Grippewelle
Die Grippe erfordert meistens einen Arztbesuch

Jahreszeitgemäss ist die Grippewelle am Anrollen. Hunderte müssen zum Arzt, nur um sich die Krankheit für den Arbeitgeber bestätigen zu lassen. Doch heilen tut es damit nicht schneller. Die Ärzte können nur die Symptome bekämpfen.

Andreas Toggweiler
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Alle Jahre wieder: Die Grippewelle zwingt viele, zu Hause zu bleiben.

Alle Jahre wieder: Die Grippewelle zwingt viele, zu Hause zu bleiben.

AZ

Die Grippewelle ist noch nicht voll da, aber sie ist im Anmarsch», sagt Barbara Steinemann. Die Hausärztin von der Gruppenpraxis am Dornacherplatz in Solothurn ist für den alljährlichen Ansturm der Grippekranken bereit. Auch wenn sie in vielen Fällen gar nicht viel ausrichten kann. Denn oft kommen die Patienten einfach, weil sie ein Arztzeugnis für den Arbeitgeber brauchen.

Manche Firmen wollen einen ärztlichen Attest bereits, wenn ihre Angestellten länger als einen Tag vom Arbeitsplatz fernbleiben. «Dies ist ein unnötiger Leerlauf, der nur zusätzliche Kosten für das Gesundheitswesen verursacht», kritisierte diese Woche Peter Tschudi, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin in Basel, im Konsumentenmagazin Espresso von Radio SRF.

Separates Empfangszimmer

Wäre es also besser, die Betroffenen blieben im Bett, als sich am dritten Krankheitstag in die Arztpraxis zu schleppen und dort im Wartezimmer womöglich noch andere anzustecken? Ärztin Steinemann sieht das nicht so dramatisch. «Für solche Personen haben wir ein separates Empfangszimmer», erklärt sie. Ärzte hätten den Auftrag, den Gesundheitszustand von Patienten abzuklären. Und da eine Grippe zu mehrtägiger Abwesenheit vom Arbeitsplatz führe, sei das Pochen des Arbeitgebers auf eine entsprechende Bescheinigung nachvollziehbar. Grosse Kosten verursache eine solche Konsultation jedenfalls nicht. «Meistens verschreiben wir Bettruhe und ab und zu noch ein Schmerzmittel.»

Das sieht auch der Solothurner Kantonsarzt Christian Lanz so. «Grosse Mehrkosten entstehen nicht durch solche Arztbesuche», meint er. Bei grossem Patientenanfall würden nämlich kaum auch noch aufwändige und kostenintensive Untersuchungen durchgeführt. Es sei einem Arbeitgeber aber unbenommen, in der Grippezeit auch etwas kulant zu sein und auf ein Arztzeugnis zu verzichten. Grundsätzlich gelten aber die arbeitsrechtlichen Vorgaben.

Isabelle Stäger, Allgemeinpraktikerin in Aarwangen, geht ebenfalls nicht davon aus, dass die Patienten nur wegen des Arztzeugnisses kommen. «Vielen geht es wirklich schlecht, und sie suchen Linderung. Und wenn die Hausmittelchen versagt haben, wollen sie vor allem wissen, ob sie nichts Schlimmeres haben, zum Beispiel eine Lungenentzündung.» Die Grippewelle sei jetzt im Oberaargau voll am Anrollen, oft auch als Darmgrippe, bestätigt Stäger.

Ab wann ein Arztzeugnis?

Arbeitgeber mit mehrtägigen Karenzfristen haben mit diesen gute Erfahrungen gemacht. In der Verwaltung des Kantons Solothurn ist ein Arztzeugnis erst nach fünf Arbeitstagen nach Eintritt der Arbeitsunfähigkeit vorzuweisen, wie Personalamtschef Urs Hammel erklärt. «Eine Frist von fünf Arbeitstagen erscheint uns lange genug, um Arztbesuche nur wegen des Arztzeugnisses zu vermeiden.» Am 6. Krankheitstag müssen die Mitarbeitenden der Ammann-Gruppe Langenthal ihrem Arbeitgeber ein Arztzeugnis vorweisen. «Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei kürzeren Fristen die Mitarbeitenden früher zum Arzt gehen müssen und deshalb eher krankgeschrieben werden. Daraus resultiert in vielen Fällen eine noch längere Abwesenheit», erklärt Ammann-Kommunikationschef Pirmin Hänggi.

Beim Uhrenkonzern Swatch Group müssen die Angestellten hingegen schon am 3. Krankheitstag ein Arztzeugnis vorlegen, wie Firmensprecherin Béatrice Howald erklärt. Dies gelte für alle gut 15 000 Angestellten in der Schweiz. Die unterschiedliche Wartefrist bei den Firmen ist auch durch die Ausgestaltung der Taggeld-Versicherung bedingt, welche diese abgeschlossen haben. Denn der Arbeitgeber ist zur Lohnfortzahlung während einer gewissen (z. B. Dienstjahre-abhängigen) Frist verpflichtet. Er kann dieses Risiko versichern, muss aber nicht. Das Arztzeugnis ist in diesem Fall für die Auslösung der Versicherungsleistung nötig.

«Nicht seriös»

Auch Fabiola Plüss, Leiterin Fachstelle Personal der Stadt Langenthal, verweist auf klare Regelungen: «Diese sind da, damit man sie einhält.» Das heisst für die Angestellten der Stadt, dass ab dem 4. Abwesenheitstag ein Arztzeugnis vorbeigebracht werden muss. Plüss verweist auch auf den Datenschutzaspekt. «Wir dürfen gar nicht fragen, welche Krankheit jemand hat.»

Es komme vor, dass Ärzte ein Krankheitszeugnis bereits nach einem Telefongespräch ausstellen, hiess es im Radiobeitrag schliesslich. «Bei uns wird das nicht gemacht, das wäre nicht seriös», versichert Barbara Steinemann. Ohnehin sei es das Beste, gegen eine Grippeerkrankung vorzusorgen, beispielsweise durch Impfung oder auch durch die regelmässige Einnahme von zusätzlichem Vitamin C während der Wintermonate. «Natürliche Produkte mit Echinacea sind ebenfalls gut geeignet.»

Wer sich als Solothurner Kantonsangestellter gegen Grippe impfen will, kann das übrigens kostenlos tun. «Wir bieten das allen unseren Mitarbeitenden an, auch den Volksschullehrkräften», erklärt Personalchef Hammel. Allerdings gebe man weder Empfehlungen ab, noch herrsche Impfzwang.

Die Ausbreitung der Grippe kann auf der Homepage des Bundesamtes für Gesundheit BAG (www.bag.admin.ch) verfolgt werden. Stark betroffen sind dieses Jahr der Kanton Graubünden und das Tessin.

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