«Ich steckte in einer aussergewöhnlichen Stresssituation. Mich plagten Zukunftsängste.» Der heute 47-jährige Hanspeter Maurer blickt vier Jahre zurück. Damals spürte er, dass er seinen geliebten Beruf als Schreiner aus gesundheitlichen Gründen bald nicht mehr wird ausüben können. Was war passiert?

Nach der operativen Entfernung eines Tumors an der Hüfte im Jahr 2007 ging zuerst alles gut. Er konnte weiter als Schreiner arbeiten, doch bald machten sich Probleme bemerkbar. «Ich hatte Mühe beim Gehen, manchmal blockierte die Hüfte.»

Abklärungen mit Ärzten, der Suva und der zuständigen IV-Stelle brachten dann 2009 die Hiobsbotschaft: «Die Ausübung meines Berufes wird mir bald nicht mehr möglich sein.»Diese Erkenntnis sei schlimm gewesen für ihn, der in Meiringen die Berufslehre absolvierte und anschliessend in Gstaad, in Bern und im Emmental arbeitete.

«Zukunftsperspektive eröffnet»

Maurer aber wollte nicht von einer IV-Rente abhängig sein. Und er hatte Glück im Unglück. Die IV-Stelle machte ihn auf die Stiftung Schreinerschule in Solothurn aufmerksam. Dort liess er sich während anderthalb Jahren und einem anschliessenden Praktikum zum Sachbearbeiter Planung/Avor umschulen.

«Die Schule hat mir wieder eine Zukunftsperspektive eröffnet.» Heute arbeitet Hanspeter Maurer bei der Bellacher Firma Devaud und Marti AG, Spezialistin für Fensterbau und Innenausbau. «Ich bin voll arbeitsfähig und erst noch in meiner angestammten Branche.» Die Institution der Schreinerschule könne er nur empfehlen.

«Es gibt nur Gewinner»

Dieses Kompliment hört Peter Hofmann, Leiter der Schreinerschule Solothurn, gerne. «Die Möglichkeit zur Umschulung von bewährten Fachkräften, die aus gesundheitlichen oder unfallbedingten Gründen nicht mehr als Schreiner oder Zimmermann arbeiten können, entspricht einem grossen Bedürfnis.» Und es gebe nur Gewinner. «Die Betroffenen können weiterhin in ihrem Branchenumfeld tätig sein, den Arbeitgebern bleiben die Fachkräfte mit branchenspezifischem Know-how erhalten und die IV muss weniger Rentenleistungen finanzieren.»

Hauptziel sei die Neuqualifizierung der Berufskräfte, damit diese wieder voll berufstätig sein könnten. Und die Erfolgsquote ist hoch. 96 Prozent der bisher über 200 Absolventen der Umschulung arbeiten heute wieder zu 100 Prozent im Umfeld der Holzbearbeitung. Mit den aktuell laufenden Umschulungsprogrammen bildete und bildet die Schule insgesamt gegen 300 lernende Berufsleute aus. Das Einzugsgebiet umfasst die Deutschschweiz.

Förderung, Ausbildung, Praktikum

Rund 85 Prozent der Absolventen litten unter Rücken-, Knie- und Hüftproblemen, berichtet der Schulleiter. Altersmässig liege der Schnitt bei 35 Jahren. In der bis zu 22 Monaten dauernden Umschulung können sich die Teilnehmenden zum Sachbearbeiter Planung ausbilden lassen. Das Programm umfasse nebst der Ausbildung auch ein Praktikum. Der Fachausweis entspreche zwar nicht einem eidgenössischen Berufsabschluss, aber innerhalb der Holzbranche sei der Abschluss anerkannt.

Die Nachfrage sei hoch. «Uns werden von den IV-Stellen immer mehr Betroffene zugewiesen», sagt Hofmann. Deshalb habe der Stiftungsrat soeben beschlossen, das Platzangebot durch Zumietung weiterer Räume am Standort Solothurn zu vergrössern. «Mit aktuell 43 Auszubildenden ist die oberste Grenze erreicht. Um eine individualisierte Ausbildung zu garantieren, braucht es mehr Platz.»

Potenzial für weitere Branchen

Das Ausbildungsmodell zur Umschulung von Fachkräften habe Potenzial, auch für andere Branchen, wie etwa das Baugewerbe. Das Modell sei problemlos eins zu eins adaptierbar. Deshalb arbeite man daran, weitere Berufsverbände dafür zu sensibilisieren. Der Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten ist aktuell der einzige Berufsverband mit einem solchen Angebot, wie Hofmann nicht ohne Stolz betont.

Hanspeter Maurer jedenfalls konnte von der Umschulung profitieren. Manchmal vermisst er zwar die Tätigkeit als Schreiner an der Front. «Aber für meine Situation war die Umschulung die beste Möglichkeit. Ich habe der Schule viel zu verdanken.»