Spekuliert wird seit Wochen, und so dürfte die Mitteilung niemanden mehr überrascht haben: Sie werde im Oktober 2015 für den Ständerat antreten, liess FDP-Frau Marianne Meister gestern Nachmittag verbreiten. Das Communiqué stammt, auch das ist kaum überraschend, aus der Feder der FDP-Frauen. Viele Liberale sind nämlich überzeugt: Wenn die FDP schon gegen zwei Bisherige antritt, dann mit einer Frau. SP-Ständerat Roberto Zanetti stellt sich 2015 der Wiederwahl. Dasselbe tut CVP-Mann Pirmin Bischof. Beide müssen kaum um ihre Sitze in der kleinen Kammer zittern.

Dass die Erfolgsaussichten für den Freisinn deshalb eher gering sind, weiss auch die 52-jährige Meister. Doch Zanetti und Bischof sollen nicht im Schlafwagen nach Bern rollen. Es fehle etwas ganz Wichtiges in der Standesvertretung Solothurns, sagt die Messnerin: «Eine Frau natürlich!» Überhaupt sei SP-Nationalrätin Bea Heim ja allein unter acht Männern in Bern. Zudem erinnert Meister daran, dass im Kanton derzeit mehr Frauen als Männer wohnen. Soll heissen: «Unsere Ständeräte müssen die ganze Bevölkerung vertreten, also Frauen und Männer.»

Wer nun weiss, dass die FDP-Frauen ebenfalls eine «halbwegs ausgewogene Vertretung im Bundeshaus» fordern, kann ahnen, welche Frage im Wahlkampf der Liberalen zentral sein soll: Gelingt es den Frauen, einen Mann aus dem Ständerat zu verdrängen? Meister jedenfalls hat den Braten gerochen. Auffällig oft spricht sie von «wir Frauen», etwa wenn sie sagt: «Wir Frauen dürfen es den Männern in Bundesbern nicht allzu leicht machen.»

Eine Stimme der Wirtschaft

Natürlich gibt es nicht nur die Frau Marianne Meister. Es gibt die Gemeindepräsidentin im freisinnigen Bucheggberg, die mit Bestresultaten gewählte Kantonsrätin – und es gibt die Präsidentin des kantonalen Gewerbeverbandes. Damit stehe sie für die zahlreichen KMU und das wirtschaftliche Rückgrat des Kantons, schreibt die Partei. Dass mit Pirmin Bischof bereits ein gewerbenaher Solothurner im Ständerat sitzt, erachtet Meister nicht als Nachteil. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern, die sich in einem Interview auch schon als Macherin bezeichnete, führt in Messen ein Detailhandelsgeschäft. Seit 2009 sitzt Meister im Kantonsrat. Hier ist sie zweifellos ein wirtschaftspolitisches Schwergewicht, wie die Liste ihrer Interessenbindungen und Mandate zeigt. So ist die Kauffrau etwa Mitglied des kantonalen Wirtschaftsbeirats.

Kandidatur mit Kalkül?

Noch immer sitzt der Stachel des Wahljahrs 2011 tief im Fleisch des Solothurner Freisinns. Erstmals seit 1848 ist die stolze Partei nicht mehr im Ständerat vertreten. Und die beiden Bisherigen sind, wie gesagt, unumstritten. Zudem will die SVP nächstes Jahr mit Nationalrat Walter Wobmann antreten. Wie also schätzt Marianne Meister ihre Chancen? «Meine Chancen?», wiederholt sie und grübelt erst mal. Ihre Chancen möge sie jetzt nicht in Zahlen ausdrücken, sagt sie dann. «Man kann jeden Kampf verlieren. Doch wer nicht antritt, hat schon verloren.»

Vielleicht wird sich Meisters Kandidatur tatsächlich so oder so auszahlen: Mit einer Ständeratskandidatur könnte sie sich kantonsweit einen Namen machen und dann 2017 als Nachfolgerin von Regierungsrätin Esther Gassler antreten. Wie das geht, hat Roland Fürst vorgemacht. 2009 versuchte der CVP-Mann eher aussichtslos, der SP ihren Ständeratssitz streitig zu machen. Heute ist er Regierungsrat. Ob sie dereinst auch in die Regierung will, mag Meister weder bestätigen noch dementieren. Sie hoffe nun zuerst, dass die Delegiertenversammlung ihr im Januar das Vertrauen ausspricht. Und bis dahin sollen die Amteiparteien weitere Vorschläge einreichen können, sagt FDP-Kantonalpräsident Christian Scheuermeyer. «Auch Kandidaturen von Männern.»