Weissenstein
Die Erwartungshaltung am Berg steigt: Das sagt der Tourismus-Experte

Was braucht es, damit der Weissenstein auch nach dem ersten Gondeli-Run weiterhin boomt? Urs Wagenseils Aussensicht vor dem morgigen Tourismusforum Solothurn.

Samuel Thomi
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Diese herrliche Winterstimmung wurde übers Neujahr eingefangen. Eine Balance zwischen Erlebnistourismus und Naturerholungsgebiet auf dem Weissenstein ist gefragt.

Diese herrliche Winterstimmung wurde übers Neujahr eingefangen. Eine Balance zwischen Erlebnistourismus und Naturerholungsgebiet auf dem Weissenstein ist gefragt.

Marco Faggi

Der Neustart ist geglückt. Über tausend Gäste täglich befördert die neue Gondelbahn auf den Weissenstein; allein über die Festtage waren es mehr als 30 000. Doch: Wie nachhaltig ist der Boom? Und was kann (oder müsste) gegen die Baisse nach dem ersten Run getan werden?

Wenn morgen in Solothurn das Tourismusforum stattfindet, steht die «Grandtour of Switzerland» im Fokus und wie der Jurasüdfuss von diesem für 2015 geplanten Traumstrassen-Projekt von Schweiz Tourismus profitieren könnte. Damit das grösste touristische Projekt der Region dennoch Thema ist, bat die «Schweiz am Sonntag» Urs Wagenseil vom Tourismusinstitut in Luzern um eine Aussensicht.

Herr Wagenseil, was sagen Sie zur Eröffnung der neuen Gondelbahn auf den Weissenstein?

Urs Wagenseil: Die ersten Zahlen sind erfreulich, eindrücklich und bestätigen das grosse Bedürfnis der Leute, wieder auf ihren Hausberg fahren zu können. Es wäre aber vermessen, daraus abzuleiten, das gehe immer so weiter. Irgendwann verblasst der Glanz des Neue.

Totenstille oder Disneyland: Wie positioniert sich ein Naherholungsgebiet wie der Weissenstein am besten?

Ein Ausflugsberg muss Genuss versprühen, dazu braucht es einen sensiblen Mix.

Wie schafft man das?

Wichtig für langfristigen Erfolg ist unter anderem eine Gastronomie mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Damit meine ich nicht nur Angebote für Connaisseurs, sondern auch eine einfache, gute Küche für Ausflügler. Die bringt ebenfalls Umsatz – auch der Bergbahn – und wirkt imagefördernd. Das wird unterschätzt. Zweitens: Die meisten Leute suchen auf dem Weissenstein den Ausgleich zum Leben in Stadt und Agglomeration. Es braucht also auch Ruhe und erlebbare Natur. Und drittens – quasi als Kontrapunkt dazu – regelmässig in gutem Mass Events, damit die Leute aus der Nähe wiederkehren auf den Berg.

Beizen auffrischen, Feuerstellen und Planetenweg sanieren – wie es die Seilbahn plant – reicht also nicht?

Die Schweiz hat etwa tausend Themenwege, das ist kein Magnet mehr. Auch Feuerstellen gibt es überall. Rede ich von Inszenierung, meine ich keine billige Kitschwelt. Touristische Angebote müssen glaubwürdig positioniert sein. Um dem ursprünglichen Weissenstein nicht auf die Füsse zu treten, müssen Veranstaltungen dem Image entsprechen. So könnte das Konzept des Schwingfests überdacht, neue Angebote im Kulturbereich geschaffen werden. Warum nicht mit dem Film auf den Berg? Dafür ist Solothurn ja bekannt – es gilt ja auch, nach Synergien zu suchen.

Braucht es heute eigentlich mehr, damit sich Leute für ein Ausflugsziel entscheiden?

Wenn man vergleicht, was überall stattfindet, ja. Klar gibt es noch Senioren, die zig Mal auf den Berg fahren, um die Aussicht zu geniessen. Nur für die Fahrleistung zahlen aber immer weniger. Die Erwartungshaltung steigt, dass für den Preis oben etwas geboten wird.

Sie raten also wie die meisten Tourismusexperten zu mehr «Erlebnistourismus»?

Viele Leute wollen aus dem Alltag ausbrechen und passiv konsumieren. Sie haben nicht mehr die Energie, in der Freizeit gross selber aktiv zu sein. Mit «Erlebnis» ist aber weder Fantasy-Welt noch 365-tägiges Oktoberfest gemeint.

Seit Jahren wird beklagt, Solothurn inszeniere sich zu wenig, damit Gäste auch übernachten.

Im Mittelland hat Solothurn Konkurrenz von Romanshorn bis Morges. Und da schaffte es Solothurn, sein Profil zu schärfen und die Position als Kultur- und Geschäftsreisestadt zu verbessern. Dieses Image sollte man weiter stärken. Dazu bietet der Weissenstein zusätzliche Chancen.

Die Bahn geht davon aus, künftig 25 Prozent mehr Passagiere zu befördern als die zuletzt gut 100 000 Gäste auf der Sesselbahn. Ein realistisches Szenario?

Das ist ganz einfach: Senken Sie die Preise bis hin zu gratis, und die Bahn schafft auch 200 000 (lacht). Im Ernst: Am Ende ist das vorab eine Frage der Preisgestaltung und des Angebots auf dem Berg. Entscheidend ist nicht die Zahl der transportierten Gäste, sondern die Rendite. Lieber nur 75 000 Gäste mit gesunden Finanzen, als sich bei 125 000 für die Steigerung auf die Schultern zu klopfen und nach wenigen Jahren den Betrieb einzustellen. Es braucht gescheite Abos, mit denen der Betreiber verdient und die Gäste dennoch von fairen Preisen sprechen. Wichtig sind Kombinationen mit Halbtax/GA sowie Spezialangebote für Familien oder Hotels. Gerade Geschäftsreisende in Gruppen unternehmen gern nach kopflastiger Arbeit etwas in der Natur.

Pläne für eine Rodelbahn oder Tubing-Anlage sagte die Seilbahn wegen Widerstands bereits ab. Brächte eine Bike-Piste dringend benötigte neue Gäste?

Quantitativ betrachtet vermutlich Ja. Auch geografisch hat das Einzugsgebiet Potenzial. Die Frage ist: Wie passen Biker ins Gesamtbild? Und wie kommen sich die verschiedenen Gästegruppen nicht in die Quere? Zudem muss man immer bedenken, dass zusätzliche Angebote die klare Positionierung einer Destination oder Unternehmung erschweren oder zumindest beschränkt vorhandene Betriebs- und Marketingmittel verzetteln.

Sie sähen am Weissenstein also eher Trottinett-Abfahrten, wie sie für die Nordseite ebenfalls schon länger im Gespräch sind?

So explizit würde ich das nicht sagen; es ist aber sicher eine familientauglichere Variante. Allerdings gibt es dies schon vielenorts. Was man auch immer bedenken muss: Jedes Angebot kostet nicht nur zu Beginn, sondern muss dauernd weiterentwickelt werden, um mit der Konkurrenz mitzuhalten.

Nun gehört der Weissenstein nicht der Seilbahn allein, sondern sie ist ein wichtiger Player unter vielen auf dem Berg. Versalzen zu viele Köche den Brei?

Viele verschiedene Partner können Vor- wie auch Nachteil sein. Sehr wichtig ist in jedem Fall der Dialog unter den Anbietern – hier ist vorab die Bergbahn gefordert – um ein harmonisches Angebot herzustellen. Es braucht Kooperationskompetenz. Denn Eigentümerverhältnisse interessieren Konsumenten nicht. Der Kunde will auf den Berg, ein Angebot konsumieren, und nicht zur Kurhausbetreiberin, zum Bikepisten-Verein oder zur Familie XY einer Besenbeiz. Wie eingangs erwähnt besteht die Gratwanderung allerdings darin, dass sich die Angebote trotz Dialog klar unterscheiden und den verschiedenen Ansprüchen ohne ruinösen Konkurrenzkampf gerecht werden.