Es lief die 52. Minute, die Junioren des Teams Wasseramt Mitte lagen gegen den FC Black Stars Basel 2:4 im Rückstand. Ein schöner Sonntagnachmittag im Herbst. Auf dem Hauptspielfeld des Sportplatzes Giriz in Biberist wurde animiert gekickt. Bis Schiedsrichter Oguz Saral das Spiel wegen einer Unsportlichkeit unterbrach und jene folgenschwere gelbe Karte zückte.

Seit fünf Jahren leitet Saral Fussballspiele der vierten und fünften Liga, steht als Unparteiischer auf den Rasenplätzen des Kantons Solothurn. Angefangen hat er, als damals beim FC Dulliken Spielleiter fehlten. Der 27-Jährige pfeift Matches von den Junioren C bis zu den Veteranen. «Es ist ein harter Job», sagt er.

Anders als in höheren Ligen kann er auf keinen Assistenten zählen. «Ich renne von einer Grundlinie zur andern, damit ich das Spiel im Griff habe.» Der 27-Jährige verfolgt eher eine laxe Linie, lässt härteren Fussball zu. «Ich bin selber ein bulliger Typ. Als Innenverteidiger grätschte ich oft und spielte mit viel Körpereinsatz.»

Schiri-Attacke von Biberist

Schiri-Attacke von Biberist

Vor zwei Wochen wurde Oguz Saral eine Kopfnuss verpasst. Dabei verlor er einen Zahn. Wer trägt die Kosten? Es hagelt Strafen.

Zahn ausgeschlagen

Was am 30. Oktober nach der 52. Minute passierte, ging weit über das oft tolerierte aggressive Spiel hinaus. Zuerst wurde ein Biberister vom Black-Stars-Verteidiger weggeschubst. Saral zückte Gelb. Zwei Minuten später gab es einen Tumult. «Die Spieler gingen auf einander los, schlugen sich und schrien herum», erinnert er sich.

Beiden zeigte er die rote Karte. Doch statt unter die Dusche zu verschwinden, rauften sich die Junioren – «das sind ja noch Kinder», sagt Saral – am Spielfeldrand weiter. «Du Hurensohn, ich ficke deine Mutter», prahlte einer. «Ich bringe dich um», schrie der andere zurück, sprang über die Abschrankung und wollte den Gegner mit einem Fusstritt ausser Gefecht setzen. Der Unparteiische ging dazwischen, hielt den Burschen zurück.

In diesem Moment wurde Saral ein Kopfstoss verpasst. Er taumelte rückwärts, fasste sich ins Gesicht. Ein Zahn war abgebrochen, ein anderer wackelte. Aggressor war der Vater des beleidigten Juniors. Der Mann war vor der Abschrankung in die Knie gegangen, hatte sich mit den Händen am Geländer ruckartig nach oben gezogen und dem Spielleiter seine Stirn ins Gesicht gerammt.

Oguz Saral rief die Polizei und zeigte den Täter an. «Schämst du dich eigentlich nicht vor den Kindern», habe er den Mann gefragt. Laut einem Augenzeugen stritten die beiden heftig auf Türkisch und Kurdisch miteinander. Danach sei der Vater wortlos davongegangen.
Inzwischen hat Oguz Saral drei Zahnarztbesuche hinter sich gebracht. Übernächste Woche steht der nächste Termin an.

Nach einer Wurzelbehandlung erhält er eine künstliche Zahnkrone. Ein Zahn wackelt noch immer. «Ein Nasenbeinbruch wäre mir lieber gewesen», sagt der Vater eines zweijährigen Sohnes. «Den hätte ich nach kurzem Schmerz ausgestanden. Die Zahnbehandlung dagegen ist eine lange und schmerzhafte Prozedur.»

Schafseckel, Arschloch

Verbale Beleidigungen gehören längst zu den Umgangsformen auf den Sportplätzen der Region. Schafseckel, Arschloch, Hurensohn, erzähl keinen Scheissdreck – so etwas müsse man sich oft anhören, sagt Oguz Saral. Es brauche Mut, ein Spiel zu leiten. Auch rassistische Beschimpfungen wie Schweizer Scheissbauer oder Dreckstürke höre man oft. Selber wird er aufgrund seines Bartes schon mal als «Taliban» beschimpft. «Am Schlimmsten ist es bei Spitzen- oder Kellerbegegnungen, weil da mehr auf dem Spiel steht. Da führen sich die Spieler auf wie die Affen.» Kürzlich habe er in einem Spiel in einer Minute drei rote Karten gezückt, allesamt wegen Unsportlichkeiten.

Am unflätigsten seien die Veteranen. Diese wüssten oft alles besser, liessen sich kaum etwas sagen. Vergangene Saison habe er einen Zuschauer vom Platz geschickt, nachdem dieser extrem ausfällig geworden war. «Das war ein 60-jähriger Mann», sagt Saral und schüttelt den Kopf.

Meist bleibe es bei verbalen Ausrastern. Doch die physische Gewalt nimmt zu. Saral erzählt, wie ein Trainerassistent einem Linienrichter dreimal gegen die Brust geschlagen hat. «In solchen Fällen ruft man am besten sofort die Polizei.»

Erfahrene Schiedsrichter werden rar

«Die Hemmschwelle, um verbale und physische Gewalt gegen Schiedsrichter anzuwenden, ist gesunken.», sagt Thomas Rötheli. Er ist Präsident der Solothurner Sektion des Schweizerischen Schiedsrichterverbandes SSV. Dieser betreut Unparteiische, denen Unrecht angetan wird und leistet Rechtshilfe. Um den Fall Saral kümmert sich inzwischen ein Anwalt.

«Im Normalfall werden die Übergriffe direkt gemeldet oder wir erfahren über Umwege davon», sagt Rötheli, der selber 20 Jahre lang gepfiffen hat. Man müsse ein hartes Fell haben, auch mal über einen beleidigenden Spruch hinwegsehen. In den vergangenen fünf Jahren habe die körperliche Gewalt zugenommen.

Er erwähnt eine Attacke auf einen Schiedsrichter vor zwei Jahren, der ebenfalls bei der Polizei angezeigt wurde. Vor vier Jahren schlug ein Spieler des SC Regio Balsthal nach einer roten Karte mit der Faust auf den Schiedsrichter ein. Der Täter wurde für 24 Monate gesperrt.

Rötheli führt diese Entwicklung unter anderem auf kulturelle Gründe zurück. «Verschiedene Mentalitäten und unterschiedliche Temperamente treffen aufeinander. Auch früher kickten ausländische Mitbürger mit. Aber nie in dieser Menge.»

Fussball bringe Menschen zusammen, wirbt der Weltfussballverband Fifa. «Egal, welche Hautfarbe, Geschlecht oder sozialen Hintergrund sie haben.» Thomas Rötheli drückt es etwas anders aus: «Hier hat man alle: Die mit hohen Einkommen, jene die wenig verdienen, es gibt Schweizer und Ausländer, es gibt Gescheite und weniger Gescheite.» Das biete Reibungsfläche.

Die Entwicklung sorgt dafür, dass die erfahrenen Schiedsrichter rarer werden. In Solothurn sind rund 200 Unparteiische engagiert. Jedes Jahr scheiden 30 aus, rund 30 kommen dazu. Viele würden den Job nach wenigen Jahren hinschmeissen. «Darunter leidet die Qualität», sagt Rötheli. Um den Schiedsrichter die Angst zu nehmen, hat der SSV Massnahmen getroffen. Seit diesem Jahr gibt es ein Tandem-Projekt. Beim ersten Match kriegen Neu-Schiedsrichter einen erfahrenen Kollegen zur Seite gestellt.

«Es artet oft aus»

Pascal Thurnheer hat den Angriff auf Oguz Saral am 30. Oktober miterlebt. Er ist Assistenztrainer der involvierten Biberister Juniorenmannschaft. Für den 47-jährigen Fussballveteran, der unter Hanspeter Latour in Solothurns erster Mannschaft spielte und dessen Söhne selber leidenschaftlich kicken, war es ein Schockerlebnis. «So etwas habe ich noch nie erlebt.» Zwei Tage lang brauchte er, um den Vorfall zu verarbeiten. «Ich war kurz davor, den Bettel hinzuschmeissen. Aber daran würden nur die anderen leiden.» Inzwischen sei ein notorisch aggressiver Spieler aus dem Team Wasseramt Mitte ausgetreten. Dem gewalttätigen Spieler vom 30. Oktober gebe man noch eine zweite Chance.

Thurnheer will weiterhin als Assistent fungieren. Aber nur, wenn die Gewalt zurückgehe. Das hat er seinen Jungs klargemacht. «Ich sage ihnen immer wieder: Kein Wort gegen den Schiri.» Optimistisch ist er nicht. Zu oft seien Matches in jüngster Zeit in Tumulte ausgeartet. Vergangene Saison sei sogar ein Match der Junioren C, in dem sein Sohn mitspielte, nach zwei roten Karten und Tumulten abgebrochen worden.

Auch Thurnheer führt dies auf kulturelle Hintergründe zurück. Tendenziell seien es Mannschaften mit hohen Migrantenanteilen, die Probleme machten. Ob es an der Erziehung liegt oder an bestimmten Werten, die den Jungen vermittelt würden, wisse er nicht. Auch die Medialisierung der Vorfälle sei ein Problem. Oft würden die Spieler ihre Ausschweifungen mit dem Handy filmen, um sich mit den Aufnahmen brüsten. Es werde immer schwieriger, überhaupt Schiedsrichter zu finden. «Viele sind eingeschüchtert, andere lassen sich nicht mehr alles gefallen.»

Saral will weitermachen

Der Angreifer aus Biberist hat ein dreijähriges Platzverbot erhalten. Entschuldigt hat er sich bei Oguz Saral nie. Ans Aufhören denkt der Oltner deswegen nicht. In den meisten Spielen erfahre er noch immer genügend Respekt. «Selbst wenn ich aufgrund meiner Entscheide fertiggemacht werde.» Zwischen 80 und 120 Franken Entschädigung erhält er pro Match.

«Ich mache es aber nicht wegen des Geldes, sondern weil es mir Spass macht», sagt der Logistiker bei der Post Basel. Im Frühling wird er eine Drittliga-Partie leiten, und aus der Zweitliga kam ein Aufgebot als Linienrichter.