Amtsgericht entscheidet

Die sexuellen Handlungen mit einer 15-jährigen waren keine Vergewaltigung

Adrian R. gab zu, dass er mit der damals erst 15-jährigen Lena N.* 15 bis 20 Mal sexuelle Kontakte hatte.

Adrian R. gab zu, dass er mit der damals erst 15-jährigen Lena N.* 15 bis 20 Mal sexuelle Kontakte hatte.

«Ich weiss genau, dass es verboten ist», sagte der 45-Jährige, der mit einer 15-Jährigen sexuelle Kontakte hatte. Den Vorwurf der Vergewaltigung wollte er sich aber nicht bieten lassen.

Es war nicht gerade die Ikone eines ehrbaren Familienvaters, die sich am Dienstag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern präsentierte. Diebstahl, Veruntreuung und massive Verstösse gegen das Strassenverkehrsgesetz hatte sich Adrian R.* bereits vor einiger Zeit zuschulden kommen lassen. Nun wurde der 45-jährige Schweizer auch noch wegen sexueller Handlungen mit einem Kind schuldig gesprochen. Und trotzdem dürfte er den Gerichtssaal erleichtert verlassen haben. Vom schwersten Vorwurf, der Vergewaltigung, wurde er nämlich freigesprochen, und die gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe von 14 Monaten wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Dass er mit der damals erst 15-jährigen Lena N.* 15 bis 20 Mal sexuelle Kontakte hatte, die zweimal in gegenseitiger manueller Befriedigung gipfelten, gab Adrian R. unumwunden zu – obwohl das Opfer selber diese bestritt. «Aber wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, mit einer 30 Jahre jüngeren Frau, die noch nicht einmal aus dem Schutzalter gekommen ist, solche Handlungen vorzunehmen?», wollte Gerichtspräsident Rolf von Felten wissen. «Ich weiss es nicht, ich habe viel darüber nachgedacht. Ich weiss genau, dass es verboten ist», antwortete der Angeklagte.

Dass er das Mädchen Ende November 2013 auf einer Matratze im Estrich mit seiner Kraft und körperlichen Überlegenheit zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben soll, bestritt Adrian R. aber vehement. Rechtsanwältin Stephanie Selig baute ihre Verteidigung auf den teils widersprüchlichen Aussagen des Opfers auf. «Da sie von der Mutter kontrolliert wurde, begann sie sich zu rechtfertigen, verstrickte sich in Ausreden und Lügen», sagte Selig in ihrem Plädoyer. So habe schliesslich die Mutter mit einer Anzeige bei der Polizei den Stein ins Rollen gebracht. Die Verteidigerin wies auf Auszüge in den Prozessakten hin: «Mehrere Zeugen haben sie als anhänglich und aufdringlich speziell gegenüber älteren Männern beschrieben.»

Zu viele Widersprüche

«Die von der Verteidigung zu Recht vorgebrachten Widersprüche in den Aussagen des Opfers stechen ins Auge», begründete der Amtsgerichtspräsident bei der Urteilsverkündung den Freispruch im Punkt der Vergewaltigung. Zuerst habe sie gesagt, dass der Beschuldigte die Tür abgeschlossen hatte. Dann meinte sie, dass sie ihn weggedrückt habe und einfach weggegangen sei. Auf die verschlossene Türe angesprochen behauptete sie dann, sie habe noch etwas geschlafen und sei erst dann gegangen. «Sie hat ihr Aussageverhalten immer wieder angepasst und sich in Widersprüche verwickelt, was Zweifel aufkommen lässt», so der Gerichtspräsident.

Schämte sie sich für Beziehung?

«Die Liebesbekundungen des Opfers über WhatsApp und per SMS sehr kurz nach dem Tatzeitpunkt sprechen gegen eine Vergewaltigung», fuhr von Felten fort. Auch ein Motiv für eine Falschbezichtigung sei zu erkennen. «Sie wollte das Verfahren gar nicht. Sie schämte sich dafür, dass sie sich freiwillig auf einen 30 Jahre älteren Mann eingelassen hatte, und stellte deshalb die sexuellen Handlungen als eine Vergewaltigung dar.»

So verdichteten sich die Zweifel an den Vorwürfen. «Hätten wir nicht die Aussagen des Beschuldigten, der die sexuellen Handlungen zugab, dann wäre es vermutlich sogar zu einem vollumfänglichen Freispruch gekommen.» Einen Persilschein stellte der Amtsgerichtspräsident aber nicht aus. «Man muss sich vorstellen, dass er nach den sexuellen Taten nach Hause ging und sich mit seiner Tochter, die mit dem Opfer befreundet war, an einen Tisch setzte. Wie er ihr dabei noch in die Augen schauen konnte, weiss nur er.»

*Namen von der Redaktion geändert.

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