Das zeigen die Aufstiegsgeschichten von drei jungen Menschen. Sie wollen sich nicht mit der Zuschauerrolle begnügen. Sie wollen ihre Heimat gestalten.

Herolinda Rexhepi: Bildungs- Botschafterin aus Bellach

Wann ist man eine richtige Schweizerin? Für Herolinda Rexhepi gibt es ein unmissverständliches Merkmal: die akzentfreie Mundart. «Mein Traum war immer, dass niemand hört, dass ich albanische Wurzeln habe.» Nun, Herolinda Rexhepi spricht wie eine waschechte Leberbergerin.

Dass sie Ziege statt Geiss sagt, wenn sie von der Käserei ihres Onkels spricht, verfälscht den Dialekt nur in den Ohren von Mundartpuristen. Vom Slang von Mike Müllers parodistischer Albanerfigur Mergim Muzzafer ist sie jedenfalls himmelweit entfernt. Zwar spricht auch die 23-Jährige schnell und viel. Doch sie tut es reflektiert.

Das sind gute Voraussetzungen für eine Politikkarriere. 2015 kandidierte Rexhepi auf der Liste der jungen CVP für den Nationalrat. Sie landete auf dem zweiten Listenplatz.

Inzwischen hat sie sich der SP angeschlossen. Dort hofft sie, weniger auf ihren fremdländisch klingenden Namen angesprochen zu werden. Gerade konservative CVP-Mitglieder hätten Mühe gehabt mit der Seconda in ihren Reihen. Am Schluss war es aber die ablehnende Haltung zur Unternehmenssteuerreform III, die den Parteiwechsel forcierte. Die Motivation für ihr Engagement bleibt unabhängig von der Parteifarbe hoch: «Mit Politik kann man sehr viel erreichen.»

Als Vorbild steht Herolinda Rexhepis Vater. Als Freiheitskämpfer für die kosovarische Sache wurde er im ehemaligen Jugoslawien von Anhängern Slobodan Milosevics politisch gesucht. In der Vorläuferorganisation der ersten kosovarischen Partei, der Demokratischen Liga (LDK), setzte er sich gegen die Unterdrückung der albanischen Volksgruppe ein.

1988 kamen Rexhepis Eltern in die Schweiz. In der Solothurner Weststadt fanden sie ein zu Hause. Der Vater, der in Pristina Literatur und die albanische Sprache studiert hatte, arbeitete auf dem Bau. Die Mutter war Pflegekraft. Als die beiden Mädchen und der Bub geboren wurden, zog die Familie in eine Eigentumswohnung nach Bellach.

Dass sich Frauen im Hintergrund halten sollen, sei unter Kosovaren noch immer eine verbreitete Meinung. In der Familie Rexhepi hatten patriarchale Traditionen keinen Platz. Die Mädchen besuchten den Schwimmunterricht, und während des Ramadans zu fasten, lehnten die Eltern aus gesundheitlichen Gründen ab.

«Das brachte mir und meiner Schwester fast mehr Probleme mit muslimischen Mitschülern ein als mit Schweizern», erzählt Herolinda Rexhepi. Ansonsten war ihre Kindheit sorgenfrei. Aufruhr gab es plötzlich vor vier Jahren, als ihre Schwester Jetmira in die Schlagzeilen der Boulevard-Medien geriet.

Sie war die erste Schweiz-Kosovarin in der Rekrutenschule. Rexhepi zeigt ein Bild auf ihrem Handy. In Kämpfer-Vollmontur formt die Durchdienerin für ein Foto mit den Händen einen Adler, das Wappentier Albaniens. Es sollte einen Akt der Integration darstellen: Seht her, albanischstämmige Schweizer engagieren sich für ihr Land. Stattdessen brach ein Shitstorm über sie herein.

Herolinda Rexhepi wischt das Bild vom Bildschirm und schüttelt den Kopf. Ein gewisser Stolz auf die Herkunft werde vielen Albanern eingeimpft. «Aber man sollte es damit nicht übertreiben.» Statt Unfrieden zu schüren, will sie das Verständnis für andere Kulturen fördern.

Dafür müssten sich beide Seiten anstrengen. Die Migranten in der Überbauung Grederhof in ihrem Wohnort Bellach will sie zu mehr öffentlichem Engagement bewegen. Aber auch die alteingesessene Bevölkerung ennet der Kantonsstrasse müsse einen Schritt machen.

Den Austausch fördert Rexhepi auch auf höherer Ebene, etwa im Gespräch mit Nationalräten. Als Mitglied der LDK informierte sie sich im Januar vor Ort über die angespannten Beziehungen von Serbien und Kosovo. Für eine Arbeit über Wirtschaft und Korruption interviewte sie den kosovarischen Finanzminister. Bei ihren Reisen sieht sie sich als Botschafterin der Schweizer Demokratie und der Bildung.

Rexhepi arbeitet in einem Grenchner Wohnheim für Demenzkranke und bildet sich in Basel zur Fachfrau Betreuung weiter. Ihr Traum sei ein Studium als Sozialpädagogin. Dass sie ihre Wünsche in die Tat umsetzt, beweist der Leberberger Dialekt. Ausländerdeutsch ist ihr ein Graus. Mit ihrem Mann, der ebenfalls kosovarische Wurzeln hat, spricht sie meistens Deutsch. «Damit das bei ihm hängenbleibt.»

Perparim Rekaj: Unternehmer aus Lohn-Ammannsegg

Wer will, kann alles erreichen. Daran glaubt Perparim Rekaj fest. Sonst dürfe man sich an ihm ein Beispiel nehmen. «Ich habe mich nie hängen lassen», sagt der 29-Jährige. Trotz schlechteren Berufschancen wegen seines Namens, der auf die Herkunft der Vorfahren schliessen lässt. Er suchte die Schuld nicht bei anderen, nahm jeden Rückschlag als Ansporn. Heute führt er als Co-Chef eine Firma mit 25 Angestellten. Und er will als Mitglied der FDP die Schweiz gestalten.

Perparim Rekaj war dreijährig, als er zusammen mit seiner Mutter und der Schwester aus der kosovarischen Stadt Ferizaj südlich von Pristina in die Schweiz reiste. Sie folgten dem Vater nach, der als junger Mann in einem Bauunternehmen in Aarwangen anheuerte.

Später schuftete er in der Papierfabrik Biberist im Vierschichtdienst. Nach Feierabend war der Vater oft zu müde, um sich den Fragen des Sohnes zu widmen. Das habe ihm beim Lernfortschritt in der Schule gefehlt, erinnert sich Rekaj. «Ich konnte ihn nicht wegen den Hausaufgaben fragen. So holte ich meine Informationen eben selber.»

Wer emporkommen will, muss Eigeninitiative übernehmen. Der freisinnige Glaubenssatz nach Selbstverantwortung und der Bedeutung des Individuums macht aus ihm aber keinen Neoliberalen radikalen Zuschnitts. Der Staat müsse sich für die Integration und die Ausbildung von Ausländern anstrengen. «Da lohnt es sich, viel Geld zu investieren.»

Denn Rekaj weiss: Nicht bei allen Migrantenkindern lodert das innere Feuer wie bei ihm. Bildung sieht er als Schlüssel zu jedem Erfolg. Sowohl für den Einzelnen, aber auch für die Friedensstiftung im Grossen. «So lernen Menschen, vernetzt zu denken.» Und so wurden aus Kosovo-Albanern, die Perparim Rekaj als «Arbeitervolk» bezeichnet, nicht bloss gefeierte Fussballer in der Schweizer Nati. Sondern auch erfolgreiche Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen.

Perparim Rekaj strebte früh in eine Führungsfunktion. Die Rekrutenschule absolvierte er bei den Rettungstruppen in Wangen an der Aare. Mit 22 Jahren gründete er mit einem Kollegen seine eigene Firma. Heute hat sich die ASR Haustechnik AG in Lohn-Ammannsegg auf dem Markt etabliert. Sie beschäftigt Türken, Albaner, Schweizer. «Wir arbeiten miteinander statt gegeneinander. Und so sollte es in der Gesellschaft auch funktionieren.»

Gestartet war er als Sanitärlehrling. Doch der Karriereaufstieg war bald blockiert. Für die Weiterbildung zum Sanitärplaner fand er keine Stelle. Noch heute sind die Leute skeptisch, wenn sich Perparim Rekaj mit Namen vorstellt. «Ich merke das beim Augenkontakt oder aufgrund der Gestik meines Gegenübers.»

Erwähnt er die Herkunft seiner Eltern, sei es oft erst einmal ruhig. Viele Einwanderer aus dem Balkan liessen sich davon einschüchtern. «Das ist ein Fehler. Vorurteile sind menschlich.» Beklagt sich ein Kosovare bei ihm über Probleme bei der Stellensuche, rät er: Steck nicht auf, versuch es am nächsten Ort. Man müsse auf die Menschen zugehen, sich nicht für seine Herkunft schämen.

Mit der Schweiz und dem Kosovo hat Rekaj zwei Heimaten. «Doch meine Zukunft liegt hier.» Er erwähnt die ökonomische Sicherheit und rechtsstaatliche Strukturen. Nach den Ferien im Süden freut er sich stets auf die Rückreise. Die wirtschaftlichen Strukturen im Kosovo sind trotz Zuschüssen aus der Diaspora und ausländischen Investitionen schlecht.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Korruption grassiert. Die Hälfte aller Jugendlichen findet keinen Job, viele wollen auswandern. Am liebsten in die Schweiz. «Es gibt zwar Anzeichen einer Industrialisierung. Aber das braucht viel Zeit.» Er erzählt von seinem Onkel, der Jura studiert habe und heute 400 Euro pro Monat verdient. Und er versteht jeden, der das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlässt.

Doch lamentieren ist Rekajs Sache nicht. Die höhere Berufsprüfung zum Chefmonteur, die ihm anfänglich verweigert blieb, bezahlte er aus der eigenen Tasche. So etwas sei in er Schweiz möglich. Aber nicht selbstverständlich, «obwohl das viele glauben.» Deshalb opfert er, der seit 2006 den Schweizer Pass hat, seine Freizeit für die Politik. «Man muss etwas bewegen, sonst verlieren wir den Wohlstand.»

Im März kandidierte er für den Kantonsrat. Mit 1702 Stimmen landete er fast am Schluss der FDP-Liste Bucheggberg-Wasseramt. «Ich wusste genau, dass es nicht reichen wird. Aber es war eine gute Erfahrung.» Vielleicht kandidiert er für den Gemeinderat. An der Gemeindeversammlung von Lohn-Ammannsegg hat er sich jedenfalls schon vorgestellt. Und wenn Schweizer und Einwanderer miteinander statt gegeneinander arbeiten, so Perparim Rekaj, sei es nur eine Frage der Zeit, bis ein Kosovo-Schweizer in einem Parlament sitzt.

Kosovare Rrustemi: Ambitionierte Derendingerin

Ihren Namen solle man sich merken. Nun, spielend geht dieser hierzulande vielen nicht von der Zunge. Aber Kosovare Rrustemis Ansage klingt entschlossen. Die Kantonsratswahlen, so bekräftigt sie, waren nämlich erst der Anfang. Auf der Liste der SP Bucheggberg-Wasseramt hat sie Politluft geschnuppert und landete prompt im Mittelfeld. Das sei nicht schlecht. «Aber einige Stimmen hätten es noch mehr sein dürfen.» Immerhin: In der eigenen Partei erreichte sie in Derendingen den zweiten Platz. Kosa, wie sie von Freunden genannt wird, ist auf den Geschmack gekommen.

Die Herkunft ihrer Eltern trägt Kosovare Rrustemi im Namen. Die familiären Wurzeln seien wichtig. Doch ihre Heimat sei die Schweiz. «Hier gehöre ich hin.» Das hatten ihr die Eltern eingeschärft. Als junger Mann kam der Vater aus dem Dorf Zheger im damals jugoslawischen Kosovo in die Schweiz. Wie so viele seiner Landsleute arbeitete er auf dem Bau. Die Familie blieb zurück.

Als sich der Kosovo-Konflikt verschärfte, stellte die Mutter dem Vater ein Ultimatum: Entweder ziehe ich mit den vier Kindern in die Schweiz nach, oder du siehst mich nicht mehr. Die Situation im Kosovo war schwierig. Als dem Bruder der Blinddarm platzte, liessen ihn serbische Militärs nicht ins Spital fahren. Erst als der Grossvater die Soldaten anflehte, konnten sie passieren. «Wenn du als Kind Gewehre vor der Nase hast, ist das schlimm», erinnert sich Rrustemi. Der Vater lenkte ein. Die Familie liess sich in Alchenflüh nieder.

Für die damals elfjährige Tochter war es ein schwieriger Umzug. Die fremde Sprache, die andere Kultur, alles war neu. Doch die Eltern hielten die Kinder zur Offenheit an. Ihr dürft euch nicht isolieren, nicht bloss mit Albanern zusammensein. Die Schweiz biete so viele Möglichkeiten. «Ihr habt die Chance, diese zu nutzen.» Um in der Schule mithalten zu können, büffelte Kosa am Mittwochnachmittag im privaten Deutschunterricht.

Von dieser Offenheit habe sie stark profitiert, sagt die 35-Jährige. Ihren beiden kleinen Buben will sie die gleichen Werte mitgeben. Migranten sollen sich nicht in Parallelwelten zurückziehen. Vom Projekt «Schenk mir eine Geschichte», wo fremdsprachige Kinder ihre Muttersprache pflegen, hält sie nicht viel. «Es kann nicht sein, dass wir Schweizer den Migranten Albanisch beibringen.»

Der Integration sei dies kaum förderlich. Einwanderer müssten in die Pflicht genommen werden. «Aber dann soll man ihnen auch eine Chance geben.» Sie erwähnt Frühförderung und der Einbezug der Eltern. Denn Aussehen, Name und Hautfarbe spielten gerade bei der Berufswahl noch immer eine wichtige Rolle - selbst wenn man wie Rrustemi die Schweizer Schulen besucht hat.

Trotz mehr als hundert Bewerbungen fand sie keine Lehrstelle. «Ich weiss, dass das mit meinem Migrationshintergrund zusammenhängt.» So arbeitete sie drei Jahre in der Elag-Verpackungsfabrik in Kirchberg. Nach drei Jahren fand sie doch noch eine Lehrstelle als kaufmännische Angestellte. Es folgten Weiterbildungen in Marketing und Kommunikation sowie als Führungsfachfrau.

Sie arbeitete in der Frauenklinik des Inselspitals, wurde Präsidentin der Berner Sektion des Kinderhilfswerks Terre des Hommes. «Meine Energie für eine sinnvolle Tätigkeit einzusetzen, das war die beste Erfahrung.» Heute führt sie das Restaurant Widder in Derendingen – mit Erfolg, wie sie sagt.

In die Politik kam Kosovare Rrustemi durch ihren damaligen Chef in einer Berner Druckerei, der für die FDP kandidierte. «Das hat mich beeindruckt.» Der Schweizer Pass, den Rrustemi nach der Einbürgerung erhielt, war ein Symbol. «Nun bin ich zu Hause angekommen, jetzt will ich mich öffentlich engagieren.» Als sie und ihr Partner vor drei Jahren von Ostermundigen nach Derendingen zügelten ein Haus kauften, kam die Anfrage der SP.

Heute ist sie Ersatzgemeinderätin und engagiert sich in der Kommission für Gesellschaftsentwicklung. Auch die Schule liege ihr am Herzen. Von Klientelpolitik will sie nichts wissen. Weder für die kosovarische Diaspora noch für einzelne Interessengruppen. Sie will sich für das Gemeinwohl einsetzen. «Die Nation oder die Religion spielen dabei keine Rolle.»

Als Kosovare Rrustemi beschloss, für den Kantonsrat zu kandidieren, frotzelten die Freunde. Ob sie wahnsinnig sei. «Wer soll dich mit diesem Namen wählen?». 2675 Stimmen haben sich ihren Namen gemerkt. Immerhin.