«Das ist die Hausarztpraxis, die niemand haben will», sagt Reto Dicht und macht eine ausladende Handbewegung. Dicht, Hausarzt seit 35 Jahren, steht in seinem Empfangszimmer in Günsberg. 1989 hat er sie samt Wohnhaus bauen lassen – «die Pläne habe ich selbst gezeichnet». Schon fünf Jahre zuvor begann der heute 66-Jährige in Günsberg zu praktizieren, noch in kleineren Räumlichkeiten. Damals hätte er zum Überleben täglich 12 Patienten gebraucht. Schnell waren es 30. Heute ist Dicht der Hausarzt von insgesamt 2500 Patienten. Die Praxis ist sein Lebenswerk. Ende März ist Schluss damit. Einen Nachfolger hat Dicht nicht gefunden. Obwohl er die Praxis gratis abgegeben hätte. Schon vor vier Jahren schaltete er Inserate. Dann zog er Praxisvermittlungsstellen hinzu. Kein einziger Interessent hat sich gemeldet.

Soeben hatte Dicht seine Praxis noch für 2 Wochen geschlossen. Anfang Jahr schlug er sich den Kopf am Chuchichäschtli an und brach den Steigbügel – ein Knochen im Ohr. Er arbeitete halb taub bis er sich operieren liess und für 14 Tage erholte. Jetzt rennen ihm die Patienten täglich die Türe ein, um ihre Krankenakten zu holen, Danke zu sagen, Geschenke zu bringen. Patienten, die wissen wollen, wo sie denn jetzt hin sollen. Dicht weiss es nicht. In Flumenthal und Wiedlisbach gibt es noch Hausärzte, in Rüttenen und Riedholz bald keine mehr. Andernorts werden gar keine Patienten mehr aufgenommen.

«Panik» in den Gemeinden

Arbeiten 60 Stunden die Woche – und müssen nach wie vor Patienten abweisen: Die Hausärzte Michael Schärer, Michael Fluri und Andreas Betschart (von links) in der Praxis Weissenstein in Langendorf.

  

Anfang Jahr verfügte die Hausaztpraxis Weissenstein in Langendorf einen Patientenstopp. Hier arbeiten drei selbstständige Ärzte. Michael Fluri, 45, hat die Praxis vor knapp zehn Jahren vom Vater übernommen. Derzeit wird die Praxis ausgebaut, weil vor fünf Jahren der 39-Jährige Andreas Betschart hinzukam, vor einem Jahr der 34-jährige Michael Schärer. Schärer brachte den Patientenstamm von Andreas Weiss mit, der seine Praxis in Langendorf ebenfalls zugemacht hat. «Wir sind am Anschlag», erklärt Fluri. «Gekriselt hat es schon lange, aber seit Weihnachten ist es wirklich erschreckend.»

Der 45-Jährige berichtet von Panik in den umliegenden Gemeinden, wo Hausarztpraxen geschlossen werden. «Arztlose Patienten» stehen immer wieder vor den Praxistüren in Langendorf, schicken Bewerbungsdossiers. Immer wieder müssen die Angestellten der Praxis sie wegschicken. «Das tut einem im Herzen weh», sagt Fluri. Bei Älteren oder entfernten Bekannten bringt er es manchmal auch gar nicht übers Herz. So hat die Praxis seit dem Patientenstopp nochmal 400 Patienten aufgenommen.

Eine Praxis, die sich vor Patientenanfragen nicht retten kann – eine andere, die ebenfalls voll ausgelastet ist und schliessen muss. «Der Hausärztemangel im Kanton ist Tatsache», sagt Dicht in seiner Praxis in Günsberg. Dafür sieht er verschiedene Gründe: Angefangen bei der Ausbildung. 2018 meldeten sich 6368 junge Menschen für Humanmedizin an. Die Universitäten haben 2019/20 Kapazitäten für 2000 – wobei am Schluss weniger als 900 den Abschluss machen. Darunter immer mehr, die laut Dicht lieber Teilzeit arbeiten oder angestellt in einer Gruppenpraxis. Auch bezeichnet Dicht den Numerus Clausus als verfehlt – viele mit dem Rüstzeug zum Hausarzt würden durchfallen, andere dagegen den Test bestehen, die vom Menschlichen her in der Praxis nicht zum Hausarzt taugten.

Der Hausärztemangel bestehe aber auch, weil sich viele heute nicht mehr zutrauten, eine eigene Praxis aufzubauen. «Dadurch bindet man sich an etwas – meist fürs Leben.» Man müsse schon mit Investitionen von rund 500'000 Franken rechnen. «Die angehenden Ärzte sollten meiner Meinung nach im Studium auch lernen, wie man ein KMU führt – denn das tut man als Hausarzt.» Nun spricht Dicht auch von der Bürokratie, die den Beruf zerstöre. Ein Beispiel: Will eine Spitexmitarbeitende ein Kopfwehmittel verabreichen, muss dies zuerst ein Hausarzt bescheinigen. Das kostet Zeit, abrechnen kann er das nicht.

Besserung? In einigen Jahren

Abrechnen ist aber in einem anderen Bereich Thema. Einige Leistungen in der Grundversorgung können nämlich nur dann abgerechnet werden, wenn der Mediziner sie durchführt. Also etwa einfache Verbandswechsel, die auch eine Praxisangestellte machen könnte – für die aber dann doch auf den Arzt gewartet werden muss. In Langendorf berichten die drei Ärzte von einer 60-Stunden-Woche. «Dass man spät abends noch Bürokram erledigt, gehört dazu», meint Betschart. «Aber dass man für anspruchsvollere Fälle und Patienten kaum Zeit hat, ist unbefriedigend.»

Gefordert sei hier vor allem die Politik. «Es braucht klare Richtlinien», so der 39-Jährige. Die Grundversorgung müsse gestrafft und so auch wieder günstiger werden. Aber auch die Ansprüche der Menschen müssten sinken: «In der heutigen Gesellschaft verschwinden die Grenzen zwischen Wellness und Gesundheit. Die Krankenkassen zahlen das Fitnessabo und die Generation Babyboom – heute um die 70 Jahre alt – kommt zum Arzt, weil sie nicht mehr jeden Tag joggen gehen kann.»

Zuletzt sah die Solothurner Regierung keinen Handlungsbedarf beim Hausärztemangel. Kleinere Projekte gibt es aber immer wieder: So vom Kanton mitfinanzierte Praxisassistenzstellen, mit welchen angehende Ärzte Einblick in Praxen erhalten und sich danach auch für den Beruf entscheiden sollen. Genau das hat Michael Schärer gemacht. «So habe ich mich aber schnell entschieden, Hausarzt zu werden.» Er ist zudem überzeugt: «Da kommt eine ganz neue Generation an Hausärzten, die übernehmen kann.» Weil die meisten noch in Ausbildung seien, dauere dies aber noch einige Jahre. Auch Betschart meint, der Ruf des Hausarztes bessere sich. «Als ich studiert habe, hat man drei Nachmittage in einer Praxis verbracht. Heute hat man einen Mentor, erhält jedes Semester Einblick in eine Praxis.» Es werde besser. «Bis es soweit ist, müssen wir halt unten durch.»

Im Kanton gibt es derzeit 219 Hausärzte – den Richtwert ein Hausarzt pro 1000 Einwohner wird derzeit nur in Solothurn erreicht. Mit der Praxis in Günsberg geht eine weitere zu. Dann will Dicht mehr Zeit für seine Enkelkinder und seiner grossen Leidenschaft einsetzen: Kakteen. 2000 Selbstgezüchtete hat er im Garten, mehrere Exkursionen nach Nordamerika hat er schon unternommen, ein Buch über eine Gattung geschrieben, die so genau zuvor noch nie erforscht wurde. Die Kakteen seien sein Ausgleich gewesen zum abwechslungsreichen und intensiven Alltag in der Praxis. Hier betreute er verunfallte Skifahrer vom Balmberg, Asysuchende aus dem Zentrum Oberbalmberg, Kinder aus dem Dorf. «Ich war Arzt und Seelsorger. Durch diese Praxistüren kamen Köpfe mit Platzwunden und gebrochene Beine hinein. 35 Jahre lang.» Die Praxis ist sein Lebenswerk – das nun niemand haben will.