«Kein Mensch, der einer Belastung ausgesetzt ist, ist vor einer seelischen Beeinträchtigung sicher», schreibt Brigitte Althaus auf der Homepage der Solodaris-Stiftung. Sie ist bei der Institution, die sich im Kanton Solothurn für die soziale und berufliche Eingliederung von Menschen mit einer psychischen Behinderung einsetzt, verantwortlich für den Fachbereich Information.

In den letzten Monaten hat die 52-jährige Heilpädagogin auf der Solodaris-Website eine Plattform aufgebaut, die Betroffenen, Angehörigen sowie Fachleuten mit einer Vielzahl von Links zu Beratungsangeboten und mit Texten über Krankheitsbilder zur Seite steht.

Das Besondere an dieser Informationsplattform, die in ihrer umfassenden Art einzigartig ist im Kanton: Brigitte Althaus weiss nicht einfach «nur» als Fachfrau, wovon sie spricht, sondern auch aus ihrem eigenem Erleben. Sie hat selbst eine schwere Erschöpfungsdepression erlitten.

Im Gespräch mit dieser Zeitung schildert die Solothurnerin offen ihre Geschichte - und will damit dazu beitragen, dass Betroffene über ihre Gefühle und ihre Krankheit sprechen können, ohne von ihrem Umfeld stigmatisiert zu werden. Denn sie weiss: «Gute soziale Beziehungen und eine berufliche Aufgabe sind zentral, um zum psychischen Gleichgewicht zurückzufinden.»

Die Krise hat sich eingeschlichen

Sie selbst hatte diesbezüglich Glück. «Meine Freunde und meine Familie haben mich stets sehr unterstützt.» Das wird sie im Verlauf unseres Gesprächs immer wieder betonen. «Sie waren es auch, die Alarm geschlagen haben, als ich dünner und dünner wurde und mich von ihnen zurückgezogen habe.»

Sie selbst glaubte noch längere Zeit: «Ich erhole mich schon wieder.» Bald aber ging gar nichts mehr. «Ich habe kaum mehr geschlafen.» Und: «Ich war so entkräftet, dass ich keine 300 Meter mehr zu Fuss gehen konnte.» Ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik war unabwendbar. Das war im Jahr 2006.

Die schwere Erschöpfungsdepression schlich sich langsam in ihr Leben. Brigitte Althaus arbeitete damals als Beraterin bei der Opferhilfestelle «Castagna» in Zürich, die sich um sexuell ausgebeutete Kinder, weibliche Jugendliche und in der Kindheit betroffene Frauen kümmert.

«Ich liebte meine Arbeit.» Und: «Aufgrund der belastenden Tätigkeit wird dem Wohlergehen der Mitarbeitenden grosse Achtsamkeit beigemessen.» Doch neben den Belastungen am Arbeitsplatz kam eine problematische private Beziehung dazu, die Brigitte Althaus schwer zu schaffen machte. Das blieb nicht ohne Folgen.

Langsam, aber sicher fühlte sie sich den Herausforderungen im Alltag immer weniger gewachsen. «Schon eine einfache Frage oder eine Terminvorgabe lösten bei mir Verunsicherung aus.» Nach und nach stellten sich Angst- und Panikstörungen ein.

Besonders bedrohlich aber waren die Gedächtnislücken, nämlich dann, «wenn die Seele eine Auszeit nimmt», wie sich Fachfrau Brigitte Althaus ausdrückt. «Ich konnte mich zum Beispiel mit jemandem unterhalten und wusste hinterher nichts mehr von dieser Begegnung.»

Den Alltag bewältigen lernen

Es blieb nicht bei einem Klinikaufenthalt, es folgte ein zweiter und ein dritter - immer für jeweils zwei bis drei Monate. Und dies über gut drei Jahre hinweg. «Ich machte jeweils gute Fortschritte in der Klinik und glaubte mich danach auch wieder in der Lage, an meinen alten Arbeitsplatz zurückzukehren.»

Schnell aber begannen ihre Probleme dort wieder von vorne. «Die normalen alltäglichen Belastungen setzten mich erneut stark unter Druck.» Schliesslich musste sie sich - und auch ihr Arbeitgeber - eingestehen, dass die Arbeit bei der «Castagna» schlicht zu viel war. Dadurch aber wurde es nicht einfacher. «Werde ich je wieder etwas leisten können? Wie soll es weitergehen?, fragte ich mich immer wieder.»

«Wirklich vorwärts ging es erst, als ich realisierte, dass ich mich langsam an den Alltag herantasten musste.» In einer Tagesklinik lernte sie zunächst, ihren Alltag zu strukturieren und auch wieder unter die Leute zu gehen. In einem zweiten Schritte begann sie, sich an die Arbeitswelt zu gewöhnen - in einem berufsfremden Umfeld, um nicht in alte Denkmuster zu verfallen. Nach einer gewissen Zeit aber suchte sie sich eine Stelle, die etwas näher bei ihrem erlernten Beruf angesiedelt ist - und wurde im November 2010 bei der Solodaris-Stiftung fündig.

«Ein Teil meiner Geschichte»

Hier arbeitet sie heute immer noch, zu Beginn im Rahmen eines 50-Prozent-Pensums, mittlerweile sind es 70 Prozent. Neben dem Aufbau der Informationsplattform hat sie eine Fachbibliothek eingerichtet und ist für die Beratung von Angehörigen zuständig.

«Dazu beigetragen, dass dies möglich wurde, hat die sorgfältige Begleitung durch den Arbeitgeber, die Solodaris-Stiftung», unterstreicht Brigitte Althaus. «Es ist gelungen, mich zu Beginn so zu fordern, dass ich keinen zu grossen Druck verspürte.» Hinzu kamen die Unterstützung durch einen Jobcoach der IV-Stelle Solothurn sowie therapeutische Gespräche.

«Es geht mir heute gut, ich habe wieder Boden unter den Füssen», sagt sie. Fühlt sie sich also wieder völlig geheilt? «Es ist wie nach einer Grippe: Man ist davon geheilt, der Virus kann einen aber wieder befallen,» meint sie vorsichtig. Und: «Die Krankheit ist ein Teil meiner Geschichte geworden, ich lebe heute damit.» Das aber bedeutet: «Es ist mir heute ganz besonders wichtig, zu mir selbst und auch zu meinem privaten und beruflichen Umfeld Sorge zu tragen.»