Interview
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der soH verzeichnet mehr Anfragen — was für Kinder jetzt wichtig ist

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie der soH verzeichnet mehr Anfragen. Die Leitende Ärztin Frauke Hartmann erzählt, was für Kinder jetzt wichtig ist.

Rebekka Balzarini
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Vielen Kindern fehlt der normale Schulalltag. (Themenbild)

Vielen Kindern fehlt der normale Schulalltag. (Themenbild)

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE

Gibt es auch im Kanton Solothurn mehr Kinder und Jugendliche, die sich bei der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Abteilung melden?

Frauke Hartmann, Leitende Ärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie

Frauke Hartmann, Leitende Ärztin Kinder- und Jugendpsychiatrie

zvg

Frauke Hartmann: Wie in anderen Regionen der Schweiz war es auch bei uns so, dass wir insbesondere in den Wochen vor Weihnachten spürbar mehr Anmeldungen als in anderen Jahren registrierten. In welchem Ausmass das auf die Pandemie-Situation zurückzuführen ist, weiss man nicht genau. Man kann davon ausgehen, dass Belastungen, die sonst schon da sind, aufgrund der Pandemie eher sichtbar werden.

Warum?

Kinder und Jugendliche erlebten in den vergangenen Monaten ein Hin und Her. Sie waren in der Schule, und dann plötzlich nicht mehr. Die Eltern arbeiten auf einmal zuhause im Homeoffice und müssen dann wieder ins Büro. Es fehlt die Stabilität im Alltag. Das trifft nicht nur Jugendliche, sondern auch jüngere Kinder. Was vielen Kindern ausserdem fehlt, sind ihre Freizeitaktivitäten, ihr Ausgleich. Wenn ein Kind sonst regelmässig in den Sportverein oder Musikunterricht geht, dann fehlt das jetzt.

Wie zeigt sich bei Kindern und Jugendlichen, dass es ihnen nicht gut geht?

Die Kinder zeigen zum Beispiel Anzeichen von depressiven Verstimmungen. Sie ziehen sich zurück, sind lustlos. Langeweile an sich ist ja nichts Schlechtes. Zuviel davon kann sich aber auf die Stimmung auswirken. Auch Schlafprobleme wie Ein- und Durchschlafschwierigkeiten oder Verschiebungen des Tag- und Nachtrhythmus sind Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Weitere Warnsignale sind ausgeprägte Gewichtveränderungen und unspezifische körperliche Symptome. In der Schule können ein unerwarteter Leistungsabfall oder eine Zunahme von Fehlzeiten Hinweise auf Schwierigkeiten mit der Umstellung sein.

Wie können Eltern oder Lehrpersonen unterscheiden, ob ein Kind einfach eine schlechte Phase hat oder wirklich Hilfe braucht?

Wenn ein Jugendlicher sowieso nicht gerne Bewerbungen schreibt, dann ist nicht plötzlich die Pandemie daran Schuld. Wenn Jugendliche aber eigentlich motiviert sind, und dann zunehmend antriebslos werden und die Lust an allem verlieren, dann muss man genauer hinschauen. Ein Warnsignal ist auch, wenn Kinder und Jugendliche sich plötzlich nicht mehr mit gleichaltrigen Freundinnen und Freunden treffen wollen.

Aber diese Treffen sind jetzt gerade schwierig.

Genau. Und trotzdem sind sie wichtig. Es geht um die für eine gesunde Entwicklung notwendigen Freiräume und Abwechslung. Soziale Kontakte sollten nicht nur in digitaler Form stattfinden. Auch jetzt können sich Kinder und Jugendliche draussen treffen. Schlitteln, Fahrradfahren, und Spazierengehen sind unter Einhaltung einiger Regeln weiterhin möglich. Frische Luft und Bewegung sind nicht einfach nice to have, sondern wirken präventiv.

Und wenn Eltern Angst haben, dass sich ihre Kinder mit dem Coronavirus anstecken könnten?

Ein Kind oder Jugendliche aus Angst längerfristig zu isolieren birgt ein Risiko für die Entwicklung und die psychische Gesundheit. Schwere Covid-19-Verläufe kommen bei jungen Menschen, bei Kindern selten vor. Meistens dreht sich die Sorge der Eltern darum, dass das Kind das Virus in die Familie tragen könnte, und etwa die Grossmutter ansteckt. Dieses Risiko muss man gegen die soziale Isolation des Kindes abwägen. Auch Kinder und Jugendliche können unter Einsamkeit leiden, sogar ganz besonders. Der virtuelle Austausch ist kein Ersatz.

Das Volksschulamt betont, dass die Schulen als letzte Massnahme geschlossen werden sollen, weil Schulschliessungen sich negativ auf die psychische und soziale Verfassung der Kinder auswirken. Zu Recht?

Wenn die Schulen geschlossen werden, dann fallen viele protektive Faktoren, also Schutzfaktoren, weg. Die Kontinuität im Alltag, das Gefühl der Zugehörigkeit in der Klasse, die Möglichkeit, aus der Familie herauszukommen. Natürlich müssen Schulen auf die Gesundheit der Kinder und Lehrpersonen achten. Und man darf bei der Diskussion um Schulschliessungen den Gesamtkontext nicht aus den Augen verlieren. Aber der Einwand, dass eine Schliessung der Schulen den Kindern schadet, ist in meinen Augen richtig. Ich finde aber nicht nur die kompletten Schliessungen problematisch.

Sondern?

Für Kinder und Jugendliche ist es bereits schwer, wenn unterrichtsergänzende Angebote den Schutzmassnahmen zum Opfer fallen, da diese eine wichtige Ergänzung in der Tagesstruktur darstellen und im Gegensatz zu unbeaufsichtigter Freizeit unter den in der Schule geltenden Regeln stattfinden
Was muss passieren, damit Kinder und Jugendliche psychisch gesund durch die Pandemie kommen?
Wir müssen erkennen und aussprechen, dass die Einschränkungen nicht nur von kurzer Dauer sind. Es ist völlig offen, wann Chorproben und Volleyballtrainings wieder stattfinden können. Wir stehen vor einer längerfristigen Veränderung, die viel Flexibilität fordert. Die Gesellschaft muss Projekte fördern, die zukunftstaugliche Alternativen suchen. Zum Beispiel Internetplattformen, wo Kinder und Jugendliche zu kreativen Tätigkeiten angeregt oder zu körperlicher Bewegung motiviert werden. Einfach abwarten, bis alles wieder ist wie vorher, ist keine Lösung.