Hausärzte

«Die Hausärzte stecken mitten in einer Revolution»

In seiner langen Berufskarriere hat Urban Witz eines gelernt: Oft ist ein Gespräch heilender als jede Verschreibung.

In seiner langen Berufskarriere hat Urban Witz eines gelernt: Oft ist ein Gespräch heilender als jede Verschreibung.

Hausarzt Urban Wirz weiss: Hausärzte auf dem Land sterben langsam aus. Der Trend geht hin zur regionalen Zentralisierung der Hausarztpraxen. Denn die Einzelkämpfer auf dem Land werden kaum mit der steigenden Belastung fertig.

Um den Menschen eine Freude zu machen, braucht Urban Wirz (64) nicht mehr als ein paar nette Worte. «Schön, Sie zu sehen», sagt er zur jungen Frau im Warteraum. Sie lächelt, der Junge in ihren Armen strampelt.

Noch kurz dem Kleinen auf die Schultern klopfen, dann führt uns Hausarzt Wirz durch das «Kofmehl-Huus». Ein moderner Bau: neue Geräte in den Behandlungszimmern, helle Farben an den Wänden, junge Helferinnen am Empfang. Die Gruppenpraxis in Subingen ist der Stolz von Wirz, hier hat er bis im letzten Herbst gearbeitet. Nach seiner Pensionierung übernimmt er hie und da noch eine Stellvertretung.

Später, im kleinen Sitzungszimmer bei einem Glas Wasser, erzählt Wirz: «Die Frau im Warteraum gehörte schon zu meinen Patienten, als sie noch ein Baby war.» Nun ist sie selbst Mutter. Viele seiner Patienten behandelte der Hausarzt über Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wenn Wirz von seinem Beruf berichtet, ist seine Stimme sanft und unaufgeregt.

Er ist ein einfühlsamer Mann, die Menschenkenntnis in Person. Den Patienten im «Kofmehl-Huus» schmerzt der Kopf oder der Rücken, ihnen ist übel oder sie haben Fieber. Manchmal steckt eine Erkältung dahinter, manchmal ein eingeklemmter Nerv. Oft gründen die Beschwerden auf etwas ganz anderem. Dann hilft kein Lehrbuch weiter - «nichts von dem, was meine Kollegen und ich in unserer Ausbildung gelernt haben», wie Wirz sagt.

Zusammen gehts besser

Bis vor fünf Jahren führte Urban Wirz in Subingen eine Einzelpraxis. Zwei Jahrzehnte lang war er der «Herr Doktor» im Dorf. Ein Landarzt wie aus dem Heimatfilm. Doch die Bevölkerung von Subingen wuchs und wurde immer älter. Parallel stieg die Arbeitslast von Wirz. Wie sich sein Wartezimmer leerte, füllte es sich wieder. 30 Patienten an einem Tag waren keine Seltenheit; Pausen zwischen Sprechstunden, Hausbesuchen und Büroarbeiten rar.

Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends stand der damals 59-jährige Hausarzt in seiner Praxis. Er war gefordert, aber nicht ausgelaugt oder genervt von den Wehwehchen seiner Patienten. Doch was, wenn er sich in ein paar Jahren pensionieren lässt? Findet er einen Nachfolger für seine Praxis? Einen jungen Arzt, der nach Subingen kommen möchte? Die Wahrscheinlichkeit, wusste Wirz, ist ziemlich gering. Heute sagt er: «Natürlich hätte ich einfach aufhören können, aber was wäre dann mit meinen Patienten passiert?»

Das neue Zeitalter beginnt im Sommer 2009. Wirz eröffnet in Subingen mit vier Kollegen aus anderen Dörfern das «Kofmehl-Huus». Wenige Jahre vor seinem Ruhestand investiert er nochmals eine Stange Geld ins Geschäft, in moderne Infrastruktur und Praxisräume. «Ein sinnvoller Beitrag für die Zukunft», nennt Wirz das, und dabei denkt er vor allem an die Patienten.

Denn nicht zu vergessen: Neben allen medizinischen Aufgaben ist ein selbstständiger Hausarzt auch Unternehmer. Er muss dafür sorgen, dass seine Praxis läuft, dass er Miete und Angestellte zahlen kann.

Die Patienten im «Kofmehl-Huus» werden in einem gemeinsamen Anmelderaum empfangen, dann aber vom Hausarzt ihres Vertrauens behandelt. Beim Röntgen und in der Administration arbeiten die Praxispartner zusammen, teure Infrastruktur wie das Labor teilen sie sich. Das Finanzielle ist getrennt, um das Rechnungswesen kümmert sich eine fest angestellte Buchhalterin.

Der Hausarzt ist heute weiblich

Urban Wirz ist überzeugt: «Die Hausärzte stecken mitten in einer Revolution.» Nicht, dass der Mann, der in Medizin und Chemie promoviert hat, einen Hang zur Übertreibung hätte. Aber er weiss, dass sich die regionale Zentralisierung der Hausarztpraxen kaum mehr aufhalten lässt.

«Die Einzelkämpfer auf dem Land sterben langsam aus.» Ist diese Entwicklung nun gut oder schlecht? Wirz hat sich seine Meinung gebildet: «Die Vorteile der Gruppenpraxen überwiegen.» Gelingt der Balanceakt zwischen Eigenständigkeit und Zusammenarbeit, ist die Entlastung für den einzelnen Arzt gross.

«Wenn ein Arzt am Nachmittag einen Termin hat und früher Feierabend machen muss», nennt Wirz ein Beispiel, «kann ein Kollege die restlichen Stunden übernehmen.» Die Einsicht, dass geregelte Arbeitszeiten entlastend wirken, lässt sich auch mit einem Zeichen der Zeit erklären: Fast 60 Prozent der Abgänger des Medizinstudiums sind heute weiblich.

Viele wollen später eine Familie gründen und ihr Arbeitspensum reduzieren - unmöglich mit einer eigenen Praxis. Auch die beiden Ärztinnen im «Kofmehl-Huus» arbeiten Teilzeit.
Allein, die Konzentration der Hausarztpraxen hat auch ihre Schattenseiten. Die regionale Zentralisierung führt dazu, dass viele Patienten eine längere Reise auf sich nehmen müssen.

Diesen Faktor dürfe man angesichts der hohen Mobilität nicht überbewerten, findet Wirz. «Das Einzugsgebiet einer Praxis kann ohne Probleme zwischen fünf und zehn Kilometer betragen.» Ausserdem bleibe ja immer noch die Möglichkeit eines Hausbesuchs.

Eine Verzweiflungstat?

Ob im Thal oder im Wasseramt, überall hört man das Klagelied über fehlende Praxisnachfolger. Das Problem kommt nicht von ungefähr, wie ein Blick an die Universitäten zeigt: Nur drei von zehn Medizinstudenten entscheiden sich für die Vertiefung Allgemeinmedizin. Nachwuchs aber ist bitter gefragt, denn Hausärzte werden in der Schweiz immer rarer. In zehn Jahren werden drei Viertel der heute praktizierenden Grundversorger in Pension gegangen sein.

Die Praxis modern, die Arbeitszeiten geregelt und die Patientenkartei voll - trotzdem fand Urban Wirz auch unter dem Dach der Gruppenpraxis lange keinen Nachfolger. Er blieb resolut und suchte weiter.

Sein Praxisnachfolger wurde schliesslich von einem Headhunter vermittelt. Warum ist der Hausarzt-Job bei jungen Ärzten so unbeliebt? Diese Frage beschäftigt Urban Wirz schon lange und nicht erst, seit vor vier Jahren die Initiative «Ja zur Hausarztmedizin» eingereicht wurde.

Der Gegenvorschlag, über den die Stimmbürger am 18. Mai befinden können, will Bund und Kantone in der Verfassung verpflichten, eine medizinische Grundversorgung bereitzustellen.

Durch höhere Entschädigungen und die Besserstellung in der Ausbildung sollen die Hausärzte gegenüber den Spezialärzten aufgewertet werden. Bei den Medizinstudenten soll ein Umdenken stattfinden. Ein utopisches Ziel? Nein, glaubt Wirz. «Es geht darum, unseren Beruf zu retten.» Ganz wohl ist ihm dabei jedoch nicht. Schliesslich gleiche es einer Verzweiflungstat, wenn die Hausärzte durch die Bundesverfassung geschützt werden müssen. «Aber scheinbar bleibt nur dieser Weg.»

Für viele Ärzte ist der Verfassungsartikel ein Hoffnungsträger. Für Urban Wirz bedeutet dieser noch ein wenig mehr. Er erlebt gewissermassen ein Déjà-vu: Der Artikel beweist, dass er damals doch recht hatte. Damals in den 80er-Jahren, als er an der Universität Bern Dozent für Hausarztmedizin war. In seinen Vorlesungen sprach Wirz immer wieder davon, dass es unter den Grundversorgern zu einem Mangel kommen könnte.

Er warnte den Dekan der medizinischen Fakultät: «Die Hausarztmedizin muss für jeden Studenten zum Pflichtfach werden, sonst kommt es bald zu einer Krise.» Appelle an die Vernunft fruchteten kaum. An den Hochschulen hatte die Hausarztmedizin lange keinen grossen Stellenwert, Lehrstühle gab es nicht. Wirz und den anderen Hausärzten, die im Nebenamt dozierten, blieb die Habilitation verwehrt.

Arbeit und Unterricht liessen sich nur schwer unter einen Hut bringen. Deshalb beendete der Subinger Hausarzt seine Lehrtätigkeit. Heute, 30 Jahre später, sollen die mittlerweile gegründeten Institute für Hausarztmedizin mit Bundesgeldern rasch ausgebaut werden.

«Das Herzstück im System»

Urban Wirz hat es nie bereut, Hausarzt geworden zu sein. Er mag die Allgemeinmedizin, weil sie sich nicht nur auf einen Körperteil beschränkt, sondern den ganzen Menschen erfasst. Hausarzt zu sein bedeutet, viel geben zu müssen: Zeit, Geduld und Rat. «Man bekommt aber auch unglaublich viel zurück», sagt Wirz. Bei vielen Problemen helfen Tabletten oder Pflaster nichts. Dann ist ein Gespräch heilender als jede Verschreibung.

Wirz schwärmt vom ehrenvollen Berufsethos der Hausärzte. «Die Patienten beim Älterwerden zu begleiten, ist etwas Erfüllendes.» Trotz aller Probleme ist er weiterhin vom «Modell Hausarzt» überzeugt, dieses sei unerlässlich: «Nur die Hausärzte kennen die Gesundheit ihrer Patienten von A bis Z.»

Die Bevölkerung wird älter, will länger zu Hause wohnen und dort betreut werden. Polymorbide Menschen mit mehreren Krankheiten, die sich kumulieren, sind auf Dutzende Spezialisten und Medikamente angewiesen. Deshalb schlüpfen Hausärzte oft in die Rolle des Gesundheitsmanagers: Sie behalten den Überblick und vermitteln ihre Patienten an Therapeuten oder Pflegedienste. «Wenn man so will», sagt Wirz, «ist der Hausarzt das Herzstück im Gesundheitssystem.»

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