Solothurn et les Welsches
Die Sprachgrenze zum Französischen zeigt sich auch im Tourismus

Einst war Solothurn Sitz des französischen Gesandten. Abgesehen von dieser Tatsache scheint das Französische in Grenchen oder Olten heute ebenso präsent zu sein.

Samuel Thomi
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«Der Weissenstein ist für die Jurassier ein beliebtes Ziel», so Jürgen Hofer von Solothurn Tourismus. Insgesamt schätzt Hofer den Anteil französischer Touristen auf zwei bis drei Prozent

«Der Weissenstein ist für die Jurassier ein beliebtes Ziel», so Jürgen Hofer von Solothurn Tourismus. Insgesamt schätzt Hofer den Anteil französischer Touristen auf zwei bis drei Prozent

Keystone

Solothurn und Französisch: Das ist nicht nur die viel zitierte Verbindung bis vor 200 Jahren, als die heutige Kantonshauptstadt Sitz des Gesandten Frankreichs war. Solothurn ist noch immer ein Grenzkanton. Und von den 360 Kilometern Kantonsgrenze sind deren 50 auch eine Sprachgrenze – zum Berner Jura, zum Kanton Jura und zu Frankreich. Klar, dass da auch ein reger gesellschaftlicher und kultureller Austausch stattfindet; beispielsweise Männer und Frauen aus dem Jura, die ihren Arbeitsplatz in der Uhrenindustrie am Jurasüdfuss haben. Oder Elsässer, die täglich zur Arbeit ins Schwarzbubenland pendeln.

Hinzu kommen – als zweite Möglichkeit für den französischen Einfluss – noch immer ein paar Westschweizer. Sie lassen sich wie einst – zur Blütezeit der (Uhren-)Industrie, als die Mobilität noch kleiner war – in Grenchen, Solothurn oder Olten nieder. So leben in Grenchen laut den Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) 707 muttersprachlich französische Einwohner; in Solothurn 431, und in Olten nur leicht weniger (402). Damit stellen die hauptsächlich Französischsprachigen in den drei Städten drei bis fünf Prozent der Bevölkerung.

Allerdings sprechen nicht nur muttersprachlich Welsche am Jurasüdfuss regelmässig Französisch. Laut BFS gibt es nämlich zehnmal mehr Leute, die im Alltag immer wieder mit der französischen Sprache konfrontiert sind. Nämlich je 5000 Leute oder ein Drittel der Bevölkerung der drei Städte. Überraschend auch hier, wie präsent die französische Sprache in Olten ist.

Berner Jura profitiert stärker

Eine dritte Möglichkeit, die Bande zwischen den Solothurnern und Französischsprachigen zu messen, ist der Tourismus. Weil jedoch Übernachtungen von Bernjurassiern und Jurassiern in den BFS-Zahlen nicht ausgewiesen werden, gibt es nur Zahlen zu Frankreich. Und die besagen, dass die Übernachtungen – wenn auch auf tiefem Niveau – in allen drei Städten in den letzten zehn Jahren in absoluten Zahlen zwar merkbar anstiegen. In Solothurn allerdings nahm der Anteil französischer Touristen gemessen am Total der Logiernächte überraschend ab; in der Ambassadorenstadt hat der Anteil der Touristen anderer Länder derweil schlicht viel rasanter zugenommen.

Die Sache mit den Abstimmungsbüchlein

Wie oft wird im Kanton Solothurn Französisch gesprochen? Klar ist nur: Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Geht es nach den Zahlen des Bundesamtes für Statistik, sind allein in den Städten Grenchen, Solothurn und Olten gut 15 000 Personen im Alltag regelmässig mit Französisch konfrontiert. Doch nur knapp ein Zehntel davon nennt Französisch als Muttersprache (siehe Haupttext/Tabellen). Eine weitere Annäherung an die mögliche Wahrheit liefern die Romands-Vereine der drei Städte: 230 Mitglieder nennen sie insgesamt auf Anfrage dieser Zeitung. Fragt man nun – um der Anzahl französischsprachiger Solothurner noch näher zu kommen – beim Kanton nach, wie viele Stimmberechtigte bei eidgenössischen Urnengängen jeweils ein welsches Abstimmungsbüchlein wünschen, sinkt die Zahl auf 150. Wobei Regierungssprecher Dagobert Cahannes klarstellt: «Das ist die Summe für den ganzen Kanton.» Eindeutig die meisten französischen Unterlagen würden dabei jeweils in Grenchen gewünscht. Dazu kommen jeweils total 50 italienischsprachige Abstimmungsbüchlein. «Und auf Rätoromanisch», so Cahannes, «wünscht von den ungefähr 175 000 stimmberechtigten Solothurnern niemand ein Abstimmungsbüchlein.» (sat)

Spannend hierzu ist der Vergleich mit dem Berner Jura: In der welschen Nachbarschaft ging der Anteil französischer Touristen in den letzten zehn Jahren zwar ebenfalls leicht zurück. Allerdings übernachten anteilmässig noch immer doppelt bis dreimal so viele Touristen aus Frankreich im Berner Jura als in den drei Städten am Jurasüdfuss.

Fragt sich, was lokale Touristiker dazu sagen. «Der Weissenstein ist für die Jurassier zwar ein beliebtes Ziel», so Jürgen Hofer von Solothurn Tourismus. Der Hausberg sei auch in der welschen Nachbarschaft Ziel vieler Schulreisen oder Ausflüge. Insgesamt schätzt Hofer den Anteil französischer Touristen auf zwei bis drei Prozent – «Tendenz in den letzten Jahren leicht steigend.» Das führt er nicht zuletzt darauf zurück, dass Solothurn bei der Destination Jura & Drei-Seen-Land Mitglied wurde. Diese ist in der Grenzregion zur Schweiz und im Raum Paris aktiv. Andere Angebote für Franzosen gebe es nicht. «Nationalität oder regionale Herkunft sind für uns bei der Vermarktung nicht relevant.»

Grenchen/Olten: knappe Mittel

Kleinere Brötchen bäckt Grenchen Tourismus. «Unser Budget, insbesondere unser Werbebudget, ist sehr klein», sagt Präsident Christoph Siegrist. Entsprechend wirbt die Uhrenstadt weder im Jura noch in Frankreich. Alle Angebote gebe es aber auch in Französisch.

Noch bescheidener tönts in Olten: Immerhin bietet die Dreitannenstadt einen welschen Stadtführer, Führungen auf Französisch sowie die zweisprachige Homepage des Schweizerischen Juravereins. «Wir haben als Zielgruppe Businessgäste im Fokus und setzen geografisch auf die Deutschschweiz», erklärt Geschäftsführer StefanUlrich. Olten wechselte auch von Bern Tourismus zur neuen Destination Aargau Tourismus.

Bereits erschienen «Alle rennen auf den Berg – und doch ist er eine Grenze» (9. 7.), «Ich merke leider erst jetzt, wie wichtig Deutsch ist» (16. 7.).