Reformierte Kanton Solothurn

«Die Menschen morden unter dem Vorwand der Religionen»

Volle Kirchenbänke am Kirchentag der Reformierten Kirche Kanton Solothurn.

Volle Kirchenbänke am Kirchentag der Reformierten Kirche Kanton Solothurn.

Am Kirchentag in Egerkingen wurde ein Zusammengehen von Reformierten und Katholiken nicht ausgeschlossen. «Die konfessionellen Grenzen verwischten sich», sagte der höchste Schweizer Reformierte.

Draussen blockierten Autos aus Sicherheitsgründen die Zugangsstrassen zum Festplatz. Drinnen in der Pauluskirche von Egerkingen feierten die Besucher 500 Jahre Luthers Thesenanschlag und damit den Beginn der Reformation und den Ruf nach Freiheit. Zwischen beiden Polen findet heute Glauben statt.

Synodalratspräsidentin Verena Enzler begrüsste die zahlreichen Ehrengäste, darunter Gottfried Locher, den Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Enzler blickte zurück in das 16. Jahrhundert, als der neue Glaube den Kanton Solothurn erfasste. Selbstbewusst bestimmten die einzelnen Orte ihre Konfession. Viele wurden reformiert. Doch nach Zwinglis Tod in der Schlacht bei Kappel wurde der Kanton wieder katholisch. Mit der Eisenbahn zogen die Reformierten im 19. Jahrhundert nach Olten. Heute habe man mit der katholischen Kirche ein sehr gutes Verhältnis, so Verena Enzler.

Glauben wieder zur Geltung bringen

Gottfried Locher überbrachte die Grüsse des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Der Präsident der SEK erinnerte daran, dass die Solothurner zur grossen Gemeinschaft der Reformierten gehörten, die in der Schweiz zwei Millionen Mitglieder zählt. Heute spreche man davon, dass sich die Reformierten im 16. Jahrhundert vom alten Glauben lösten und den neuen Glauben annahmen. Das sei ein falsches Bild, meinte Locher, die Reformatoren suchten nicht die Kirchenspaltung, sondern wollten den alten Glauben wieder zur Geltung bringen. Das gleiche sei heute nötig. Auch heute müsste man sich fragen, was muss geschehen, sodass die Leute gerne in die Kirche kommen und sich dort wohlfühlen. Die konfessionellen Grenzen verwischten sich mehr und mehr, stellte Locher fest. «Unseren Kindern ist es egal, ob die Kirche reformiert oder katholisch ist, wichtig ist für sie, dass ihnen die Kirche etwas gibt. Wir müssen uns bewegen und nicht nur die Reformierten», forderte Locher die Besucherinnen und Besucher auf. Er schloss nicht aus, dass die Konfessionen dereinst zusammenfinden.

Thesenanschlag zu Egerkingen

Um die Mittagszeit stiess Landammann Remo Ankli zu den Festgästen. Der Regierungsrat kam direkt von der Tagung der ehemaligen Schweizergardisten aus Solothurn. Er sei heute ökumenisch, zuerst bei den Katholiken, dann bei den Reformierten, witzelte Ankli. Ökumene prägte auch Remo Anklis Leben. Der Katholik lernte während seines Studiums an der Universität Basel die Reformierten kennen, vorab den Theologieprofessor Heinrich Ott. Ott prägte in der Schweiz die Annäherung zwischen den Konfessionen. Beeindruckt zeigte sich Remo Ankli, mit welcher Ernsthaftigkeit man an der Theologischen Fakultät um das biblische Wort rang und welchen Stellenwert die Reformierten dem Gewissen und der Freiheit einräumten.

Heute erlebe man im Namen der Religion Fanatismus und Terroranschläge, erklärte der Regierungsrat. «Es sind aber nicht die Religionen, die töten, sondern Menschen, die unter dem Vorwand der Religion morden.» Umso wichtiger sei der kritische Geist der Reformation.
Das Thema der Reformation bestimmte auch das Veranstaltungsprogramm des Kirchentags: Die Besucher nagelten an eine Holztüre ihre Thesen, auf dem Postenlauf zu Luther wurde das Wissen und die Kreativität auf die Probe gestellt und eine Gutenbergpresse führte zurück in die Anfänge des Buchdrucks.

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