Nunningen
Die Firma Stebler Blech AG liefert alles, was man aus Blech herstellen kann.

Was haben ein künftiger Moskauer Aero-Express-Zug und ein neues Baselbieter BLT-Tram gemeinsam? In beiden sind Blechkomponenten aus Nunningen verbaut.

Daniel Haller
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CEO André Seiler zwischen Seilbahn-Gondelspanten, die zum Beschichten aufgehängt sind (oben). Spezialitäten der Stebler Blech AG sind unter anderem die Aluminium-Spreizkolben (links) und Auto-Kontrollschilder.

CEO André Seiler zwischen Seilbahn-Gondelspanten, die zum Beschichten aufgehängt sind (oben). Spezialitäten der Stebler Blech AG sind unter anderem die Aluminium-Spreizkolben (links) und Auto-Kontrollschilder.

Martin Toengi

In der ganzen Nordwestschweiz müsste man die Augen gezielt verschliessen, möchte man auf der Strasse kein Produkt der Stebler Blech AG sehen. Der Nunninger Familienbetrieb stellt unter anderem Auto-Nummernschilder her – für beide Basel, Solothurn, den Aargau und den Kanton Luzern: Flink wechselt die Arbeiterin an der Prägemaschine die Werkzeuge für die Zahlen aus – jeweils ein Prägestempel für oben, einer für unten – legt den Nummernschildrohling ein und «rumps». Inklusive Abstreichen der Nummer auf der Auftragsliste braucht sie keine halbe Minute für ein Schild. In separaten Arbeitsgängen werden anschliessend die Ziffernfolien aufgezogen und per Siebdruck die Wappen aufgedruckt.

Spreizkolben-Weltmarktführer

Die Kontrollschilder sind bei weitem nicht die einzige Nische, in der Stebler Blech tätig ist: Für Alu-Kartuschen, wie sie auf dem Bau für Klebstoffe, Dichtmassen und ähnliche Pasten im Einsatz sind, stellen die Nunninger aus Aluminiumband die Spreizkolben her, welche die Kartuschen hinten verschliessen und mit denen man die Masse aus dem Behälter presst. Diese Kolben sehen aus wie die Teelicht-Alu-Behälter, doch steckt massiv mehr Know-how drin: Sind sie nicht dicht, härtet die Masse in der Kartusche vorzeitig aus. «Weltweit werden jährlich rund 120 Millionen dieser Kolben benötigt, davon liefern wir 60 bis 70 Millionen» berichtet CEO André Seiler. Nur durch ein eigenes Verfahren sei es gelungen, die Legierungstoleranzen der aus Norwegen angelieferten Alu-Coils so auszugleichen, dass die Kolben sich absolut rissfrei und dicht in die Kartuschen hineinspreizen lassen.

Von der Weltmarktführerschaft bei diesem unscheinbaren Verpackungsteil und jährlich ca. 250'000 Nummernschildern könnte Stebler Blech AG nicht 115 Vollstellen bieten und fünf Lehrlinge ausbilden. Die Firma ist aufgeteilt in zwei Einheiten: einerseits für Metallverpackungen, im Wesentlichen Weissblecheimer für die chemisch-technische Industrie. Und andererseits Blechtechnologie: Da wird aus ursprünglich flachen Alu-, Stahl- oder Chromstahl-Platten eine breite Palette an Produkten auf CNC-Maschinen ausgestanzt oder per Laser ausgeschnitten, auf den Abkantmaschinen in Form gebracht, schliesslich beschichtet und fertig montiert. Das Spektrum reicht von Briefkästen und Postfachanlagen über Teile von Schienenfahrzeugen und Luftseilbahngondeln oder Ladenregalsysteme bis hin zu Verschalungen von Leuchten, Maschinen, Laborgeräten und weiteren medizinaltechnischen Apparaten.

Ganze Prozesskette

«Wir bieten den Kunden auf Wunsch die vollständige Prozesskette vom Design über die Konstruktion und den Prototypenbau bis hin zum serienfähigen Produkt und dessen Montage sowie dem Logistikkonzept», erläutert Seiler die Stebler-Strategie als «Generalunternehmer in Blech». Entscheidend sei, dass man alle Schritte im Betrieb selber anbieten kann: «Jede Schnittstelle zu anderen Firmen ist eine latente Fehlerquelle. Und das kann man sich heutzutage als ‹teurer Schweizer› nicht mehr leisten.»

Die Stebler Blech AG produziert zwar in erster Linie für Schweizer Kunden. Doch diese exportieren einen grossen Teil der Maschinen, Apparate oder Schienenfahrzeuge. «Durch die sprunghafte Frankenaufwertung drängen vermehrt ausländische Zulieferer mit tieferen Preisen in unsere Märkte: Nicht nur die direkt exportierenden Firmen stehen vor grossen Herausforderungen», kommentiert Seiler die aktuelle Lage.

Von kurzfristigen Lohnsenkungen aufgrund des Frankenschocks will er nichts wissen. Auch ein Umzug in eine verkehrsgünstigere Lage ist für die 1880 gegründete Firma kein Thema: «Ein so grosses Areal würden wir im Mittelland nur auf der grünen Wiese finden, und allein der Umzug unserer über 1000 Tonnen wiegenden Stahl- und Blechvorräte, geschweige denn der Maschinen und Werkzeuge, wäre sehr aufwendig.»

Insgesamt ist also bei den Nunninger Blechspezialisten Jammern nicht angesagt. So kauft die Stebler Blech AG heute das Weissblech aus Preisgründen in Asien statt im nahen Ausland. «Und man sollte auch nicht meinen, das hinterste und letzte Teilchen müsse in der Schweiz gefertigt sein. Man muss sich international vernetzen und dabei die Chancen der Globalisierung nutzen, dann kann man auch den Standort Schweiz erhalten», meint Seiler, der nichts von nationaler Abschottung hält.

Derzeit baut Stebler Blech am Standort Nunningen sogar aus: Für rund 3 Millionen Franken wurde in den letzten Wochen eine neue Oberflächenbeschichtungsanlage mit einer wasser- und chemiesparenden Technologie in Betrieb genommen: «Ab 2017 gelten in der EU neue Vorschriften: Dann sind chromhaltige Chemikalien für die Beschichtungsvorbereitung verboten», berichtet Seiler. «Die Schweiz wird die neue Norm wohl übernehmen, und wir sind dann bereits gerüstet.» Diese neue Anlage wird Stebler Blech am 27. April, unter anderem im Beisein der Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler, einweihen.

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