Abgastest
Die meisten Autos müssen ab sofort nicht mehr zum Abgastest

Mit rekordkurzer Übergangsfrist hat der Bundesrat im November die Abgastests für fast zwei Drittel der Autos per 1. Januar abgeschafft. Die Automobilisten freuts, das Garagengewerbe verliert Millionenumsätze.

Andreas Toggweiler
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Moderne Autos überwachen ihre Abgase selbst. az-archiv/schwager

Moderne Autos überwachen ihre Abgase selbst. az-archiv/schwager

Dass der Abgastest aufgehoben wird, ist seit Jahren bekannt. Dennoch wurden die Garagisten vom Bundesrat kalt erwischt. «Eigentlich haben wir damit gerechnet, dass die neue Regelung erst in einem Jahr in Kraft tritt», sagt Kurt Aeschlimann, Präsident des Autogewerbeverbandes des Kantons Bern. Aeschlimann, selbst Garagist in Steffisburg, schätzt, dass er jetzt rund 80 000 Fr. Umsatz pro Jahr verlieren wird. «Stellen Sie sich vor, den Bauern würde ein Drittel der Subventionen gekürzt, was das für einen Aufschrei im Land gegeben hätte. Bei uns sagt niemand etwas», ärgert sich Aeschlimann.

«Im Einzelfall scheint es ein kleiner Betrag, aber es addiert sich», sagt auch der Sekretär des Solothurner Verbandes, Thomas Jenni. «Das spüren die Garagisten auf jeden Fall.» Von der Regelung profitieren grob gesagt Fahrzeuge, welche ein so genanntes On-Board-Diagnosesystem (ODB) aufweisen und die Abgasnormen Euro 3 bzw. Euro 4 (Diesel) erfüllen (Details vgl. Kasten). Diese Autos haben eine Anzeige am Armaturenbrett, die den Fahrer über eine Fehlfunktion am Abgassystem informiert. Wird ein Mangel angezeigt, ist der Fahrer verpflichtet, diesen innert Monatsfrist in einer Garage beheben zu lassen. Es erfolgt somit ein Systemwechsel zur Selbstkontrolle. Die Fahrzeuge brauchen auch kein Abgasdokument mehr.

4 Millionen Franken

Im Kanton Solothurn müssen laut Angaben der MFK von den 157 529 immatrikulierten Autos und Lieferwagen 101982 oder 64,7% ab sofort nicht mehr zur Abgaswartung. Rechnet man für eine Wartung im Zweijahresturnus 80 Fr., entgehen dem Autogewerbe damit kantonsweit Aufträge von 4 Mio. Fr. im Jahr.

Und mein Auto?

Anhand von Eintragscodes im Fahrzeugausweis lässt sich feststellen, ob ein Fahrzeug vom Abgastest befreit wurde. Massgebend ist der Eintrag in Feld 72 (Emissionscode). Für Autos mit Benzinmotor (oder Gas) bis 3,5 t: B03, B04, B5a/b, B6a/b/c, A04, A05 und A07; Autos mit Dieselmotor bis 3,5 t: B04, B5a/b, B6a/b/c, A04, A05, A07.

Bei den Lastwagen gelten ähnliche Kriterien. Da die LSVA aber schon heute Fahrzeuge mit geringeren Emissionen stark begünstigt, müssen von 1489 im Kanton Solothurn eingelösten Lastwagen nur noch deren 165 zum Abgastest. (at.)

Im Kanton Bern sind genaue Zahlen vorerst nicht erhältlich. 2011 wurden vom Bundesamt für Statistik 488368 bernische Halter von Motorfahrzeugen bis 3,5t gezählt (nicht BE-Nummernschilder). Wären auch hier 65 Prozent der Fahrzeuge neu von der Wartung befreit (317000), ergäbe die Hochrechnung für das bernische Autogewerbe eine jährliche Einbusse von 12,7 Mio. Fr.

Die Automobilisten freut eine solche Entwicklung, wird doch für sie meistens alles teurer. So ab 2015 auch die Autobahnvignette. Die Garagisten, denen Rabattschlachten und Euro-Prämien bei Neuwagen ohnehin zusetzen, haben in den letzten Jahren vermehrt auf das Service-Geschäft gesetzt. Doch auch die Service-Intervalle der Fahrzeuge werden immer länger. Jetzt fällt auch noch die Abgaswartung weg. Und damit auch etliche Folgeaufträge.

«Der Zeitpunkt der Abgaswartung wurde oft auch für den Service genutzt», erklärt Reto Braun, Geschäftsführer der Garage Galliker in Bellach. Bei dieser Gelegenheit seien bisweilen auch Mängel entdeckt worden, die mit der Abgaswartung nicht zusammenhängen. Diese Kontaktmöglichkeit fällt jetzt weg. «Es gibt wohl Kunden, die das Auto jetzt gar nicht mehr in die Garage bringen», befürchtet Braun. Das sei problematisch für die Sicherheit und mache sich spätestens beim Wiederverkaufswert des Wagens bemerkbar.

Verwahrloste Fahrzeuge

Die Garagen haben die Kunden jeweils telefonisch oder schriftlich auf den Termin des Abgastests hingewiesen «Die gesetzliche Pflicht, das Fahrzeug regelmässig in die Garage zu bringen, hat zweifellos zur Verkehrssicherheit beigetragen», meint der Solothurner Verbandssekretär Jenni. Mit einer gewissen Anzahl verwahrloster Fahrzeuge müsse man jetzt rechnen.

Doch Trübsal blasen wollen die Garagisten nicht. «Wir müssen uns an die neue Situation anpassen.» Wichtig sei, so Jenni, dass man den Kundenkontakt halten könne, beispielsweise durch Angebote von Frühjahrs- oder Winterchecks. Neuerdings sollen auch Energie-Checks angeboten werden, die dem Kunden Benzinspar-Möglichkeiten aufzeigen, zum Beispiel durch Entfernen von unnötigerweise mitgeführtem Gewicht oder «Aerodynamik-Sündern» wie Dachträgern; dies kombiniert beispielsweise mit Kursen für ökologisches Fahren.

Längst nicht alle Garagisten sehen also die Entwicklung negativ. «Dass der Abgastest allmählich verschwindet, ist eine natürliche technologische Entwicklung. In meinen 44 Jahren als Garagist habe ich schon viele solche Entwicklungen erlebt und mich auch entsprechend anpassen müssen», sagt Pius Studer, Seniorchef der gleichnamigen Langenthaler Grossgarage mit 30 Angestellten. Er habe dafür letztes Jahr 12 Opel Ampera verkaufen können – ein Mittelklassewagen, der sich auf kürzeren Strecken rein elektrisch bewegt.