Auch die Jugend von heute hat politische Anliegen. Das zeigte sich am Jugendpolittag vom Mittwoch in Solothurn. Etliche Themen kamen zur Sprache: Diskriminierung von Minderheiten, Flüchtlingspolitik, Datenschutz im Internet, Legalisierung von Cannabis, Mobilität.

Aufschluss über Einstellungen, Werte und Gewohnheiten von Jugendlichen geben immer wieder auch Untersuchungen, zum Beispiel das Jugendbarometer der Credit Suisse (CS), das Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren erfasst, oder die Shell-Jugendstudie in Deutschland, die das Altersspektrum zwischen 12 und 25 Jahren berücksichtigt.

Beide Studien kommen 2015 unabhängig voneinander zum Schluss, dass über 60 Prozent der Jugendlichen optimistisch in die Zukunft blicken. 82 Prozent wollen gemäss Shell-Studie fleissig und ehrgeizig sein.

Auch die vom Institut «gfs» erstellte Studie der CS stellt ein starkes Bedürfnis nach beruflicher Integration fest. Aber auch den Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben (Familie). Am liebsten möchten die Jugendlichen ein gutes Familienleben haben und dennoch Karriere machen. 57 Prozent der Schweizer Jugendlichen bemängeln zudem die Benachteiligung der Frauen im Berufsleben.

Allgemein legen die meisten Jugendlichen sehr grossen Wert auf ein gutes Familienleben, laut Shell-Studie 90 Prozent. Der Kinderwunsch ist allerdings im Sinken begriffen, besonders bei den männlichen Jugendlichen. Hoch im Kurs stehen Freunde, aber auch ein gutes Verhältnis zu den Eltern.

Mehr Soziales, weniger Politik

Die Studien untersuchten ebenfalls soziale Aspekte. 60 Prozent der Jugendlichen finden es laut Shell-Studie wichtig, sozial Benachteiligten und Randgruppen zu helfen. Im Weiteren sagt die Shell-Studie 2015 aus, dass sich etwa ein Drittel der Jugendlichen politisch engagieren möchte. Trotzdem zeichne sich in der jungen Generation weiterhin eine Politikverdrossenheit ab, heisst es in der Studie.

Das gilt auch für das CS-Jugendbarometer. Parteien, Kirchen und Banken geniessen laut beiden Studien wenig Vertrauen. Hingegen sind die Jugendlichen offen für Veränderungen. Nur 25 Prozent finden es laut Shell-Studie wichtig, am Althergebrachten festzuhalten. Auch Vorurteile haben abgenommen. So etwa die Ängste vor Einwanderung.

Eine Ausnahme bildet hier die Schweiz, wo die Immigration politisch bewirtschaftet wird, was sich auch auf die Haltung eines Teils der Jugend niederschlägt.

«Generation Y» setzt neue Massstäbe

Es stimmt also nicht, dass die Jungen am Gemeinwesen desinteressiert sind. Die Jugend von heute ist besser als ihr Ruf, sie entspricht selten den an Stammtischen gepflegten Vorurteilen. Sie ist nicht arbeits- und verantwortungsscheu, sondern innovativ und teamorientiert. Die heutige Jugend definiert sich aber weniger durch Arbeit und Besitz, sondern nach der Lebensgestaltung.

In der Arbeitswelt setzt die «Generation Y» neue Massstäbe, indem sie sich für eine neue Arbeitskultur starkmacht. Die Jungen sehen den Beruf nicht zuerst als Mittel zum Zweck des Geldverdienens, sondern wollen sich persönlich einbringen und entfalten. Sie setzen sich ein für eine schnelle Digitalisierung, ein gutes Arbeitsklima, flache Hierarchien, bessere Teamarbeit, gerechte Bezahlung und die Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit, später dann Beruf und Familie. Bei der «Generation Y» ist auch eine höhere Bereitschaft festzustellen, selbst Unternehmen zu gründen, was sich in den zahlreichen Start-ups manifestiert.

Kurz gesagt: Die heutige Jugend ist durchaus leistungs- und karriereorientiert, sie schätzen aber auch den Lebensgenuss. Mal abgesehen davon, dass das nicht schädlich ist, darf man fragen, woher diese Eigenschaften kommen?

Auch die Jungen von heute wurden durch Gesellschaft und Elternhaus geformt. Sie folgen dem Echo der 68-er Generation. Sie sind offen, spontan, leistungs- und bildungswillig, und sie verfügen, wie die erwähnten Studien zeigen, über Familiensinn. Ideologien sind ihnen fremd. Deshalb fühlen sie sich von Parteien nicht angesprochen.

Machtpolitik kommt nicht gut an

Zweifelsohne sind Parteien wichtig für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie. Aber Parteien müssen sich wieder auf ihre eigentliche Rolle beschränken: Sie haben der Demokratie zu dienen und bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Doch wer will heute schon etwas von Dienen hören? Und was ist aus den Parteien als Kontrollorgane über staatliche Institutionen geworden?

Statt Distanz zu wahren, haben sie sich grosse Teile davon einverleibt. Sie sitzen in allen wichtigen Gremien. Es gibt kaum einen einflussreichen und wohldotierten Posten im öffentlichen Leben, bei dessen Besetzung die Parteien nicht mitmischen wollen. Diese Art von Machtpolitik verstehen die jungen Leute von heute nicht mehr. Deshalb gehen sie auf Distanz zu solchen Institutionen.

Parteien sind herausgefordert

Fazit: Jugendliche engagieren sich für sozial Schwache, für die Digitalisierung und gute Arbeitsbedingungen – aber nicht in den Parteien. Das aus dem Jugendpolittag 2013 hervorgegangene Jugendparlament im Kanton Solothurn ist eine praxiserprobte Form der politischen Nachwuchsförderung für unser Milizsystem.

Handlungsbedarf besteht jedoch vor allem bei den politischen Parteien: Wollen sie die Jungen gewinnen, haben sie sich der Zeit anzupassen. Das heisst sie müssen sich mehr öffnen und sich verstehen als den Bürgerinnen und Bürgern dienliche Service-Agenturen, die sich aktiv um die Belange der Menschen kümmern.

Parteien dürfen keine geschlossene Gesellschaft sein, die nur ihren eigenen Interessen folgt. Denn auf solche Institutionen spricht die heutige Jugend nicht an – zum Glück!

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch