Der Job ist anstrengend, der Lohn ist klein. So, wie es in der Logistik-Branche üblich ist, wird auch im Derendinger Global Warehouse von den Angestellten erwartet, dass sie bei Bedarf ohne zu murren Überstunden leisten. Doch von den in der Region kursierenden Gerüchten um krasse Missstände bleibt bei genauerem Hinschauen nicht viel übrig. In einem Logistikzentrum zu arbeiten, ist zwar keine Strandparty. Aber die Verhältnisse im Global Warehouse erfüllen die gesetzlichen Vorgaben und sind branchenüblich.

Seit bekannt wurde, dass der südafrikanische Mutterkonzern Steinhoff einen Schuldenberg von unvorstellbaren 16 Milliarden Euro angehäuft hat, machen sich die Angestellten des neuen Derendinger Logistikzentrums Global Warehouse Sorgen um ihren Arbeitsplatz. An den Stammtischen und auf den Strassen der Region werden die wildesten Gerüchte von Massenentlassungen bis hin zur Schliessung des neuen Logistikzentrums herumgeboten, das den Warenfluss für die florierenden Möbelgeschäfte Lipo und Conforama abwickelt.

Sparkurs Ja, Entlassungswelle Nein

Auf Anfrage bei der Wiener Europazentrale bestätigt das Mutterhaus, dass in Derendingen dem Lagerleiter gekündigt wurde und dass angesichts des finanziellen Engpasses alle Tochterfirmen auf Sparkurs gebracht worden sind. Auch der Geschäftsführer hat Ende Jahr Derendingen verlassen, aber der habe in Holland eine neue Aufgabe erhalten und sei versetzt, nicht entlassen worden.

Der Derendinger Gemeindepräsident bestätigt die Richtigkeit dieser Informationen: «Die Firma ist besser als ihr Ruf, den ihr einige Leute zuschreiben wollen», relativiert Kuno Tschumi die brodelnde Gerüchteküche. Der Konzern pflege eine offene Kommunikationspolitik. «Ich habe mich bei Steinhoff erkundigt. Es gibt keine Entlassungswelle. Schliesslich laufen die Schweizer Möbelläden Lipo und Conforama bestens und das bedeutet auch viel Arbeit für das Global Warehouse.»

Kuno Tschumi sagt, er kenne den Fall einer temporär angestellten Mitarbeiterin, der auf Neujahr eine Festanstellung in Aussicht gestellt wurde. «Dieses Versprechen konnte die Firma wegen der finanziellen Turbulenzen des Mutterhauses nicht erfüllen. In der momentanen Situation ist es natürlich schwierig, neue Leute fest anzustellen.»

Die europäische Zentrale bestätigt, dass einige der für die Spitzenzeit vor Weihnachten über Temporärbüros angeforderten Arbeiterinnen und Arbeiter nicht weiterbeschäftigt werden konnten. So arbeiteten Ende Dezember 71 Personen im Global Warehouse. «Aktuell beschäftigt das Global Warehouse in Derendingen 61 Mitarbeiter, davon sechs Lagerarbeiter aus Frankreich sowie zwei französische Manager», schreibt die Europazentrale. «Vorwürfe einer gross angelegten Kündigungswelle sind falsch.» Mit der Baubewilligung hatte die Steinhoff-Gruppe 2014 allerdings noch angekündigt, in Derendingen 220 Stellen zu schaffen.

Ein Mitarbeiter des Global Warehouse, der anonym bleiben will, beklagt sich, dass man alle einheimischen Angestellten loswerden und an deren Stelle nur noch Grenzgänger aus Frankreich beschäftigen wolle. Diesen Grenzgängern zahle Global Warehouse «Hungerlöhne» und stelle ihnen dafür Autos zur Verfügung, mit denen sie von weit her anreisten.

«Es sind sicher weniger als zehn quellenbesteuerte Angestellte», bestätigt Derendingens Gemeindepräsident Kuno Tschumi die durch Steinhoff kommunizierten Zahlen. Er habe sich beim kantonalen Amt für Arbeit extra erkundigt und die Bestätigung erhalten, dass es in den letzten Monaten beim Derendinger Logistikzentrum keinen Anstieg der Zahl der quellenbesteuerten Ausländer gegeben habe.

Konzern in Schieflage

«Die Löhne, die das Global Warehouse angesichts der extrem harten Konkurrenz zahlen kann, sind wie in der ganzen Branche eher klein», weiss Tschumi. «Das Gerücht mit den Hungerlöhnen für Ausländer kann aber schon deshalb nicht stimmen, weil alle Firmen gesetzlich dazu verpflichtet sind, den aus dem Ausland geholten Arbeitskräften denselben Lohn wie den einheimischen zu zahlen.» In die Schuldenfalle war der südafrikanische Steinhoff-Konzern geraten, weil in der Führungsetage ganz übel gemauschelt wurde.

So musste die weltweit tätige Firma zugeben, dass sie in den Unternehmensberichten 2016 und 2017 falsche Angaben gemacht hatte. Offenbar floss auf verschlungenen Wegen sehr viel Geld aus dem Konzern ab, sodass Steinhoff Ende des vergangenen Jahres sogar die liquiden Mittel ausgingen (wir berichteten). In Deutschland, Südafrika und den Niederlanden ermittelt deswegen die Justiz.

Am 19. Dezember wurde in London eine grosse Konferenz mit den Gläubigern und den Banken abgehalten und diese gewährten Steinhoff neue Kreditlinien zur Refinanzierung des täglichen Geschäfts. So konnte der drohende Zusammenbruch des Weltkonzerns bis auf Weiteres abgewendet werden.