Die Jugendanwaltschaft des Kantons Solothurn hat mit immer weniger 10- bis 18-Jährigen zu tun, die wegen einer Straftat angezeigt wurden. Bereits seit 2008 sind die neu eingehenden Fälle rückläufig. Letztes Jahr waren es noch 941 Fälle, 182 weniger als im Vorjahr. Die rückläufige Tendenz betrifft vor allem die leichten Delikte, aber auch die «schweren Jungs» scheinen weniger aktiv zu sein: Während die Zahl der gesamthaft von der Jugendanwaltschaft erledigten Verfahren seit 2008 um 40 Prozent zurückging, sanken die Verurteilungen wegen Verbrechen oder Vergehen um 32 Prozent. Allerdings: Die schweren Gewaltdelikte wie Körperverletzung oder Raub bewegen sich nach wie vor auf hohem Niveau. Und die Zahl der wegen Drogenkonsums verzeigten Jugendlichen ist wieder angestiegen.

Weniger Fälle, weniger Rückfälle

Insgesamt weniger kriminelle Jugendliche - eine Entwicklung, die auch in den anderen Kantonen zu beobachten ist. Die Experten rätseln. «Auch ich kann über die Gründe für die rückläufigen Fallzahlen nur mutmassen», sagt Barbara Altermatt, Leitende Jugendanwältin des Kantons Solothurn. Für ihren Kanton sieht Altermatt eine mögliche Erklärung in der Arbeit der 2007 gegründeten Jugendpolizei: «Durch ihre Präsenz auf der Strasse kann sie Straftaten verhindern.» Auch die Jugendanwaltschaft könne dank der seit 2008 rückläufigen neuen Fälle verstärkt präventiv arbeiten und somit weitere Delikte verhindern: «Wir haben mehr Zeit, die problematischen Kinder und Jugendlichen zu begleiten.» Wer gröbere Delikte begangen hat, wird wöchentlich oder monatlich zu einem Gespräch aufgeboten. Und Gewalttäter werden seit zwei Jahren in ein Lernprogramm geschickt. «Durch diese engere Betreuung können wir die Rückfallgefahr verkleinern», sagt Altermatt. Allerdings will sie gerade bei der Jugendgewalt nicht von einer Entwarnung sprechen: «Es gab zwar in den letzten Jahren keine ganz groben Fälle mehr im Kanton, die Wiederholungstäter machen uns aber nach wie vor grosse Sorgen.» Die Jugendanwaltschaft hatte letztes Jahr 22 Fälle von Körperverletzung, Angriff oder Raufhandel zu beurteilen (8 weniger als im Vorjahr), die Tätlichkeiten und die sexuellen Übergriffe blieben jedoch relativ stabil.

«Die Dunkelziffer ist gross»

Der Chef der Jugendpolizei, Marcel Dubach, bestätigt, dass die Zahl der Delikte insgesamt zurückgeht. «Gerade auch bei den Körperverletzungen registrieren wir weniger Vorfälle.» Die rückläufige Zahl der Anzeigen bedeute aber nicht unbedingt, dass die Jugendkriminalität abnimmt. «Die Dunkelziffer von Straftaten, die nicht angezeigt werden, ist nach wie vor gross», sagt der Chef der Jugendpolizei. Viele Opfer hätten Angst vor Repressalien. «Bei den Schulen ist denn auch die Wahrnehmung der Jugendgewalt eine ganze andere: Es geht weiterhin die Post ab auf der Gasse.»

Massiv weniger Verkehrsdelikte

Zurück zur Fallstatistik der Jugendanwaltschaft: Die Zahl der Vermögensdelikte ist letztes Jahr stark angestiegen, sowohl bei den Ladendiebstählen als auch bei den gröberen Fällen (zum Beispiel Diebstählen aus Autos). «Die Zahlen lagen aber vor wenigen Jahren noch höher, so dass man von einer schwankenden Entwicklung ausgehen muss», sagt Jugendanwältin Altermatt. Ebenfalls gestiegen ist die Zahl der Anzeigen wegen Drogenkonsums. «In 95 Prozent der Fälle handelt es sich um Kiffer», erklärt Altermatt. «Nur eine Handvoll Jugendlicher wird mit harten Drogen erwischt.» Auffällig ist auch der Rückgang bei den Strassenverkehrsdelikten. Das Fahren ohne Führerausweis zum Beispiel ist von 116 auf 8 Fälle zurückgegangen. «Die Jugendlichen fahren heute nicht mehr Töffli, sondern Motorroller», erklärt Altermatt. «Sie wissen: Wenn sie ohne Führerausweis beim Rollerfahren erwischt werden, können sie das Autofahren mit 18 vergessen.»