Wochenkommentar

Die Oltner Alpiq ist auch in Prag zuhause

Der 2017 eingeweihte Firmenstandort am Oltner Rötzmattweg 115.

Der 2017 eingeweihte Firmenstandort am Oltner Rötzmattweg 115.

Einordnung von Beat Nützi zu den Geschäftstätigkeiten der Alpiq generell und speziell in Osteuropa.

Vor knapp zehn Jahren herrschte beim damals neu gegründeten Stromkonzern Alpiq, der per 1. Februar 2009 aus dem Zusammenschluss zwischen der Atel Holding AG (Aare-Tessin AG für Elektrizität) und der EOS S.A. (Energie Ouest Suisse) hervorgegangen war, Aufbruchstimmung. Im sich liberalisierenden Strommarkt wollte Alpiq zu einem europäischen Powerhouse werden. Zu dieser Strategie gehörten auch Geschäftsfelder in Osteuropa, welche die Atel bereits vor der Fusion eröffnet hatte.

Doch bald änderte sich alles. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 und die immer spürbareren Folgen der Klimaerwärmung führten zu einem grundsätzlichen Umdenken in der Energiepolitik – weg von fossilen Energieträgern und Atomstrom, hin zu erneuerbaren Energien. Zudem veränderten sich die wirtschaftlichen Realitäten für die Energieunternehmen auch durch die Liberalisierung auf dem Strommarkt und die Eurokrise. Neben schwindenden Energiepreisen machte der Alpiq zusätzlich eine milliardenschwere Schuldenlast aus der Abgeltung von zu hoch bewerteten Kraftwerksanlagen der EOS bei der Fusion mit der Atel zu schaffen.

Gesundschrumpfung

Gesundschrumpfung war also angesagt. Aus dem Schweizer Stromriesen mit über 10 000 Mitarbeitenden, 16 Milliarden Umsatz und 1,8 Milliarden Betriebsgewinn wird nun ein Restgebilde mit etwa 1500 Stellen und zirka 250 Millionen Betriebsgewinn. «Alpiq hat das grossspurige Abenteuer, aus dem grössten Schweizer Energiekonzern einen europäischen Champion zu formen, noch vor Erreichen des zehnjährigen Bestehens abgeblasen», schrieb die NZZ. Doch das Ostgeschäft blieb.

Neben Olten und Lausanne ist der Sitz in Prag das dritte Zuhause der Alpiq. Doch im Ostgeschäft erwächst der Alpiq Ungemach. Diese Woche war zu erfahren, dass sie als Verliererin aus einem Schiedsverfahren im Zusammenhang mit Lieferverträgen in Rumänien hervorgegangen ist. Zuvor hatte die Alpiq bereits bekannt gegeben, sie wolle zwei tschechische Kohlekraftwerke in Kladno und Zlín abstossen, weil sie nicht mehr in die kohlefreie Strategie der heutigen Alpiq passen.

Atel lancierte Ostgeschäft

Das Ostgeschäft der Alpiq stammt von der damaligen Atel, die 2002 vom amerikanischen Energieunternehmen NRG Energy Inc. zwei Kraftwerkskomplexe und eine Energiehandelsfirma in Ungarn und Tschechien übernahm. Die Akquisitionen in Ungarn und Tschechien erweiterten und förderten die Geschäftsmöglichkeiten der Atel in dieser Region beträchtlich. Die neu erworbenen Kraftwerke ergänzten und unterstützten den Energiehandel und -vertrieb. Diese bedeutende Transaktion war damals für Atel eine konsequente Fortsetzung der Strategie, die das Unternehmen auch in Italien verfolgte.

Mit der Übernahme der Handelsgesellschaft Entrade wurde die Vertriebsstrategie der Atel in Mittel- und Osteuropa sowie den Balkanländern unterstützt. 2005 übernahm die damalige Atel dann die thermische Kraftwerksanlage Moravske Teplarny in der Nähe der tschechischen Stadt Zlín. Die seinerzeitige Atel-Führung handelte nach einer Wachstumsstrategie, die mit den erwähnten Entwicklungen ein jähes Ende nahm. Trotz allem bleibt die Alpiq auch in Osteuropa weiterhin präsent. Sie besitzt unter anderem ein Gas-Kombi-Kraftwerk in Ungarn und einen Windpark in Bulgarien. Und sie setzt hier, wie in Zentraleuropa, auf einen starken Anstieg der erneuerbaren Energien.

In diesem Bereich sieht das Oltner Stromunternehmen – seinem neu definierten Kerngeschäft folgend – gute Chancen in den Bereichen Optimierung, Handel und Vermarktung. Nichts mehr wissen will die Alpiq von Kohlekraftwerken und von Geschäften in Rumänien, wo sie per Ende Jahr alle lokalen Aktivitäten einstellt, weil das dortige regulatorische und rechtliche Umfeld das Stromgeschäft mit zu hohen Risiken behaftet.

Umdenken ist gefragt

Die Ankündigung des Verkaufs von Kohlekraftwerken in Tschechien ist hinsichtlich des Bekenntnisses der Alpiq zur Energiewende als Zeichen der Glaubwürdigkeit des Stromkonzerns zu werten. In diesem läuft noch ein anderer Veränderungsprozess: Die Alpiq wandelt sich von der einstigen Stromproduzentin und -händlerin zur umfassenden Energieversorgerin und -dienstleisterin. Auch hier ist ein Umdenken angesagt, denn als Stromproduzentin und -händlerin war die Alpiq an hohem Stromverbrauch interessiert – jetzt muss sie als Dienstleisterin auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit setzen. Dass sie das kann, hat die Alpiq schon vor drei Jahren beim Bau des Roche Towers in Basel bewiesen.

Alpiq braucht neue Einnahmen

Für die Energiewende setzt Alpiq vor allem auf Wasserkraft, Solarenergie und Windkraft. Und: Mit innovativen Lösungen bietet Alpiq ihren Kunden in Europa umfassende und effiziente Dienstleistungen in den Bereichen Energieproduktion und -vermarktung sowie Energieoptimierung und Elektromobilität. Alpiq hat zum Beispiel die neue «Energy Artificial Intelligence»-Plattform entwickelt. Diese Plattform schafft durch Vernetzung von Daten, wie etwa von Kraftwerken, Verbrauchern, Energiemärkten oder Wetterinformationen, für Kunden und Partner Mehrwert im Energieökosystem. Das scheint erfolgsversprechend zu sein. Und die Alpiq braucht solchen Erfolg und neue Erträge, denn mit ihren Beteiligungen an Wasserkraft- und Kernkraftanlagen kann sie derzeit kein Geld verdienen.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch

Autor

Beat Nützi

Beat Nützi

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