Waffenkammer
Die konfiszierten Waffen lagern direkt unter dem Solomarkt

Ein Augenschein im kantonalen Waffenbüro unter dem Solomarkt zeigt, wie Spezialisten der Kantonspolizei Solothurn arbeiten. Der Fachverantwortliche Josef Mäder führt durch das Lager.

Simon Binz
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Josef Mäder, Chef des Waffenbüros der Kapo, mit einem österreichischen Sturmgewehr mit Schalldämpfer.

Josef Mäder, Chef des Waffenbüros der Kapo, mit einem österreichischen Sturmgewehr mit Schalldämpfer.

Als wolle er die Personen hinter ihm warnen, hält Josef Mäder kurz inne und blickt zurück in die angespannten Gesichter. Dann greift er zum Türknauf, dreht ihn herum und stösst die schwere Kellertür auf. Sofort geht der Alarm los. Mäder bleibt ruhig; der schrille Ton ist für ihn nichts Neues. Er dreht sich nach rechts und blickt auf ein kleines Gerät, das an der Wand installiert ist. Auf dem Tastenfeld gibt er den Sicherheitscode ein. Der Alarm stoppt. Er drückt den Lichtschalter und betritt den Raum.

CSI in Solothurn?

Es ist kühl und riecht wie auf einem alten Schiessstand, von Waffen keine Spur. Dafür, auf Regalen schön sortiert: Unmengen Munition, allerlei Kaliber.

In der Mitte des Raumes, auf Hüfthöhe, ein langer Holzkanal. Mäder stellt sich vor diesen und nimmt eine Schussposition ein. Mit seinem rechten Daumen und Zeigefinger formt er eine Waffe und drückt ab. Er läuft zum hinteren Teil des etwa drei Meter langen Kanals und öffnet den Deckel. «Die Kollegen vom kriminaltechnischen Dienst feuern vorne eine Kugel ab, die dann hinten im Schaumstoff abgefangen wird. Anschliessend kommt sie ins Labor nach Zürich.» - «Sie kennen dies ja aus den amerikanischen CSI-Serien», sagt Riniker und lächelt. «Nun aber zu den Waffen», ergänzt Mäder.

Er öffnet eine weitere Tür; dieses Mal kein Alarm. Und da sind sie: Uzi, Sturmgewehr, Pistole, Ninja-Stern, Schlagstock und, und, und. Als das Staunen etwas abnimmt, fällt auf: Das sind gar nicht so viele. Das habe auch seinen Grund, so Mäder. Schliesslich würden hier nur diejenigen Waffen lagern, bei denen ein Verfahren hängig sei. Das heisst? «Aus unterschiedlichen Gründen wurden diese Waffen konfisziert. Deren Besitzer warten auf einen Bescheid, ob sie sie zurückerhalten oder nicht», erklärt Mäder.

Beispiele verschiedener Waffenkategorien
14 Bilder
Wurfstern Diese Waffe ist verboten.
Transparente Soft-Air-Pistole Dieser Gegenstand gilt nicht als Waffe, da er transparent ist. Viele Hersteller von Soft-Air-Pistolen produzieren transparente Soft-Airs, weil diese ohne schriftlichen Vertrag gekauft werden können.
Springmesser Diese Waffe ist verboten.
Schlagstock Diese Waffe ist bewilligungspflichtig. Darum braucht es für sie einen Waffenerwerbsschein.
Schmetterlingsmesser Diese Waffe ist verboten.
Soft-Air-Pistole Da diese Soft-Air nicht transparent ist, braucht es einen schriftlichen Vertrag aber keine Meldepflicht an die Kantonspolizei Solothurn.
Schlagring Diese Waffe ist verboten.
Schlagrute Diese Waffe ist verboten.
Revolver Diese Waffe ist bewilligungspflichtig. Darum braucht es für sie einen Waffenerwerbsschein.
Pistole Diese Waffe ist bewilligungspflichtig. Darum braucht es für sie einen Waffenerwerbsschein.
Messer mit automatischem Mechanismus Diese Waffe ist verboten.
Freizeitmesser Dieser Gegenstand ist legal und braucht keine Bewilligung, weil er offiziell keine Waffe ist.
Jagdwaffe Für diese Waffe braucht es zwar keinen Waffenerwerbsschein, aber einen schriftlichen Vertrag zwischen Käufer und Verkäufer sowie eine Meldung an die Kantonspolizei Solothurn.

Beispiele verschiedener Waffenkategorien

Hanspeter Bärtschi

Probleme mit Imitationen

Das ist es also, das kantonale Waffenbüro, das sich aus dem Polizisten und Fachverantwortlichen Josef Mäder, der Sachbearbeiterin Fabienne Wüthrich und der Leiterin des Rechtsdienstes, Sabine Riniker, zusammensetzt. Sie alle wirken ganz ruhig in ihrer gewohnten Umgebung, während sich bei den weiteren Anwesenden Aufregung und Nervosität abwechseln. Schliesslich stehen hier nicht nur alte Sturmgewehre der Schweizer Armee herum, nein hier lagert zum Beispiel auch die wohl berühmteste Mordwaffe der Schweiz (siehe Box).

Fünffach-Mord von Seewen

Tatwaffe verwahrt
Der bekannteste Gegenstand in der Waffenkammer ist die Tatwaffe des Fünffach-Mordes von Seewen. Die Tat, die am Pfingstwochenende 1976 die Schweiz schockierte, konnte bis heute nie geklärt werden. Josef Mäder: «Der Polizeikommandant und die Staatsanwaltschaft haben gemeinsam entschieden, dass die Waffe – trotz Verjährung, aber wegen der Ungeklärtheit und Bedeutung des Falles – nach wie vor als Beweismittel behandelt wird und darum in unserem Besitz bleibt.» (SBI)

«Und seit Dezember 2008 auch viele Imitationen und Soft-Air-Waffen», so Mäder. «Deren Verkäufer und Besitzer müssen seit der Verschärfung des Waffengesetzes gemeinsam einen schriftlichen Vertrag abschliessen.» Ohne schriftlichen Vertrag konfisziere die Polizei die Imitate. «Weil diese aufgrund ihres Aussehens mit echten Feuerwaffen leicht verwechselt werden können», sagt Mäder.

Zwischen Sturmgewehr 90 und Ninja-Schwert ist im Regal eine AK 47 aufgereiht. Ist diese echt? Mäder greift nach der Waffe und wägt sie mit seinen Händen. «Ist echt!» Er löst das Magazin und schaut es sich genauer an. Dann räuspert er sich. «Doch nicht», sagt er und lächelt verlegen. «Sogar das Gewicht stimmt in etwa ...»

Gründe für Sicherstellung

In der linken Ecke stehen einige Waffen beisammen. Mäder erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seinem Chef mit Worten drohte. Der Chef alarmierte darauf die Polizei und diese fand beim jungen Mann zu Hause ein kleines Arsenal: Armbrust, Pfeile, Luftgewehre, Kleinkalibergewehre, Jagdmesser, Munition.

«Waffen können aus zwei Gründen von der Polizei sichergestellt werden», erklärt Sabine Riniker. Zum einen, wenn es sich um eine Straftat handle und die Waffe Tatwaffe beziehungsweise Beweismittel sei - dieses Verfahren laufe dann nach Strafprozessrecht ab und die Staatsanwaltschaft entscheide über das weitere Vorgehen. «Oder aber man stellt die Waffe aus präventiven Gründen nach Waffengesetz sicher, da die Möglichkeit einer missbräuchlichen Verwendungen bestehen könnte.» Die Zuständigkeit liege dann beim Waffenbüro. «Wir entscheiden, was weiter passiert.»

Geändertes Waffengesetz ab Dezember 2008

Was ist noch legal?

Bis 12. Dezember 2008 konnten Privatpersonen Waffentypen legal erwerben, ohne dass eine Bewilligung oder auch nur eine Meldung an die Polizei erforderlich war. Das geänderte Waffengesetz führte für den Neuerwerb – abhängig davon, ob es sich um eine bewilligungs- oder um eine meldepflichtige Waffe handelt – eine Melde- oder Bewilligungspflicht ein. Auch der Erwerb durch Erbgang fällt neu unter eine dieser Kategorien. Wer also ab Dezember 2008 Waffen erwirbt oder erbt, ohne die nötige Bewilligung einzuholen beziehungsweise ohne die Waffe zu melden, macht sich strafbar. Personen, die bereits vor Dezember 2008 im Besitz einer Waffe waren, mussten diesen Gegenstand innerhalb eines Jahres der Polizei melden. Eine Ausnahme galt für Ordonnanzfeuerwaffen, die von der Militärverwaltung seinerzeit zu Eigentum abgegeben wurden; für sie bestand keine Nachmeldepflicht. Wer erst zu einem späteren Zeitpunkt auf solche Waffen stösst, hat sie im Zeitpunkt des Auffindens zu melden. Wer dieser Meldepflicht nicht nachkommt, muss aber nicht mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Will die Person die Waffen selbst erwerben, gelten indessen die oben genannten Pflichten. Auch ehemalige Armeeangehörige dürfen Ordonnanzwaffen wie Sturmgewehr 57 und 90 nur noch mit einem Waffenerwerbsschein und Langgewehre und Karabiner mit schriftlichem Vertrag erwerben. Anders sieht es indessen bei grundsätzlich verbotenen Waffen aus: Diese müssen seit Dezember 2008 innerhalb von drei Monaten der Polizei gemeldet werden. Kommt man dieser Meldepflicht nicht nach, kann dies strafrechtliche Konsequenzen haben. Die Übertretung wird mit einer Busse geahndet. (SBI)

Das sei auch gleichzeitig der schwierigste Teil ihrer Arbeit, meint Mäder. «Von uns wird erwartet, aufgrund des in der Vergangenheit gezeigten Verhaltens, eine Prognose für die Zukunft zu stellen. Man weiss aber nie zu hundert Prozent, ob man die Waffe nicht gerade jemandem aushändigt, der vielleicht eine Straftat begehen wird.»

Niemand könne schliesslich ahnen, was in den nächsten Minuten oder in den nächsten Tagen geschehe. Dasselbe gelte beim Erteilen eines Waffenerwerbscheins, «aktuell gibt es vielleicht keinen Hinderungsgrund, wie sieht es aber morgen aus ...?» Es braucht also gute Menschenkenntnisse? «Und diese hat ein Polizist», so Mäder.

Die Entscheidung, ob man jemanden seine Waffe wieder aushändigen dürfe oder nicht, könne nämlich nicht allein gestützt auf Papiere getroffen werden. «Die Personen kommen ins Büro und sitzen uns – mir und Frau Wüthrich – gegenüber.» Anschliessend werde die Entscheidung, gestützt auf die gesetzlichen Vorgaben, im Team getroffen. «Um uns nicht von Sympathien, Antipathien oder Tagesformen leiten zu lassen, fällen wir keine Einzelentscheide», so Mäder.

Licht aus! Mäder greift zum Türknauf und schliesst die Kellertür. «Hätte ich den Code am Anfang des Rundgangs nicht rechtzeitig eingegeben, wäre sofort eine Polizeipatrouille mobilisiert worden», sagt Mäder und löst damit das Rätsel um den Alarm. Dann läuft er dem Kellergang entlang und dreht sich ein letztes Mal um: «Hätten Sie’s gewusst? Das Waffenlager befindet sich direkt unter dem Solomarkt.»