Beruf
«Die Hirtentätigkeit kann man nicht theoretisch erlernen»

Der 36-jährige Familienvater macht keinen gemütlichen Bürojob: Der Gretzenbacher Hirte Tony Felder lebt seine Tätigkeit. Sein Blick schweift stetig durch die Herde – durchdringend, Bestätigung suchend.

Deborah Onnis
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Wie dem Rattenfänger von Hameln folgen die 400 Schafe dem Gretzenbacher Hirten Tony Felder.

Wie dem Rattenfänger von Hameln folgen die 400 Schafe dem Gretzenbacher Hirten Tony Felder.

Wir können nicht mehr weiter. Vor uns überqueren rund 400 Schafe die schmale Landstrasse auf der Niederbuchsiter Allmend. Einige trotteln gemütlich in Grüppchen auf die nächste Weide und tratschen in «Mähh»-Tönen über dieses oder jenes Unkraut, andere liefern sich Wettrennen zum nächsten besten Gras, wieder andere mustern uns nebenbei, gleichgültig, neugierig oder auch überrascht. Durch die Grösse der Herde rufen die Blicke der Wolltiere Ehrfurcht und Respekt hervor. Zumindest bei Besuchern. In der Ferne ragt ein Mann auf einem ATV, einem Quad-ähnlichen Fahrzeug, mitten aus der beige-braun-farbenen Vierbeiner-Menge heraus. Er pfeift und gibt ein Zischen von sich. Die Lautbefehle sind an einen der drei Hirtenhunde gerichtet, aber auch an einige Schafe, die sich zu stark von der Herde entfernen wollen. Nur wenige Sekunden vergehen, bis kein Schaf mehr aus der Reihe tanzt und die Stirnfalten des Gretzenbacher Hirten Tony Felder verschwinden.

Der Händedruck des 36-jährigen Familienvaters ist stark. Die rauen Hände bestätigen, dass er keinen gemütlichen Bürojob hat. «Meinen Beruf wollen nicht viele machen», sagt der junge Hirte. Die meisten würden das Arbeitsumfeld als zu kalt, zu aufwendig und zu abgeschottet empfinden. «Ich hingegen würde mit niemandem tauschen», so Felder, der mit seiner Schafherde zwischen November und März im Thal und im Gäu herumwandert. Ja, ohne Leidenschaft könne man diesen Beruf nicht ausüben. Und in diesem Zusammenhang spricht Felder nicht gerne von einem Beruf, sondern eher von einer Berufung.

Im Gespräch blickt Felder seinem Gegenüber selten länger als ein paar Sekunden in die Augen. Sein Blick schweift stetig durch die Herde – durchdringend, Bestätigung suchend. Er muss alles unter Kontrolle haben. «Hier, auf der Weide, bin ich mein eigener Herr und glücklich», sagt Felder, der früher Töffmechaniker war. Nach den Sommermonaten auf der Alp oder in seinem Landwirtschaftsbetrieb auf dem Engelberg freue er sich richtig auf die Winterweide. Da habe er seine Ruhe und könne sich von der hektischen Zeit erholen, in der er häufig mit vielen Leuten zu tun hat. Rund 90 Tage als einziger Mensch auf der Winterweide, morgens bis abends, bis es dunkel wird – fühlt man sich da nicht auch mal einsam? «Nein, ich bin ja nicht alleine», so Felder. Er schaut zu den Border Collies, die immer wieder auf den Sitz des ATV springen. Und dann zu Maya, der Eselsdame, die den Hirten auf die Weide begleitet. Immer wieder kommt sie in seine Nähe und sucht nach Zuneigung.

«Die Hirtentätigkeit kann man nicht theoretisch erlernen. Man muss sie leben und dadurch lernt man, wie es funktioniert; wie die Schafe ticken. Und in Sachen Schafe lernt man definitiv nie aus», sagt Felder, der bereits im Kindsalter seinem Vater half, die Schafe zu hüten. Mit diesem Winter hat der Hirte bereits zum sechsten Mal die Herde alleine auf die Winterweide geführt. «Die Schafe kennen mich», so Felder. «Ihr Vertrauen habe ich mir über die Jahre aufgebaut.» Von seinem Vater habe er die Ruflaute erlernt, auf die seine Schafe hören.

Auf einmal heben einige Schafe den Kopf und starren den Hirten an, regungslos. «Ihnen gefällt es hier nicht», sagt Felder angespannt. Immer mehr Schafe ahmen ihre Gefährten nach.

Erde klebt an den Schuhen. Der Boden auf der Niederbuchsiter Allmend hat sich durch den Regen der vergangenen Tage aufweicht; keine idealen Bedingungen für die Futtersuche der Schafe, wie der Hirte erklärt. «Ideal wäre ein gefrorener Boden», so Felder. «Auf der Weide ist es das Wichtigste, dass es die Schafe gut haben. Dass sie glücklich sind», sagt der Hirte. «Alles andere ist zweitrangig.»

Langsam wird Felder nervös. Er will weiterziehen, hinter den Hügel vor ihm. Dort sollte es nach den Erkenntnissen seiner Erkundung vom Morgen gute Futterstellen geben. Einige Schafe starren ihn noch an. Nein, einen Namen habe er ihnen nicht gegeben. «Ich habe zu einigen aber eine engere Beziehung, weil sie schon länger in der Herde sind, die Leitschafe zum Beispiel.» Über zehn Jahre bleiben einige dabei. Viele aber, etwa die Hälfte, würden laut Felder bis im März nicht mehr bei der Herde sein; erreichen die Schafe einmal ein bestimmtes Gewicht, werden sie geschlachtet. Felder nimmt einen Schluck heissen Kaffee aus seinem Thermosglas und schwingt sich auf den ATV. Er schickt die Hunde los. Sie wissen, was zu tun ist.