Alarmierende Ergebnisse zeitigt die jüngste Quartalsumfrage der Schweizerischen Nationalbank unter den 25 grössten Hypobanken in der Schweiz. Demnach wird bei jeder fünften Neuhypothek die Immobile zu mehr als 80 Prozent belehnt und 40 Prozent der neuen Grundpfandkredite gehen an Kunden, die einen Anstieg der Zinsen auf 5 Prozent nicht verkraften könnten. Die vom «SonntagsBlick» publik gemachten Ergebnisse hat die Nationalbank auf Anfrage bestätigt.

Keine Aufregung in der Region

Diese Feststellungen schlagen auf dem regionalen Hypotheken- und Immobilienmarkt aber keine grossen Wellen. «Wir vergeben keine Hypotheken, wenn die Vorgaben - mindestens 20 Prozent Eigenkapital und Tragbarkeit bei einem kalkulierten Zinssatz von 5 Prozent - nicht gegeben sind», sagt Tony Broghammer, Leiter der Raiffeisenbank Wandflue in Grenchen. Dafür könne er die Hand ins Feuer legen. «Konsequent» beurteile die Regiobank Solothurn die nachhaltige Tragbarkeit mit Zinssätzen von 5 Prozent für 1. und mit 5,75 Prozent für 2. Hypotheken, erklärt Reto Ammann, Mitglied der Geschäftsleitung. «Die so resultierende Belastung unter Einbezug der Nebenkosten sowie der Amortisation muss im Einklang mit dem Brutto-Haushaltseinkommen liegen.» Auch bei der Festlegung des nachhaltigen Verkehrswertes einer Liegenschaft agiere man vorsichtig. «Nicht selten liegen unsere Verkehrswerte unter den heute gehandelten Verkaufspreisen», sagt Ammann weiter.

Wenige begründete Einzelfälle

Belehnungshöhe und kalkulatorische Tragbarkeit sind auch bei der Baloise Bank SoBa «zentrale Beurteilungselemente», wie Chief Risk Officer Marcel Müller versichert. «Trotzdem mag es in Einzelfällen vorkommen, dass die eine oder andere Schwelle überschritten wird.» Solche Finanzierungen gewähre man aber nur, wenn die Risikobeurteilung aufgrund der Gesamtsituation vertretbar sei. Beispielsweise werde ein Rentner mit einem bedeutenden Depotvermögen bezüglich Tragbarkeit anders beurteilt als einer ohne zusätzliches Vermögen.

Solche «Exception to Policy»-Kredite kennt auch die Regiobank. «Es handelt sich aber durchwegs um wohlbegründete Einzelfälle», sagt Reto Ammann. Die Clientis Bank im Thal mit Sitz in Balsthal hat «im Promillebereich» Hypothekarkredite im Portefeuille, welche die üblichen Kriterien nicht (mehr) ganz erfüllten, meldet Bankleiter Alfred Burkhard. In diesen Fällen habe sich die Konstellation verändert, entweder seien die Kreditnehmer von einer Scheidung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes betroffen. Das sei aber angesichts der vergleichsweise niedrigen Immobilienpreise in seinem Marktgebiet in der Regel kein Problem.

Richtlinien «konsequent» angewendet

Immobilienexperten bestätigen die obigen Aussagen. «Ich stelle fest, dass die Banken in unserer Region die Kreditvergaberichtlinien ziemlich konsequent anwenden», sagt etwa Marcel Linder, Leiter Immobilientreuhand Mittelland bei der BDO Solothurn. Nichts anderes beobachtet Mario Chirico von der Grenchner Chirico Immobilien-Dienstleistungen GmbH. «Meine Kunden sind meist Käufer von Wohneigentum und da werden die Kriterien von den Banken in der Region strikte eingehalten.»

Vorsichtige Zweifel

Zwar will kein Bankenvertreter über die Konkurrenz urteilen. Doch einige (vorsichtige) Aussagen lassen unterschiedliche Schlüsse zu, ob wirklich für jedes Geldinstitut die strengen Richtlinien sakrosankt sind. «Ich will keiner Bank etwas unterschieben. Aber ich stelle fest, dass von uns nicht finanzierte Immobiliengeschäfte dann später doch im Amtsblatt publiziert werden», sagt Alfred Burkhart von der Thaler Lokalbank stellvertretend für die übrigen angefragten Banker. Klartext spricht dagegen Ansgar Gmür, Direktor des Schweizerischen Hauseigentümerverbandes (HEV): «Die Banken schwören zwar Stein und Bein, dass sie sich an die inoffiziellen Kreditvergabenormen halten. Aber am Markt stellen wir anderes fest», wird er im «SonntagsBlick» zitiert.