Scintilla
Die Meister im Meistern von Krisen feiern ihr 100. Jubiläum

Die Einstellung der Produktion in Zuchwil war ein Schock. Aber die Scintilla besteht als Bosch-Hauptquartier für Werkzeugzubehör weiter und feiert ihren 100. Geburtstag.

Urs Moser
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Ein Einblick in das Scintilla Museum in Zuchwil
17 Bilder
Magneto mit dem Charles Lindbergh den Atlantik überquerte
Der original Firmenschriftzug von Scintilla
Vertex
Exzenterschleifer GEX 125-150 AVE
Diese Bohrmaschinen werden mit Druckluft betrieben.
Hier sieht man Blinkleuchten (links) und Kennleuchten (rechts).
Dieseleinspritzpumpe EM 380 D 0100 (1933)
Magneto MN 4 SS (1933)
SCINTA LESTO Drehbank (1945-1964)
Erste elektrische Stichsäge der Welt (1946)
Winkelbohrmaschine GEW 1 (1950)
Lestophone, Magnetton Aufnahme-und Wiedergabegerät (1953)
Staubsauger Supermax H3P (1955)
Planetengetriebe PG2 (1998)
GW Schlagbohrmaschine GSB 19 2REA (2009)
Stichsäge GST 140 BCE (2011)

Ein Einblick in das Scintilla Museum in Zuchwil

Hanspeter Bärtschi

Man ist versucht, die Floskel von den Totgesagten zu bemühen, die länger leben, wenn es um die Scintilla AG geht. Nicht erst, seit der Mutterkonzern Bosch im November 2013 die Einstellung der Produktion am Standort Zuchwil bekannt gab, stand das Unternehmen wiederholt am Rand des Abgrunds, musste sich gewissermassen neu erfinden. Gestern wurde das 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit 240 Gästen: Vertreter des Bosch-Managements, Ehemalige, Vertreter der Solothurner Behörden und aus dem Wallis, wo Scintilla weiterhin mit über 600 Mitarbeitern erfolgreich Sägeblätter produziert.

Heute ist die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Tür auf dem Scintilla Gelände eingeladen. Es gibt musikalische Darbietungen, eine Festwirtschaft, eine Hüpfburg für die Kleinen und auch Artikel aus dem Bosch-Heimwerkersortiment zu attraktiven Preisen zu kaufen. Scintilla hat den Anlass offensiv beworben, man will zum Jubiläum ein Signal an die Öffentlichkeit senden: Wir sind noch da und nach wie vor ein bedeutender Arbeitgeber in der Region.

Es wurde eine Sonderausstellung eingerichtet, die einen Überblick über die Produktepalette einer 100-jährigen Firmengeschichte liefert. Sie kann auf Anmeldung über den heutigen Tag hinaus noch das ganze Jahr über besichtigt werden. Dokumentiert wird die Firmengeschichte auch in einem aufwendig gestalteten, 200 Seiten dicken Buch, das aus Anlass des Jubiläums erschienen ist.

Ein Leckerbissen nicht nur für Technikbegeisterte, über weite Strecken liest sich die Firmengeschichte wie ein Wirtschaftskrimi. In Zuchwil wurde ein bedeutendes Kapitel Schweizer Industriegeschichte geschrieben, und man wird sich bei der Lektüre auch bewusst, wie eng das Schicksal einer Solothurner Industrieperle mit der geopolitischen Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts verknüpft war.

Die zündende Idee

1917 als Tochtergesellschaft der Brown, Boveri & Cie. (BBC) gegründet, überlegte sich die BBC in den 20er-Jahren bereits weder die Liquidation der Scintilla. Der Magneto-Magnetzünder für Verbrennungsmotoren war eine geniale Entwicklung und der damalige Weltmarktführer Bosch in den Kriegsjahren isoliert, aber die Massenbestellungen vor allem aus der amerikanischen Automobilindustrie für das Scintilla-Produkt blieben aus. 1923 stand man bei der Muttergesellschaft mit 10 Millionen in der Kreide.

In der Weltwirtschaftskrise brach die Nachfrage komplett ein, und in Baden verlor man die Geduld: Scintilla-Gründer Jacques Schnyder erhielt eine Frist, um Investoren zu suchen und die Firma zu kaufen. Am 20. Februar 2015 wird in Solothurn die neue Scintilla aus der Taufe gehoben. Es ist nicht verbrieft, aber wird vermutet: Schon damals stand Erzrivale Bosch hinter den Kapitalgebern.

Genau wie zehn Jahre später, als Scintilla in der zweiten grossen Krise des 20. Jahrhunderts erneut vor dem Abgrund stand und eine «Aktionärsgruppe 1935» 60 bis 65 Prozent der Scintilla-Aktien aufkaufte. Es ist eine Ironie des Schicksals: Als im Dezember 260 aktive Mitarbeiter, Scintilla-Pensionäre und Solothurner Gewerkschafter nach Stuttgart fuhren, um vor dem Bosch-Hauptsitz gegen die Einstellung der Produktion in Zuchwil zu demonstrieren, durften sie sich bestimmt einer breiten Solidarität in der Region sicher sein. Anderseits gäbe es ohne den Weltkonzern Bosch nicht bloss heute nichts zu feiern in Zuchwil: Die einstige Nummer Vier der Solothurner Industrie (hinter Von Roll, Papierfabrik Biberist und Autophon) hätte schon kein 50-Jahr-Jubiläum erlebt, mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht einmal das 10-jährige Bestehen feiern können.

Von den grossen Vier gibt es zwei nicht mehr, Scintilla ist immerhin noch da. Aus dem ursprünglichen Kerngeschäft Autoelektrik begann man sich im Zweiten Weltkrieg zu verabschieden und auf elektrische Handwerkzeuge und Haushaltgeräte zu fokussieren. 1944 war Scintilla auf die «schwarze Liste» von Unternehmen gesetzt worden, die im Verdacht standen, mit den Nazis zu kooperieren.

Nach Kriegsende bestätigte die Bosch GmbH den Alliierten, dass sie 17 000 Scintilla-Aktien kontrolliert, nach Unterzeichnung eines Staatsvertrags zwischen der Schweiz und der neuen Bundesrepublik Deutschland zur Rückgabe gesperrten Eigentums 1952 erhob sie offiziell Anspruch auf das Aktienmehrheitspaket. 1954 trat Bosch schliesslich in die Rechte der Eigentümerin der Aktienmehrheit an der Scintilla ein. Die ausserordentliche Generalversammlung vom 15. März 1954 ist wenn man so will die Geburtsstunde der dritten Scintilla.

Das Unternehmen erlebte eine Blütezeit. «Der grosse Knick», wie sich der langjährige Entwicklungschef Urs Ruepp einmal gegenüber dieser Zeitung ausdrückte, kam 2002 mit dem Beginn der Produktionsverlagerung von Hobby-Werkzeugen nach Miskolc in Ungarn – in ein Werk, das mit Know-how aus Zuchwil aufgebaut worden war. Dort werden nun auch sämtliche Werkzeuge für die Holzbearbeitung hergestellt, auf die man in Zuchwil zuletzt spezialisiert war.

Der Verlagerungsprozess wurde letztes Jahr abgeschlossen. Von den betroffenen 330 Mitarbeitern in Zuchwil hätten 80 Prozent eine Anschlusslösung gefunden, sagt Bosch-Sprecherin Sonja Blöchlinger – sei es nun eine neue Stelle oder (Früh-)Pensionierung. Das Firmenareal wurde dieses Jahr an eine deutsche Immobilienfirma verkauft, Scintilla/Bosch ist heute mit den verbleibenden rund 330 Mitarbeitenden eingemietet. Es sind noch keine Pläne für die künftige Nutzung der brachliegenden Flächen bekannt.