Mit der künstlichen linken Hand aus dem 3-D-Drucker einen Sack offenhalten und daraus mit der gesunden rechten etwas Erde entnehmen. Oder mit dem Besen den Boden kehren. Solche Arbeiten hätte die nun 87-jährige Elsässerin in ihrem Garten wieder erledigen können.

Der in Selzach wohnende Patrick Bucher hat ihr vor etwas mehr als einem Jahr mit seinem 3-D-Drucker im Schmelzschichtverfahren eine passgenaue Handprothese hergestellt. Doch die Frau stürzte kurz vor deren Übergabe, erlitt einen Oberschenkelhalsbruch, so dass sie sie bis heute noch nicht hat anprobieren können. Dabei hätte er ihr so gerne geholfen. Sie musste sich vor zwei Jahren wegen einer schlecht heilenden Wunde ihre linke Hand amputieren lassen.

Bucher zeigt uns an seinem Bettlacher Arbeitsplatz in der Robert Mathys Stiftung, wo er als Leiter Informatiker tätig ist, ein Foto der Frau. Darauf sind ihre Arme nach der Operation zu sehen, an bestimmten Stellen sind Striche eingezeichnet, so auch am linken Handgelenk, über dem noch ein kleiner Stumpf herausschaut. Dies diente ihm dazu, Mass zu nehmen und die Handprothese passend herzustellen. Im warmen kleinen Raum, der sowohl als kleine Werkstatt als auch als Lager dient, stehen zwei 3-D-Drucker. Einer davon ist gerade in Betrieb und summt im Hintergrund. Er druckt Scharniere für eine Handprothese, stetig, Schicht um Schicht.

Neue Hand für nur 50 Franken

«Die Frau arbeitet viel im Garten», erzählt Bucher, nun könnte sie das wieder tun. Auf dem Tisch liegen zwei andere Handprothesen, die er mit seinen Druckern fertigte. Sie sehen etwas klobig aus, erinnern an Lego oder Playmobil, denn sie sind aus einzelnen Kunststoffgliedern zusammengebaut. Ergreift man sie, fühlen sie sich leicht und sehr gut beweglich an. Die einzelnen Teile werden mit Schnüren und Medizinalgummis ergänzt. Die Farben der Glieder sind wählbar. Diese hier sind Übungsstücke. Der gelernte Elektroingenieur findet als Perfektionist überall Verbesserungsmöglichkeiten, auch winzige Unregelmässigkeiten.

Eine solche Übungshand musste er dem Verein e-Nable einschicken. Dieser wirkt als Plattform und führt Personen zusammen, die einerseits eine Hand- oder eine Armprothese brauchen und solche mit 3-D-Druckern. Bucher hat sich mit dem Prototypen fürs Mitmachen qualifizieren können. «Ursprünglich waren die Prothesen für Kinder gedacht», führt er aus. «Der Hintergrund sind die 3. Welt und auch Länder mit schlechten Gesundheitssystemen wie die USA, wo man sagt, bei Kindern im Wachstum sei es zu teuer, ihnen jedes halbe Jahr eine neue Prothese zu machen.»

Eine gängige Handprothese kostet einige tausend Franken, diese aus dem 3-D-Drucker bloss rund 50 Franken. «Für die Betroffenen ist alles gratis, wir arbeiten unbezahlt. Ich weiss nicht einmal, ob ich die Materialkosten erstattet bekomme, aber das spielt mir keine Rolle.» Es ist eine mechanische Prothese, wenn man das Handgelenk beugt, vollführt sie eine Greifbewegung. Und umgekehrt, wenn man das Handgelenk streckt, öffnet sich die künstliche Hand. «Diese Prothese ist nicht sehr belastbar, man kann etwas greifen, aber man kann nicht viel Kraft darauf wirken lassen, damit man zum Beispiel etwas Schweres heben könnte», erläutert Bucher. Dennoch fand er es sofort faszinierend, als er vor drei Jahren in einem Wissenschaftsmagazin am Fernsehen einen Beitrag gesehen hatte, wo solche Handprothesen für Kinder vorgestellt wurden. Kinder können damit Ball spielen, Rad fahren, ihren Hund streicheln. Das berührte Bucher.

Hoffen auf nächste Anfrage

Der Kinderlose hat auch sonst ein Herz für Kinder. Bei Reisen nach Brasilien hatte ihn die Armut beeindruckt, und er sammelte mit Fotokalendern Hilfsgelder für brasilianische Kinder. Sein Engagement musste er aber wieder fallen lassen, weil er der emotionalen Belastung nicht mehr gewachsen war. «Ich habe immer eine neue Aufgabe gesucht und gehofft, dass ich wenigstens hier in einem kleineren Rahmen etwas tun kann.» Und nun konnte er nicht einmal diese eine Prothese abliefern.

Ein nächster Auftrag sei noch nicht in Sicht. Der Verein e-Nable vergebe die Aufträge an Helfer mit 3-D-Druckern aus der jeweiligen Region der Hilfesuchenden. Aus unserer Gegend kämen halt bislang keine Anfragen. Das Netzwerk zählt etwa 3000 Freiwillige in über 30 Staaten. Bucher hofft, dass er doch wieder einmal angefragt wird und endlich eine Handprothese verschenken kann. Der Tüftler und Fachmann hält sich unterdessen à jour. Dass er den 3-D-Drucker zu privaten Zwecken am Arbeitsplatz nebenher laufen lassen dürfe, verdanke er einem toleranten Arbeitgeber. Schliesslich sei sein Know-how nützlich und so komme manches wieder zurück, zum Beispiel beim Reproduzieren von nicht mehr erhältlichen Ersatzteilen. «Obwohl der Drucker alleine arbeitet, sollte man ihn ein bisschen im Auge behalten, falls etwas blockiert», schmunzelt er.