Stoff – gelb-beige gesteift mit floralem Touch – stammt aus einer Zürcher Weberei.

Dann das Polstern. «Eine wahre Wissenschaft», sagt Ryf. Allein bei der Auswahl der stählernen Sprungfedern: Drahtstärke, Dicke und Länge bestimmen den Sitzkomfort. Bei den «Staats-Sesseln» seien die Federn besonders lang, erklärt der Polsterer. «Damit die Hundertjährigen nicht gleich einsinken.» Als Füllmaterial dienen Pferdehaare und Kokosfasern. Auf der Rückseite des Kopfpolsters wird schliesslich ein Gravurschild mit Namen und regierungsrätlicher Widmung angebracht.

Besondere Ehre

Zeit für eine Kaffeepause. Im Ausstellungsraum des Innendekorateurs könnte man es sich gemütlich machen, doch Gastgeber Ryf zieht das benachbarte Café vor. Nun verraten Sie uns aber: Warum verschenkt der Regierungsrat den Jubilaren einen Sessel? «Nun», antwortet Ryf verschmitzt, «so genau weiss ich das auch nicht.» Er baut die Stühle für Jahrhundert-Jubilare seit 1995, nachdem ein anderer Innendekorateur diese Aufgabe während über 40 Jahren innehatte.

Für ihn, der den Familienbetrieb seit 1987 in zweiter Generation führt und zwei Mitarbeiterinnen sowie eine Lernende beschäftigt, eine besondere Ehre. «Das Polstern ist bis heute unser Kerngeschäft.»

Vier «Staats-Sessel» pro Jahr

Dem Regierungsrat sind die ältesten Mitbürger was wert. Rund 3000 Franken kostet ein «Staats-Sessel». «Natürlich wäre einer vom Discounter günstiger», räumt Rolf Ryf ein. «Unsere Sessel halten dafür Ewigkeiten.» Doch was hat jemand, der längst den Spätherbst des Lebens hinter sich gebracht hat, denn davon? Ryf weiss es: «Die meisten Jubilare vermachen den Lehnstuhl, auf dem sie ihren letzten Lebensabschnitt geniessen, an einen ihrer Liebsten.»

Jährlich liefern Ryf und sein Team etwa vier «Staats-Sessel» aus, derweil besucht der Landammann mehr als doppelt so viele Hundertjährige. Einige liessen sich lieber Gold schenken oder seien bereits bettlägerig, vermutet Ryf. Auch wenn er bei der Übergabe «seiner» Sessel nie dabei ist, hat er diese schon in etlichen Wohnzimmern entdeckt. «Meistens bei Kunden, die den Sessel geerbt haben.» Unvergesslich bleibt die Geschichte, als Ryf von einer «zwägen Dame» in einem Grenchner Altersheim ins Zimmer gebeten wurde und er ihren Jubilaren-Lehnstuhl vorgeführt bekam. «Die Frau war 109 Jahre alt», staunt Ryf noch heute.

Rolf Ryf, der mit seiner Frau in Rüttenen lebt, ist 59 Jahre alt. Möchte er dereinst selbst hundert werden? Er überlegt, hält kurz inne. Dann meint er: «Ja, warum eigentlich nicht?» Wenn es die Gesundheit zulasse, ist Ryf überzeugt, sei so ein dreistelliger Geburtstag bestimmt etwas Schönes.