Schule
Die kantonsweite Vergleichsprüfung wird abgeschafft

Ab dem Schuljahr 2017/2018 gewinnt die Empfehlung der Lehrperson beim Übertritt in die Sekundarstufe I an Bedeutung. Die Vergleichsprüfung wird abgeschafft. Damit passt sich Solothurn dem Trend in der Schweiz und im Bildungsraum Nordwestschweiz an.

Elisabeth Seifert
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Vor fünf Jahren wurde das aktuelle Übertritts-Verfahren im Zug der Sek-I-Reform eingeführt. Im Januar 2017 findet die «Vergleichsarbeit» ein letztes Mal statt.

Vor fünf Jahren wurde das aktuelle Übertritts-Verfahren im Zug der Sek-I-Reform eingeführt. Im Januar 2017 findet die «Vergleichsarbeit» ein letztes Mal statt.

Chris Iseli

In diesen Tagen rauchen bei vielen Sechstklässlern wieder die Köpfe. Zu Hause, in einem der boomenden Nachhilfestudios oder bei den letzten Schultests vor dem grossen Prüfungstag.

Mitte Januar geht zum sechsten Mal die kantonsweite Prüfung über die Bühne, die darüber entscheiden wird, in welche Abteilung der Sekundarstufe I die Primeler nach den Sommerferien eintreten werden.

Das grosse Büffeln auf die «Vergleichsarbeit (VA)» ist vor allem bei all jenen Jugendlichen angesagt, die sich einen der begehrten Plätze in der Sek P (Progymnasium) ergattern wollen.

Das aber hat jetzt bald ein Ende: Die Vergleichsprüfung, die mit einem Gewicht von 40 Prozent über die weitere Schulkarriere entscheidet, wird demnächst abgeschafft. Ein allerletztes Mal findet sie im Januar 2017 statt.

Ab dem Schuljahr 2017/2018 wird das Übertritts-Verfahren komplett umgekrempelt – und basiert nicht mehr zu einem guten Teil auf einer einzelnen Prüfung. Neben den Schulnoten in der sechsten Klasse erhält vielmehr das Lehrerurteil mehr Gewicht.

Der Wechsel wirft Fragen auf

Kommuniziert hat das Volksschulamt (VSA) den Paradigmenwechsel bislang einzig anlässlich von Elterninformationen in der Primarschule. Im Detail soll das neue Verfahren gemäss Auskunft von Yolanda Klaus, der stellvertretenden Chefin im Volksschulamt, im März vorgestellt werden.

In den nächsten Wochen stehen die abschliessenden Besprechungen an mit den Vertretern der Volksschullehrerschaft, der Schulleitenden sowie der Kantonsschulen. Die neuen Modalitäten für den Übertritt von der Primarschule in die Sekundarstufe I sind denn auch in einer breit abgestützten Arbeitsgruppe erarbeitet worden, angehört worden sind zudem die politischen Parteien.

Und dennoch: Ein solcher Paradigmenwechsel, weg von einem prüfungsbasierten Übertritt hin zu einem Verfahren, wo das Urteil der Lehrer an Bedeutung gewinnt, wirft Fragen auf.

Immerhin galt die Vergleichsarbeit im Rahmen der Reform auf der Sekundarstufe I als zentrales Element eines möglichst gerechten, weil auf messbaren Grundlagen beruhenden Übertritts von der Primarschule in die Sek P, die Sek E oder die Sek B.

Schweizweit aber weisen die Zeichen seit geraumer Zeit in eine andere Richtung. Die grosse Mehrheit der Kantone setzt beim Übertritt auf die Schulnoten in der letzten Primarschulklasse und die Empfehlung der Lehrpersonen.

«Kantone, die ein prüfungs-basiertes System haben, sind in der Minderheit», beobachtet Yolanda Klaus vom Volksschulamt. Auch im Bildungsraum Nordwestschweiz ist Solothurn der einzige Kanton mit einem solchen System.

«Checks» verdrängen die Prüfung

Statt selektionswirksamen Prüfungen werden im ganzen Bildungsraum jetzt vielmehr sukzessive förderorientierte «Checks» eingeführt. Zu Beginn der dritten und der sechsten Primarschulklasse sowie gegen Ende der zweiten und dritten Klassen auf der Sekundarstufe I.

«Diese Checks folgen inhaltlich und auch in ihrer Bewertung einer anderen Logik als die Vergleichsarbeit», betont Yolanda Klaus. Statt Schulstoff abzufragen, dienen diese der Standortbestimmung. Es gibt dafür auch keine Noten. Die Checks gehen zum Teil über den aktuellen Schulstoff hinaus.

An den Solothurner Schulen wird dieser Check zu Beginn der dritten Primarschulklassen im September 2016 ein erstes Mal flächendeckend durchgeführt. In den sechsten Primarschulklassen dann ein Jahr später – im September 2017.

Die geplante flächendeckende Einführung dieser Checks im ganzen Bildungsraum bildete denn auch den Auslöser für die Neuorganisation des Übertritts-Verfahrens im Kanton Solothurn. Klaus: «Andernfalls hätten wir zu viele und zu unterschiedliche Tests und Checks im Verlauf der fünften und sechsten Klasse.»

Neben der Vergleichsprüfung wird auch die «Orientierungsarbeit (OA)» zu Beginn der fünften Primarschulklasse abgeschafft. Ein letztes Mal wurde diese im vergangenen September durchgeführt. Das neue Verfahren startet dann nach den Sommerferien 2017, zu Beginn der sechsten Klassen.

Die Ergebnisse des Checks vom September, der nicht benotet wird, dienen vor allem einem Standortgespräch mit den Eltern. Wie beim bisherigen Übertritts-Verfahren werden auch künftig die Schulnoten eine Rolle spielen.

Aber nur noch jene in der sechsten Klasse – und nicht mehr die Noten vom zweiten Semester der fünften Klasse. Ein wesentliches Element des neuen Verfahrens ist schliesslich, wie bereits erwähnt, das Urteil der Lehrperson.

Ein immenser Aufwand

Besteht mit einem solch prüfungsfreien Verfahren aber nicht das Risiko, dass Schulen und Lehrpersonen ihre Empfehlungen und Noten nach den Wünschen ehrgeiziger Eltern ausrichten?

Ohne jetzt schon konkrete Massnahmen bekannt geben zu wollen, meint Yolanda Klaus: «Auch beim neuen Verfahren wird es Instrumente geben müssen, um die Vergleichbarkeit der Notengebung sicherzustellen.»

Die Erfahrungen anderer Kantone zeige zudem, dass ein prüfungsfreies Übertritts-Verfahren gut funktioniere, hält die Vertreterin vom Volksschulamt fest. Kein Geheimnis ist, dass gerade auch das prüfungsbasierte System Schwachstellen aufweist.

Yolanda Klaus: «Auch ohne Einführung von Checks im ganzen Bildungsraum wären Optimierungen ein Thema gewesen.» Ob Solothurn allerdings auch ohne Not vollständig auf die vor fünf Jahren eingeführte Übertritts-Prüfung verzichtet hätte, lässt sie offen.

Die kantonsweit durchgeführten Prüfungen der letzten Jahre hätten zu einer Angleichung der Beurteilungskriterien in den Schulen geführt, ist die stv. Chefin im Volksschulamt überzeugt – auch wenn es immer noch Ausreisser gebe.

Das auf messbaren Kriterien beruhende Verfahren habe zudem gerade im Rahmen der kompletten Umgestaltung der Sek I für Klarheit gesorgt.

Die Organisation einer kantonsweiten Prüfung freilich bringe für die Behörden einen grossen Aufwand mit sich. Zu den Nachteilen gehört für Yolanda Klaus aber vor allem auch die grosse Belastung für viele Schülerinnen und Schüler.

Verschiedene Schulen und Lehrpersonen decken ihre Schüler im Hinblick auf ein möglichst gutes Abschneiden an den kantonsweiten Prüfungen mit Tests geradezu ein. Und so manchen Eltern schicken ihre Kinder zusätzlich in den Nachhilfeunterricht.

Trotz eines solchen immensen Aufwands ist es zudem nur zum Teil gelungen, die Schüler in der für sie «richtigen» Abteilung der Sek I zu platzieren. Anders als vorgesehen schlägt derzeit ein zu grosser Teil der Sek-P-Absolventen nicht den Weg bis zur Matura ein.

Hieran freilich dürfte auch das neue Übertritts-Verfahren kaum etwas ändern.

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