Corona-Lockerungen
Die Freude ist spürbar, wieder arbeiten zu können – doch die Unsicherheit ist gross

Wir haben 6 Kleinunternehmer durch die Coronakrise begleitet, die alle nah am Menschen arbeiten. Lesen Sie hier, wie das Coronavirus ihren Alltag verändert hat, welche Enttäuschungen und welche Freudenmomente sie erlebt haben und was sie aus dieser Zeit der Beschränkung mitnehmen.

Jocelyn Daloz, Sébastian Lavoyer
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Coiffeur Jiya Shekany aus Olten darf wieder Haare schneiden.

Coiffeur Jiya Shekany aus Olten darf wieder Haare schneiden.

Patrick Lüthy

Der erste Schritt zurück in die Normalität ist getan. Für viele Kleingewerbler war es die erste Arbeitswoche nach sechs Wochen Zwangsurlaub. Endlich konnten sie wieder arbeiten. Doch nicht alle konnten starten.

Fatima Arm, Kosmetikerin, Solothurn

Wiedereröffnung bei Fatima Arm, Kosmetikerin aus Solothurn

Wiedereröffnung bei Fatima Arm, Kosmetikerin aus Solothurn

Michel Lüthi/bilderwerft.ch
Dass in der Krise im aufgebauten Webshop von «Art of Beauty» viele Produkte gekauft wurden, freut die Inhaberin.

Dass in der Krise im aufgebauten Webshop von «Art of Beauty» viele Produkte gekauft wurden, freut die Inhaberin.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Nach dem Regen scheint die Sonne. Fatima Arm sitzt am Montag auf der Treppe vor der Franziskanerkirche in Solothurn. Auf dem Schoss ein Birchermüesli, ihr Mittagessen. Eine halbe Stunde hat sie, dann muss sie zurück in ihr Geschäft, das Kosmetikstudio «Art of Beauty» an der Barfüssergasse. Ihre Tage sind lang und voll. Bis zu zwölf Stunden arbeitet sie in dieser ersten Woche. An sechs Tagen. Sie hat sich darauf gefreut – nicht als Einzige. «Nach der Ankündigung des Bundesrates am 16. April, dass wir wieder öffnen dürfen, dauerte es keine Stunde, da hatte ich schon die erste Kundin am Telefon», erinnert sich Arm. Unterdessen ist sie auf drei Wochen hinaus ausgebucht.

Im Rückblick spricht Fatima Arm von «sechs Wochen Ferien». Aber auf der faulen Haut lag sie nicht. Sie räumte auf im Geschäft, putzte, bewog die Verwaltung, das Bad zu streichen. Und sie installierte einen Webshop mit Produkten ihrer Hauptlinie. Rasch kam der Shop ins Rollen. «Ich habe wohl mehr verkauft, als normalerweise im Geschäft.» Sie deutet es als Zeichen der Solidarität ihrer Kundschaft, die ja auch bei einem Detailhändler ähnliche Produkte bekäme. Es rührt sie.

Sie bekam Kurzarbeit bewilligt, einen Kredit brauchte sie nicht, um all ihre Rechnungen zu begleichen. Alles ist bezahlt, auch die Miete. Aber: «Von der Verwaltung bin ich ein bisschen enttäuscht.» Die Helvetia-Versicherung habe bezüglich Mietreduktion lediglich mitgeteilt, dass das Begehren intern deponiert sei und man pauschal entscheide. Sie sagt: «Ich erwarte nichts mehr.»

Aber sie mag nicht jammern. Zu sonnig der Tag, zu schön ist es, wieder arbeiten zu können. Ähnlich ergeht es ihr, wenn sie auf die unfreiwillige Pause zurückblickt. «Ich hatte endlich wiedermal Zeit für andere Dinge, Zeit zum Sein, zum Nachdenken. Ich möchte mir ein bisschen dieser Zeit konservieren, deshalb will ich mir meinen freien Tag ab nächster Woche wieder gönnen.»

Anh Ngoac, Nageldesignerin, Olten

Anh Ngoac bei der Arbeit. (Archiv)

Anh Ngoac bei der Arbeit. (Archiv)

Bruno Kissling

Zwei Männer betreten das Nagelstudio «Pro Nails», eine Arbeitsmappe aus Leder unter dem Arm. Beide tragen einen Amtsausweis, sichtbar an der Hosentasche angebracht. Sie bitten uns, draussen zu warten. Wir erblicken Anh Ngoac nur von weitem aus dem Schaufenster. An sämtlichen Arbeitsplätzen kümmern sich Mitarbeitende um Kundinnen. Die zwei Männer diskutieren mit Ngoac und ihrem Mann, blicken immer wieder konzentriert in die Papiere vor ihnen. Dann beten sie zwei Kundinnen, das Studio zu verlassen.

«Scheinbar müssen wir draussen warten. Muss eine Kontrolle sein», sagt die eine und zündet sich eine Kippe an. Die andere trägt eine Maske. Sie zeigt aus zwei Meter Abstand ihre Nägel, die nur noch Spuren von Nagellack draufhaben: «Seit sechs Wochen konnte ich sie nicht mehr pflegen.» Die Rauchende nickt und sagt, sie habe sofort zum Telefon gegriffen, als sie hörte, dass Nagelstudios wieder öffnen würden. Eigentlich wären Schuhe für ihren Sohn wichtiger, aber noch durften die Schuhläden im Gegensatz zu den Nagelstudios nicht wieder öffnen.

Von drinnen deutet Anh Ngoac an, dass ein Platz frei wird. Die Kundin raucht ihre Zigarette zu Ende und tritt ein. Derweil hat sich draussen auf dem Trottoir eine Schlange gebildet. Während Anh Ngoac und ihr Mann drinnen immer wieder aufstehen, um sich mit den zwei Herren zu unterhalten. Nach gut einer halben Stunde verlassen diese das Geschäft. Sie bestätigen, vom kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit zu sein. Eine Routinekontrolle. Was sie zu bemängeln hatten, verraten sie nicht. Die Kundin, die eben noch geraucht hat, kommt heraus und sagt, dass offenbar die Markierungen am Boden nicht klar genug waren und Informationsblätter nicht an der Wand angeheftet wurden. «Ich kümmere mich für sie drum. Wir müssen uns in diesen schwierigen Zeiten unterstützen.»

Als wir endlich das Studio betreten, winkt Anh Ngoac mit einem müden Lächeln ab. Sie habe leider keine Zeit und noch so viele Kunden. Wir sollen später wieder kommen. Oder anrufen. Als wir das später tun, sagt sie, dass sie diese Woche kaum eine freie Minute habe. Zu viel Arbeit.

Gilles Ducaud, Zahnarzt, Solothurn

Gilles Ducaud (Archiv)

Gilles Ducaud (Archiv)

Michel Lüthi

Gilles Ducauds Tage dauern länger als früher. Eine halbe Stunde am Morgen. Die Mittage sind kürzer. Trotzdem sieht er weniger Patienten als früher. Das Schutzkonzept des Zahnärzteverbandes und der Vereinigung der Kantonszahnärzte für den Umgang mit Corona sieht Verschärfungen der Hygienemassnahmen vor. Das heisst unter anderem: Möglichst wenig Leute im Wartezimmer, mehr Zeit einplanen für die Termine und den Patientenwechsel. Zudem wird den Patienten jetzt beim Eintritt in die Praxis, die Körpertemperatur gemessen. Zur Sicherheit.

«Grundsätzlich dürfen wir alle Eingriffe wieder vornehmen. Aber wir müssen die Wichtigkeit des Eingriffes und das Risiko für den Patienten abschätzen», sagt Ducaud. Leute aus Risikogruppen sollten daheim bleiben, wenn der Eingriff nicht absolut unabdinglich ist. Das haben Ducaud und sein Team aber schon bei der Vereinbarung der Termine berücksichtigt.

Obwohl der bundesrätliche Beschluss zur Lockerung des Lockdowns Mitte April gefällt wurde, war die Unsicherheit lange gross. Denn erst Anfang letzter Woche wurde das Schutzkonzept der Zahnärzte vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) gutgeheissen. Der Startschuss für die Zahnärzte.

Ducaud berief sein Team zur Sitzung per Videokonferenz. Man sortierte die Patienten nach Dringlichkeit und Risikofaktoren, man kontaktierte sie, vereinbarte – wo angebracht – Termine. Seit Anfang dieser Woche sind die meisten Zahnarztpraxen im Kanton wieder geöffnet. Allerdings noch in reduziertem Umfang. Trotzdem fallen wieder die vollen Fixkosten an.

«Die Krise wird in der Branche Spuren hinterlassen, aber ich rechne nicht damit, dass es zu einer Serie von Praxisschliessungen kommen wird», sagt Ducaud. Auch wenn der Präsident der Solothurner Sektion der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO davon ausgeht, dass es noch eine ganze Weile dauert, bis wieder Normalität einkehrt. Und einiges, so denkt er, könnte bleiben. Wie beispielsweise die Plexiglasscheibe beim Empfang.

Jiya Shekany, Coiffeur, Olten

Gute Stimmung bei Coiffeur Jiya Shekany. (links). Sein Kunde scherzt mit dem Fotografen: «Aber gell, Du markierst mich auf Instagram?»
6 Bilder
Solche Visiere sind für vor das Gesicht
Vor dem Laden wird mit Abstand gewartet
Es dürfen maximal 8 Kunden rein
Wer hinein will, wird beim Eingang abgeholt

Gute Stimmung bei Coiffeur Jiya Shekany. (links). Sein Kunde scherzt mit dem Fotografen: «Aber gell, Du markierst mich auf Instagram?»

Patrick Lüthy

Das Lächeln von Jiya Shekany ist von seiner Maske verdeckt. Bis auf die Lachfalten neben den dunklen Augen. Der Besuch beim Coiffure-Salon «Belchen» fühlt sich fast so an wie damals, als wir kurz vor dem Lockdown erstmals vorbeigingen. Shekany witzelt noch immer mit seinen Kunden. Und diese mit dem Fotografen. Während der Blitz aufleuchtet, sagt einer: «Nur wenn Sie auf meinen Instagram-Account verweisen, esch guet?» Gelächter. Unter der Zwangspause hat die gute Laune des Geschäftsführers kaum gelitten. Doch die Wiederöffnung war bitternötig. Auch finanziell. Trotz Kurzarbeit hat er den Angestellten den vollen Lohn gezahlt. Lange wäre das nicht mehr gegangen.

Das rege Treiben im Geschäft kontrastiert mit der Reglosigkeit auf der anderen Strassenseite. Abgedeckte Tische vor dem Hotel Astoria. Vor der Tür warten Kunden von Shekany. Es dürfen nicht zu viele Leute auf einmal rein. Drinnen am Boden Markierungen, um die Abstände zu garantieren. Zwar arbeiteten die Mitarbeiter schon Anfang März mit Masken und Handschuhen. Aber jetzt tragen sie auch ein Visier vor dem Gesicht. Die Kunden tragen Einwegumhänge. «Die sind momentan sehr schwierig zu besorgen. Findet man praktisch nirgends mehr», sagt Shekany. Die Nachfrage ist riesig; die Kundschaft stürzte sich nach der Bekanntgabe der Wiederöffnung der Coiffure-Salons aufs Telefon, um einen Termin zu bekommen. Shekany ist diese Woche praktisch ausgebucht. «Die Leitungen liefen heiss», sagt er mit einem Augenzwinkern und neckt sogleich: «Das schreibst du auf, gäll?»

Stefan Wyler, Tätowierer, Solothurn

Bei Stefan Wyler in seinem Tattoo-Studio art of ink
7 Bilder
Am Anfang lief Tätowierer Stefan Wyler wegen der Maske die Brille an.
«Die Entschleunigung aus dem Lockdown will ich mitnehmen und nicht gleich wieder voll reinschiessen», sagt Wyler.
Beim Eingang zum Studio hängt ein Schild: «Maximal 4 Personen» dürfen rein
Im Studio sind Wartepunkte markiert
Desinfektionsmittel steht auch bereit
Der Tresen ist abgeschirmt

Bei Stefan Wyler in seinem Tattoo-Studio art of ink

Tom Ulrich

Am Eingang zum Tattoostudio «Art of Ink» in der Solothurner Vorstadt hängt ein Schild. Die Sicherheitsvorschriften des BAG. «Maximal 4 Personen» dürften rein, steht da auch. «Ich musste die Räumlichkeiten erst einmal ausmessen, bevor ich das festlegen konnte», sagt Stefan Wyler und lächelt.
Am Boden sind Abstandsmarkierungen angebracht. «Die haben wir von einem Geschäft bekommen, das auch öffnen wollte, aber noch nicht konnte. Eine sehr solidarische Aktion», findet Wyler. Ähnlich tönt es, wenn er über die Unterstützung durch den Staat spricht. Die Soforthilfe des Kantons von 2000 Franken, das Taggeld der AHV und der vom Bund verbürgte Kredit. «Ich schätze das alles sehr. Und weil ich jetzt wieder arbeite, beginne ich zurückzuzahlen», sagt er. Noch arbeitet er reduziert, denn an den Vormittagen unterrichtet er seine Tochter. Auch mit Unterstützung seiner Frau und Geschäftspartnerin Alexandra. «Sie verschafft mir ab und zu morgendliche Freiräume», sagt er. Für ein Gespräch mit der «Solothurner Zeitung» oder mit dem Buchhalter.

Er habe die Zeit im Lockdown auch genossen. Die Nähe zur Tochter, die Zeit daheim mit Frau und Kind, das Kochen, die Ruhe, die Zeit einfach zu sein. «Diese Entschleunigung will ich mitnehmen und nicht gleich wieder voll reinschiessen», sagt er. Der durch das Homeschooling bedingte reduzierte Start kommt da gelegen.

Erst letzten Freitag hat er vom Kantonschemiker ein beglaubigtes Konzept erhalten und wusste also, was es für die Wiedereröffnung braucht. Wyler war ausgerüstet, Hygiene ist auch sonst ein grosses Thema in einem Tattoostudio. Desinfektionsmittel hatte er sowieso an Lager, einzig bei den Masken sei es kompliziert geworden. «Normalerweise zahlt man für eine Gesichtsschutzmaske 25 Rappen, derzeit kommen Mails, in denen sie zu 5 Franken angeboten werden», erzählt er.

Aber er ist fündig geworden, trägt eine schwarze Maske, die er mehrmals brauchen und bei der er nur den Filter wechseln muss. Wyler sagt: «Vielleicht bin ich ein bisschen eitel, aber hei, das ist ein Tattoostudio, es muss ein bisschen Stil haben.» Mühsam findet er die Masken trotzdem. «Mir lief anfänglich immer die Brille an.»

Übrigens: Sein erstes Tattoo nach der Zwangspause war ein Legostein. Auf einem Männer-Unterarm. Die Zeit des Wiederaufbaus hat begonnen.

Jantra Boonmak, Masseurin, Olten

Jantra Boonmak (Archiv)

Jantra Boonmak (Archiv)

Michel Lüthi

Auf der Ziegelfeldstrasse ist der Verkehr wieder angelaufen. Der Regen prasselt auf das Schaufenster des Massagestudios. Die Läden sind zu, das Licht aus. Daneben bietet das Thai-Restaurant Chao-Wang Take-Away an. Auf der Eingangstüre des Massagesalons steht eine Mobiltelefonnummer. Ruft man an, nimmt niemand ab.

Jantra Boonmak war schon während des Lockdowns nicht zu erreichen. Schliesslich nehmen wir telefonisch Kontakt mit ihrer Geschäftspartnerin, Joaneé Gamma, auf. Diese antwortet per SMS, noch nicht genau zu wissen, wann das Massagestudio wieder öffnen wird. Auf die Frage, weshalb dies nicht bereits Anfang Woche geschah, antwortet Gamma mit einer Rückfrage: Ob wir ihr nicht Informationen zukommen lassen könnten, welche Vorschriften sie beim Wiederöffnen ihres Betriebes respektieren muss. Wir verweisen sie auf die Website des Staatssekretariats für Wirtschaft backtowork.easygov.swiss. In der Hoffnung, dass die Beamtensprache verständlich sein wird.

Masken, Desinfektionsmittel, Abstandsmarkierungen – die Spuren des Coronavirus sind omnipräsent. Daran wird sich so schnell kaum etwas ändern. Wir werden uns an diese neue Realität gewöhnen müssen. Die Freude, wieder arbeiten zu können, ist überall spürbar. Aber die Unsicherheit ist gross. Der Weg in die Normalität wird kein leichter sein.