Erfahrung
Die lebenslange Reifeprüfung der Maturanden

Gastkolumne von Markus Allemann zur Erfahrung, dass nur wer das Leben persönlich nimmt, zur Persönlichkeit wird.

Markus Allemann
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An der Maturfeier in der Eishalle Zuchwil konnten die Maturanden ihre Zeugnisse entgegen nehmen. (Archiv)

An der Maturfeier in der Eishalle Zuchwil konnten die Maturanden ihre Zeugnisse entgegen nehmen. (Archiv)

Hansjörg Sahli

Endlich ist das Schulbuch zugeklappt. Die Maturandinnen und Maturanden, die kurz vor den Sommerferien ihr Abschlusszeugnis erhalten haben, machen sich nun auf – und lernen weiter. «Nehmt das Leben persönlich», sagte Direktor Stefan Zumbrunn in der Eishalle Zuchwil bei der Übergabe. Wie schön! Persönlichkeit setzt das Persönliche voraus; die Aufforderung war gut gewählt. Die Welt braucht Persönlichkeiten, Menschen mit Reflexionsfähigkeit und emotionaler Klarheit, Menschen mit Empathie und Fantasie, Menschen mit Mut und Zärtlichkeit.

Natürlich ist noch keine Persönlichkeit vom Himmel gefallen. Wohl aber sind einige vom Himmel gefallen in der Meinung, sie seien Persönlichkeiten. Die «echten» von den anderen zu unterscheiden, fällt gar nicht leicht. Rang und Namen mit der reifen Persönlichkeit gleichzusetzen, wäre Trugschluss.

Sicher ist: Auf dem Weg zur Persönlichkeit fehlt nie die Reifeprüfung! Meine letzte bestand ich vor einem Monat, als das enttäuschende Drittel abstimmender Solothurnerinnen und Solothurner die kantonale Energiestrategie auf den Mond schoss. Mein erster Gedanke: Auswandern – in den Kanton Luzern würde schon reichen (dort wurde ein ähnliches Gesetz deutlich angenommen). Mein zweiter Einfall: Handelskrieg: Ab sofort verlange ich auf meinen Sonnenstrom eine Steuer von 25 Prozent! Mein dritter Streich: Gelassenheit; wird schon kommen! Wenn die ganze Schweiz ausser Solothurn auf Sonne und Wind umgestellt haben wird, dann werden auch die Solothurnerinnen und Solothurner kalte Füsse bekommen und vom Öl wegkommen. Souverän gelöst – diese Reifeprüfung war bestanden.

Ganz anders mit Sandra. Unsere Wetterfee stand jahrelang auf dem SRF-Meteo-Dach und lächelte abends in unsere Wohnstube ihr melodisch-frisches «Guete-Obe-mitenand!». Doch seit April ist sie verschwunden und hat den langweilig-angepassten Herren Platz gemacht, die das Wetterbulletin runterlesen. Zufällig sah ich sie einmal auf dem Markt, das andere Mal im «Vini» in Solothurn. Doch Nein, ich habe sie nicht direkt gefragt, ob der Wind gedreht habe oder die Sonne bald zurück sei. Ich habe das Persönliche der Begegnung gemieden und weiss nun deshalb immer noch nicht, ob ich mich allenfalls mit einer Erhöhung des Pensionsalters für Frauen anfreunden könnte. Ein Jahr länger Sandra auf dem Bildschirm, Jahrzehnte weiter mit Erdöl im Kanton – staatliche Weichenstellungen entscheiden sich nicht selten an individuellen Vorlieben und Interessen der nicht ganz reifen Menschen.

Das wahre Schulbuch ist das pralle Leben. Als mein Sohn vor zwei Wochen in der Eishalle Zuchwil das Reifezeugnis in Empfang nehmen durfte, spürte ich meinen väterlichen Stolz. Fertig Mittelschule für unsere Familie! Virtuos, wie unsere drei Jungen das gemacht haben! 35 Jahre sind seit meiner eigenen Maturfeier vergangen. Ich habe mir damals nicht ausdenken können, wie viele Reifeprüfungen mich noch erwarten würden. Aber ich kann bestätigen, dass nur jene von Bedeutung waren, die ich persönlich genommen habe.

Markus Allemann. Der Solothurner ist Geschäftsführer von Swissaid, der Schweizerischen Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit.

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