Messen
Die Kantonsgrenze beschert Kindern einen (allzu) weiten Schulweg

Die Gemeinde Messen wird durch die Kantonsgrenze in Berner und Solothurner geteilt. Die Primarschüler aus dem Berner Teil der Gemeinde besuchen seit zwei Jahren die Schule in Rapperswil. Dabei liegt die Primarschule in Messen um die Ecke.

Elisabeth Seifert
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Die Eichholzstrasse in Messen bildet die Grenze zwischen Solothurn (links) und Bern (rechts).

Die Eichholzstrasse in Messen bildet die Grenze zwischen Solothurn (links) und Bern (rechts).

Hanspeter Bärtschi

Man müsste wohl tief in historischen Dokumenten graben, um gerade auch diese Grenzziehung zwischen den Kantonen Bern und Solothurn besser zu verstehen. Als ob es nicht genügt, dass Messen als einzige Solothurner Gemeinde jenseits des Limpach einer Tatze gleich in den Kanton Bern ausgreift. Die Kantonsgrenze ritzt zudem die Einheit des Dorfes. Streckenweise teilt die Eichholzstrasse, die mitten durch Messen führt, die Einwohnerinnen und Einwohner in Berner und Solothurner. Auf der Westseite der Strasse die Berner, östlich die Solothurner. Die Postadresse lautet für beide gleich, nämlich «Messen». Politisch gehören die Bernerinnen und Berner aus Messen aber zu Rapperswil (seit 2013, zuvor zu Ruppoldsried). Gemäss Gemeindepräsidentin Marianne Meister sorgt dies bei den Behörden, ob Solothurner oder Berner, immer wieder für Verwirrung.

Knapp 60 Männer, Frauen und Kinder sind im Berner «Eichholz» zu Hause, darunter acht Primarschülerinnen und -schüler. Das Messener Primarschulhaus liegt nur einige wenige Gehminuten entfernt, für die acht Berner Kinder aber ist es in weite Ferne gerückt. Die Erziehungsdirektion des Kantons Bern hat ein Gesuch der Eltern, dass ihre Kinder hier zur Schule gehen dürfen, im Juli 2013 abgelehnt. Auch Briefe des Schulverbands Bucheggberg konnten die Berner Behörden seither nicht mehr umstimmen. Selbst der Solothurner Bildungsdirektor Remo Ankli schaltete sich im letzten Jahr vergeblich ein. Immerhin werden die Primeler bis und mit der sechsten Klasse jetzt seit Beginn des neuen Schuljahres das ganze Jahr über per Bus von Messen in das gut sieben Kilometer entfernte Rapperswil transportiert.

Innerkantonal ist es billiger

«Die Eichhölzler sind uns wichtig», betont die Messener Gemeindepräsidentin. Einige engagieren sich aktiv fürs Dorf, jüngst erst habe sich ein Vater für den Bau eines grossen Spielplatzes starkgemacht. Enge Kontakte pflegt Messen dabei nicht nur mit den «Eichhölzlern», sondern aufgrund seiner besonderen Lage mit allen umliegenden Berner Gemeinden. «Durch den Limpach-Kanal sind wir eine geografisch gewachsene Einheit», so Marianne Meister. Der Gemeindeverband Limpachtal etwa hat die Aufgabe, den Kanal zu unterhalten.

Über die Jahrzehnte gewachsen ist dabei auch die Funktion von Messen als Zentrum sowohl für die Solothurner als auch die Berner Gemeinden. Zur Kirchgemeinde Messen zum Beispiel gehören die reformierten Kirchen von Mülchi, Ruppoldsried, Scheunen und Etzelkofen. Ein Zentrum für die Berner Gemeinden war Messen viele Jahre lang auch im Schulbereich. Während die Dörfer in der Regel alle eine eigene Primarschule unterhielten, schickten sie die Oberstufenschülerinnen und -schüler und zum Teil auch die Kindergärteler nach Messen. Das traf unter anderem auf die Gemeinde Ruppoldsried zu – und damit auch auf das «Eichholz» in Messen. Die jüngeren Kinder aus dem Berner Teil von Messen besuchten die Primarschule im nahegelegenen Ruppoldsried, die älteren Schülerinnen und Schüler die Oberstufe in Messen.

Eine Zäsur für die Schul-Zusammenarbeit bildete dann aber das Regionale Schulabkommen (RSA), das im Jahr 2000 in Kraft getreten ist. Zehn Kantone gehören diesem an, darunter auch Solothurn und Bern. Seither müssen Kantone bzw. Gemeinden, deren Schüler ausserkantonal zur Schule gehen, den aufnehmenden Schulen bedeutend höhere Tarife zahlen. Damit aber verlor Messen seinen Status als Oberstufenzentrum für die umliegenden Berner Gemeinden. Aus Kostengründen bevorzugt der Kanton Bern – wie andere Kantone auch – wenn immer möglich innerkantonale Lösungen. Die älteren Ruppoldsrieder und «Eichhölzer» Schüler besuchen seither die Oberstufe in Rapperswil. Ein Wechsel, der bei den «Eichhölzlern» kaum Diskussionen auslöste. 2006 hat Messen aufgrund der neuen Schulorganisation im Bucheggberg die Oberstufe ohnedies an Schnottwil verloren.

Kritik am Kanton Bern

Für umso mehr Aufregung unter den Eltern im «Eichholz» sorgt dafür jetzt, dass die Kleinen als Folge der Fusion von Ruppoldsried mit Rapperswil ab August 2013 einen bedeutend weiteren Schulweg zu bewältigen haben. Obwohl ihre Kinder in Messen gleich um Ecke zur Schule gehen könnten. Ende Mai 2013 stellten sie beim Kanton Bern ein Gesuch um ausserkantonalen Schulbesuch und erhielten bereits rund zwei Monate später einen ablehnenden Bescheid. Das war der Auftakt zu einem monatelangen Tauziehen zwischen den Eltern und der Gemeinde Rapperswil. Dabei ging es vor allem um den Transport der Schüler. Während Rapperswil den ganzjährigen Fahrdienst mit dem Bus nur für die jüngeren Primarschüler zur Verfügung stellen wollte, forderten die Eltern diesen auch für die Fünft- und Sechstklässler. Knapp vor Beginn des neuen Schuljahres haben die Eltern jetzt diesbezüglich einen Sieg errungen. Aus Sorge, dass ihre Kinder irgendwelche Nachteile in Kauf nehmen müssten, wollen sie gegenüber diese Zeitung jedoch nicht offiziell Stellung nehmen.

Unterstützt hat das Gesuch der «Eichhölzler» um ausserkantonalen Schulbesuch von Beginn an der Schulverband Bucheggberg. Präsidentin Verena Meyer hält mit ihrer Enttäuschung über die Behörden des Nachbarkantons nicht hinterm Berg. «Der Kanton Bern hat einen rein politischen Entscheid getroffen, der nicht auf Vernunftgründen basiert.» Enttäuscht ist sie vor allem darüber, dass der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver trotz mehrfacher Aufforderung sich nicht darum bemüht hat, die Situation vor Ort zu prüfen. «Der Entscheid wäre dann vielleicht anders ausgefallen.»

Das Gesuch der «Eichhölzler» war immerhin Gesprächsthema zwischen Bernhard Pulver und seinem Soloturner Amtskollegen Remo Ankli. «Ich persönlich kann das Anliegen der Eltern aus dem Eichholz gut verstehen, Solothurn ist schliesslich ein Kanton der Regionen», begründet Ankli seine Initiative. Es liege allerdings alleine im Ermessen der einzelnen Kantone, für welche ausserkantonalen Angebote sie das Schuldgeld zahlen wollen. Ankli: «Für mich ist einfach wichtig, dass man den Einzelfall prüft und nicht einfach einen Grundsatzentscheid fällt.»

Prüfung des Einzelfalls

Auf Berner Seite versichern die Behörden, dass sie entgegen gewisser Vermutungen nicht etwa grundsätzlich kein Schulgeld an Solothurner Schulangebote zahlen. «Wir prüfen immer jeden Einzelfall in Rücksprache mit der betreffenden Gemeinde, in diesem Fall mit Rapperswil,» sagt Johannes Kipfer. Er ist Vorsteher der Abteilung Volksschule Deutsch innerhalb der kantonalen Verwaltung. «Die Kinder der ganzen Gemeinde Rapperswil sollen die Schulen der Einwohnergemeinde besuchen», hält Gemeindepräsidentin Christine Jakob fest. Und zwar sowohl aus schulorganisatorischen als auch aus finanziellen Gründen. Wirklich Sinn mache der ausserkantonale Schulbesuch bei den immer noch differierenden Schulsystemen zudem nur über die gesamte Schulzeit hinweg. Das aber käme die Gemeinde teuer zu stehen.

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