Fast sah es so aus, als ob Ständerat Roberto Zanetti auf der Bühne in der alten Turnhalle in Grenchen eine Träne verdrückt. Gerührt gestand der Gerlafinger: «Ich habe Hühnerhaut». Mit lang anhaltendem Applaus und stehender Ovation schickten die rund 140 SP-Delegierten ihren «Röbu» am Samstag ein weiteres Mal ins Rennen um einen Sitz im Stöckli. Er will dort seinen «Abwehrkampf gegen die neoliberale Restauration» fortführen.

Ja, die SP war schon mitten im Wahlkampf, als die Delegierten am Samstag in Grenchen ihre elf Nationalratskandidaten und die fünf Kandidatinnen für die drei Listen (60+ sowie die zwei Stammlisten) nominierten. Nebengeräusche sollten da keine die Delegierenversammlung stören. Und so gab es keine Fragen zum Stand der Listenverbindung mit den Grünen, auch wenn diese wohl zwingend ist, wenn die SP ihre zwei Sitze behalten will. Denn für die SP gilt wie für SVP und CVP: Der zweite Sitz ist nicht sicher. Solothurn wird ab 2015 nur noch sechs statt wie bisher sieben Nationalratssitze haben.

Und schon gar nicht thematisiert wurde unter diesem Umstand die erneute Kandidatur von Nationalrätin Bea Heim, auch wenn es im Vorfeld gewisse kritische Stimmen gab. Anders als bei der SVP, deren Delegierte über die erneute Kandidatur von Langzeit-Nationalrat Roland F. Borer diskutierten, blieb der SP-Parteileitung am Samstag ein Ringen um die Kandidatur der 69-jährigen Heilpädagogin erspart, die seit 2003 in Bern sitzt. Heim wurde diskussionslos nominiert. Kein Wunder: Sie hatte bei den letzten Wahlen weitaus am meisten Stimmen für die SP geholt.

«Für die andere Schweiz»

Frostig-kalt war es in der Alten Turnhalle in Grenchen, als Parteipräsidentin Franziska Roth den Parteitag eröffnete. Mit einer flammenden Rede versuchte sie, den Wahlkampf in den in Jacken eingehüllten Delegierten zu entzünden. «Ich will nicht, dass die Schweiz so bleibt, wie sie ist», sagte Roth. Denn die heute erfolgreiche Schweiz sei nur die halbe Wahrheit. «Zur anderen Hälfte gehören Arme und Frauen, die weniger verdienen als Männer», so die Solothurner Kantons- und Gemeinderätin. «Die Politik hat die Aufgabe, die Schweiz zu verändern.» Dank dem Einsatz der SP sei das Land ein wenig gerechter geworden, erinnerte Roth etwa den erfolgreichen Kampf ihrer SP-Kantonalsektion gegen die Senkung der Prämienverbilligung. 53 Prozent der Solothurner unterstützten SP und Grüne anfang März dabei an der Urne. «Wir kämpfen heute für soziale Gerechtigkeit, weil die Gesellschaft sonst morgen den Preis bezahlt», so Roth.

Listen ohne Thal und Gäu

Mit zwei Stammlisten zieht die SP ins Rennen: Süd-West heisst die eine, die Kandidaten von Grenchen bis Biberist vereint. Nord-Ost heisst die zweite, auf der sich Kandidierende von Olten bis Gempen finden. Der Frauenanteil liegt bei einem Drittel. Doch nicht jede Region ist dabei: Es gibt keine Kandidaten aus dem Thal und dem Gäu. Und der Bucheggberg ist nur auf der Liste 60+ vertreten.

Erstmals tritt die SP auch mit einer Seniorenliste an. Ursula Ulrich-Vögtlin, vor rund 25 Jahren Nationalrätin und jetzt wieder Kandidatin auf der Liste 60+, erklärte, warum die SP erstmals mit einer solchen Liste antritt. In den 70er- und 80er-Jahren habe sie kandidiert, um die Frauenanliegen zu stärken, so Ulrich. Jetzt sei es Zeit, sich für Senioren einzusetzen und damit Politik für die «Urenkel» zu machen. Und: Bei den Über-65-Jährigen sei der SP-Wähleranteil nicht gerade hoch.

«Den Chef im Nacken»

Für Wahlkampf-Atmosphäre sorgte schliesslich Christian Levrat (siehe gestrige Ausgabe). Der Präsident der SP Schweiz geisselte die Politik der Bürgerlichen. Und Wahlkämpfer Levrat liess es nicht aus, die Erfolge seines Solothurner Parlaments- und Parteikollegen Roberto Zanetti prominent zu erwähnen: Als Freiburger Ständerat mit starkem Bauernstand unter den Wählern sei er neidisch, dass Zanetti einen erfolgreichen Vorstoss zum Erhalt der Viehschauen durchgesetzt habe. «Auch die SVP ist neidisch.» Lob bekam Zanetti von seinem «Chef» auch für seine dringliche Interpellation, derzufolge grossen Stromverbrauchern wie dem Gerlafinger Stahlwerk die KEV-Abgaben rascher zurückerstattet werden.

Er spüre Levrats Atem immer im Nacken, sagte Zanetti. Schliesslich sitze der Parteipräsident im Ständerat direkt hinter ihm. Trotzdem, so der Gerlafinger: «Als Solothurner Ständerat bin ich weder Meldeläufer der Solothurner Regierung in Bern noch Parteisoldat.»