Bodenschutz
Die Geschichte unter den Füssen entziffern

Im Kanton Solothurn werden seit 1998 die land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen in jährlichen Etappen von 1000 bis 1400 Hektaren erfasst. in Jahrhundertwerk also, das bis zum Schluss über 20 Millionen Franken kosten wird

Christian von Arx
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Stephan Margreth vom AfU erklärt den Aufbau des Waldbodens in der Profilgrube beim Lostorfer Balmis.cva

Stephan Margreth vom AfU erklärt den Aufbau des Waldbodens in der Profilgrube beim Lostorfer Balmis.cva

Das grösste Buch über die Geschichte unserer Gegend liegt nicht in einer Bibliothek und nicht in einem Archiv – es schlummert unter unseren Füssen. Wer den Boden zu lesen weiss, der manchmal nur Zentimeter dick ist, manchmal Meter hoch über dem Muttergestein lagert, erfährt, was die Natur in Zehntausenden von Jahren geschaffen hat. Den Boden, auf dem wir im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn Tag für Tag herumtrampeln; den Boden, der auch im Auto-, im Atom- und im Computerzeitalter als Wasser- und Nährstoffspeicher unersetzlich ist.

Das Niederamt «durchlöchert»

Wer in diesen Wochen in Winznau, Lostorf, Stüsslingen oder Erlinsbach unterwegs ist, stösst in Feld und Wald auf abgesperrte Rechtecke, in denen der Boden etwa zwei Meter tief aufgerissen ist. Es handelt sich um rund 100 Profilgruben für die Bodenkartierung. An der Jahresexkursion der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Solothurn erklärte Gaby von Rohr, Leiterin der Fachstelle Bodenschutz im kantonalen Amt für Umwelt (AfU), mit ihren Mitarbeitern Christine Hauert und Stephan Margreth das Konzept der Bodenkartierung. Im Kanton Solothurn werden seit 1998 die land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen in jährlichen Etappen von 1000 bis 1400 Hektaren erfasst. Als Erstes liess das AfU wegen der akuten Nitratbelastung des Grundwassers die Böden im Gäu und Untergäu kartieren, später kamen das Wasseramt und das Limpachtal im Bucheggberg dazu. Dieses Jahr ist das Niederamt an der Reihe. In etwa 10 bis 15 Jahren sollten die Böden im ganzen Kanton kartiert sein. Ein Jahrhundertwerk also, das bis zum Schluss über 20 Mio. Franken gekostet haben wird, wie die von Rohr grob schätzt.

«Fast alle haben Rückenschäden»

Ausgeführt wird die Kartierung nach Vorgaben des AfU von Fachleuten privater Büros. Das ist anspruchsvolle Knochenarbeit. «Es braucht dazu grosse Erfahrung, denn die Kartierer müssen vor Ort die Eigenschaften des Bodens erfassen», betonte Gaby von Rohr. «Die Arbeit ist physisch anstrengend: Fast alle, die es machen, haben Rückenschäden.» Wie Christine Hauert darlegt, wird der Boden in die drei Horizonte unterteilt: in den dunkelbraunen Oberboden (A), wo Bodenlebewesen organisches Material zu Humus und neuen Nährstoffen für Pflanzen umwandeln; in den bräunlichen bis rostfarbenen Unterboden (B), der durchwurzelt und belebt ist und als Reservoir für Wasser und Nährstoffe dient; und in das Muttergestein (C), das durch Verwitterung das Ausgangsmaterial für jede Bodenbildung darstellt.

Im Allgemeinen stösst man rund einen Meter unter der Oberfläche auf das Gestein, aber die Mächtigkeit von Ober- und Unterboden variiert stark. Wie die Exkursion zeigte, gibt es auf engstem Raum grosse Unterschiede in der Bodenbeschaffenheit (siehe die vier Bodenprofile unten) – nicht nur zwischen Waldboden und Kulturland, sondern auch zwischen benachbarten landwirtschaftlichen Feldern (vgl. unten die Profile Chliheiniacker und Zwing in Winznau).

Quirliges Leben im Untergrund

Normalerweise sehen und hören wir nicht, was sich unter der Bodenoberfläche tut. Doch in Wahrheit ist der Boden viel belebter als der Raum darüber. «In gesundem Boden leben bis zu 30 Tonnen Lebewesen pro Hektare», wusste Stephan Margreth. Zum Beispiel 200 bis 400 Regenwürmer pro Quadratmeter. Und die grössten Lebewesen unseres Planeten: Pilze. Aus dem Schweizer Nationalpark seien Pilze bekannt, die 1000 Jahre alt sind, sich auf 800 Hektaren ausdehnen und Hunderte von Tonnen wiegen. Gaby von Rohr sagte es drastisch: «Der Boden ist belebt – sonst wäre es nur ein Haufen Dreck.»

Bodenbildung setzt mit dem Rückzug der Gletscher nach einer Eiszeit ein. So sind unsere heutigen Böden das Werk von mindestens 15000 Jahren – die Böden im Gäu und Niederamt sind dabei noch um Dutzende von Jahrtausenden älter als diejenigen in der Region Solothurn, weil der untere Kantonsteil in der letzten Eiszeit eisfrei blieb.

Werk von Jahrtausenden in Gefahr

Dieses Erbe ist in Gefahr. Jeden Tag werden in der Schweiz 100000 Quadratmeter Boden überbaut. Erosion bedroht Ackerflächen. Unbedacht eingesetzte schwere Maschinen verdichten den Boden auf Landwirtschaftsland und im Wald, das Wasser staut sich, den Lebewesen fehlt Sauerstoff, die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab. Chemische Schadstoffe belasten den Boden. «Die Geschichte zeigt, wie es gehen kann: Die meisten Hochkulturen gingen unter, als sie ihren Boden kaputtgemacht hatten», meinte Gaby von Rohr. So weit müsse es nicht kommen. Die Fruchtbarkeit der Böden auf lange Sicht zu erhalten, lautet der Auftrag des Gesetzes.

Die mit der Bodenkartierung erhobenen Daten dienen der Land- und Forstwirtschaft und liefern Grundlagen für die Fruchtfolge, den Gewässerschutz, den Klimaschutz. Sie geben nicht nur Auskunft über Bodentypen, Säure-, Stein- oder Humusgehalt, sondern werden auch nach Themen aufbereitet wie Wasserrückhaltefähigkeit, Erosionsgefährdung oder Verdichtungsempfindlichkeit. Soweit vorhanden, sind sie für jedermann im Internet einsehbar unter www.afu.so.ch (Menü Digitale Karten, Karte Bodeninformationen).