Jugendkriminalität
Die Jugendlichen kiffen nicht öfter, werden aber öfters erwischt

Die schweren Delikte blieben 2013 hoch, insgesamt liegen die Fallzahlen auch 2013 sehr tief. Das führt die Solothurner Jugendanwaltschaft auch auf die Einführung der Jugendpolizei zurück, die Negativentwicklungen schneller stoppen kann.

Lucien Fluri
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164 Anzeigen wegen Drogenkonsums zählte die Jugendanwaltschaft 2013, in 95 Prozent der Fälle ging es ums Kiffen. (Symbolbild)

164 Anzeigen wegen Drogenkonsums zählte die Jugendanwaltschaft 2013, in 95 Prozent der Fälle ging es ums Kiffen. (Symbolbild)

Keystone

Es ist wohl jeder Fall einer zu viel. Trotzdem darf sich die Solothurner Jugendanwaltschaft über die 933 Fälle freuen, die 2013 bei ihr eingegangen sind. Denn im langjährigen Vergleich ist dies eine sehr tiefe Zahl. Sogar die Zahlen von 2012 (941 Fälle) konnten nochmals leicht unterboten werden. – Zum Vergleich: 2007 zählte die Jugendanwaltschaft noch 1681 Fälle.

Woran liegt der Rückgang? Für die Leitende Jugendanwältin Barbara Altermatt ist es nicht einfach, konkrete Gründe auszumachen. Klar ist: Die Solothurner Zahlen bewegen sich im Schweizer Rahmen. Fakt ist für die Jugendanwältin Altermatt auch: «Seit der Einführung der Jugendpolizei haben wir schnellere Verfahren. So werden Negativentwicklungen eher durchbrochen.»

Raub auf Mehrjahreshoch

Eine bittere Pille muss die Leitende Jugendanwältin trotzdem schlucken: Die Zahl der Gewaltdelikte hat 2013 nicht abgenommen, sondern ist nochmals leicht gestiegen: Die Raubfälle liegen mit 13 Taten auf einem langjährigen Hoch und auch in den Bereichen Drohung, Nötigung, Raufhandel gab es keinen Rückgang.

Pornografie: Fallzahlen haben sich im letzten Jahr verdreifacht

Zu denken geben der Leitenden Jugendanwältin insbesondere die Fallzahlen im Bereich «Pornografie/Sexuelle Übergriffe», sie sind nämlich von 8 Fällen 2012 auf 23 im letzten Jahr angestiegen. Eine «ungünstige Zunahme», so Altermatt. «Es ist fast zur Mode geworden, Bilder von anderen Jugendlichen zu machen oder zu besitzen.» Oft seien Mädchen die Opfer, die Filme von sich an ihren «besten» Freund schicken, der sie dann ungefragt weiterleitet. «Es macht Sinn, hier weiter zu sensibilisieren. Viele Jugendliche sind sich nicht bewusst, dass man nicht mehr rausbringt, was einmal im Netz ist», warnt Altermatt.

Bekannt ist das Problem auch Marcel Dubach, dem Chef der Solothurner Jugendpolizei. Dubach ist überzeugt, dass das Thema die Gesellschaft noch länger begleiten wird: Die Technik verbessere sich laufend und das Alter, ab dem Jugendliche Zugriff auf Handys mit Internetfunktion hätten, sinke. Zu bedenken gibt Dubach, dass teilweise zu leichtfertig Fotos ausgetauscht werden. «Es wird nicht mehr als schlimm angesehen.» Zwar sei nicht jedes Intimfoto gleich pornografisch. Und ein grosser Teil der Fotos tauche nie in der Öffentlichkeit auf. «Wenn ein Bild veröffentlicht wird, ist der emotionale Schaden aber riesig», so Dubach. Der Chef der Jugendpolizei nennt noch einen weiteren möglichen Grund für die Fast-Verdreifachung der Fallzahlen im Bereich Pornografie. Es sei möglich, dass die bisherigen Sensibilisierungskampagnen dazu beigetragen haben, dass solche Fälle vermehrt gemeldet werden. Und bei der Sensibilisierung will Dubach auch weiterhin ansetzen: Gemeinsam mit Pro Juventute will sein Team an der Heso und an der Grega auch dieses Jahr Jugendliche aufs Thema aufmerksam machen. (lfh)

Marcel Dubach, Chef der Jugendpolizei, kennt diese Zahlen auch. Er zweifelt aber, ob die Fallstatistik bei diesen schweren Delikten besonders aussagekräftig ist: So bewegen sich die Zahlen in den genannten Deliktgruppen im tiefen zweistelligen Bereich. «Die Serie einer kleinen Gruppe wirkt sich in der Statistik gewaltig aus», so Dubach. Aus seiner Arbeit an den Schulen könne er «auch rein vom Gefühl her» bestätigen, dass die Delikte zurückgehen. Gesunken sind ganz faktisch in der Statistik 2013 auch die Zahlen bei Diebstählen, geringfügigen Vermögensdelikten und Sachbeschädigungen.

Auffällig ist beim Blick in die Statistik der Jugendanwaltschaft die hohe Zunahme im Bereich Drogenkonsum. 164 Fälle zählte die Jugendanwaltschaft (Vorjahr: 134). Zu 95 Prozent handelt es sich gemäss Jugendanwältin Altermatt dabei um Cannabiskonsum. Allerdings spiele bei der steigenden Fallzahl auch Kommissar Zufall mit. Meist würden die Kiffer im Rahmen von Personenkontrollen entdeckt. «Wir haben nicht den Eindruck, dass eine neue Cannabisszene entstanden ist», stellt Altermatt klar. Dies bestätigt auch Marcel Dubach von der Jugendpolizei: «Es ist kein Trend feststellbar, dass der Cannabiskonsum angezogen hat.» Hört Dubach das Stichwort Drogen, bereitet ihm der Alkohol allerdings mehr Sorgen als das Kiffen. Übermässiger Alkoholkonsum spiele insbesondere bei Schmierereien und massiven Sachbeschädigungen eine grosse Rolle.

30 Prozent Rückfallquote

Hoch ist die Zahl der rückfälligen Delinquenten: 30 Prozent der Jugendlichen, die im vergangenen Jahr wegen eines Vergehens oder Verbrechens schuldig gesprochen worden sind, waren sogenannte Wiederholungstäter. Das heisst, dass sie sich bereits einmal wegen eines Vergehens oder Verbrechens schuldig gemacht haben. «Eine relativ hohe Zahl», wie Altermatt anmerkt. «Es sind Jugendliche, auf die wir ein besonderes Augenmerk richten müssen.» Allerdings, so relativiert Altermatt, gelangten durch die schnellere Verfahrenserledigung auch mehr Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren ins Raster «Wiederholungstäter.»

Bei den Strafen fällt die hohe Zahl der Verweise (237, Vorjahr 185) und der Bussen (269, Vorjahr 239) auf. «Mehr Verweise heisst auch mehr kleinere Sachen», erklärt Altermatt. Laut der leitenden Jugendanwältin geht es bei diesen Fällen in erster Linie nicht um Kriminalität, sondern um Verkehrsunfälle, bei denen die Jugendlichen oft durch den Unfall selbst schon genug gestraft seien. Das Verhältnis zwischen der Anzahl Verfahren wegen Übertretungen einerseits und Verbrechen/Vergehen andererseits ist 2013 gleich geblieben. Nach wie vor machen Übertretungen den Grossteil der Verfahren aus.

Zahlreiche Anzeigen aus den Regionen Olten und Dornach konnte die Solothurner Jugendanwaltschaft 2013 an andere Kantone abtreten. Bei den «Oltner» Fällen handelt es sich laut Altermatt oft um Jugendliche, die nach Schwarzfahrten am Bahnhof aussteigen müssen und verzeigt werden.

Besonders sehnen sich die Solothurner Jugendlichen offenbar nach dem Fahrausweis: 27-mal ist einer von ihnen mit dem Auto oder dem Töff – meist von Familienmitgliedern – bei einer Spritztour erwischt worden.