Seit Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten haben sie sich nicht mehr gesehen. Jetzt ist es für Elisabeth Schibli (92), Verena Motschi (80), Cornelia Füeg (72) und Elisabeth Marrer (69) fast wie eine Klassenzusammenkunft. Vor 40 Jahren wurden sie in den Kantonsrat gewählt. In der Runde fehlen die Thaler Freisinnige Marianne von Burg (91), die pflegebedürftig ist, und die Thiersteiner CVP-Frau Nelli Spaar, die 2005 im Alter von 76 Jahren verstorben ist. Alle waren sie 1973 die ersten Frauen unter den damals noch 144 Mitgliedern des Solothurner Kantonsrats.

Der erste Wahlkampf mit Frauen

«Die Männer waren schon nett mit uns, aber auf Händen getragen haben sie uns nicht», erinnert sich Elisabeth Schibli. «Dass Frauen auf den Listen waren, war eine ‹Garnitur›.» Verena Motschi berichtet, die CVP habe viele Absagen von möglichen Kandidatinnen erhalten. «Ich glaubte nicht an meine Wahlchance und stellte mich als ‹Listenfüller› zur Verfügung.» Am Wahltag blieb sie zu Hause bei den Kindern und erfuhr – zuerst ungläubig – erst am Abend von ihrer Wahl, als ihr jemand an der Haustür gratulierte. Später spielte die Musik auf dem Dorfplatz für sie und FDP-Kantonsrat Werner Häfeli auf. Dabei hörte Verena Motschi jemanden in ihrer Nähe sagen: «O heje, die arme Chind!»

Wie sie nun zu ihren kleinen Kindern schauen wolle, wurde auch Cornelia Füeg am Wahltag gefragt. Ansonsten hat sie 1973 als «normalen Wahlkampf» in Erinnerung. «Recht turbulent» war dieser für Elisabeth Marrer, die für den Landesring der Unabhängigen (LdU) kandidierte: «Ich trat sehr skeptisch gegen die Kernenergie auf, da setzte ich mich in die Nesseln.» Wegen dieser Haltung sei sie zum Teil persönlich und unfair angefeindet worden.

Gründe für den Wahlerfolg

Gewählt wurde sie trotzdem. Sie verdrängte sogar einen bisherigen LdU-Kantonsrat. Neben der Atomfrage war sie aus einem weiteren Bereich bekannt: «In der Frauenzentrale war ich in Konsumentenfragen aktiv, dann auch im Konsumentinnenforum Olten. Und dann war es wohl auch der Frauenbonus», erklärt Elisabeth Marrer ihren Erfolg.

Das Konsumentinnenforum erwähnt auch Elisabeth Schibli – sie gehörte zu seinen Gründerinnen: «Viele Leute suchten bei mir Auskunft.» Und – sie lächelt verschmitzt: «Im Stadthaus Olten wurde eine tolle Küche eingerichtet, wo ich Kochkurse erteilte.» Auch Männer und ganze Vereine hätten ihre Kurse besucht …

Cornelia Füeg hatte schon vor 1973 Aufsehen erregt: «Am 7. Februar 1971 – am Tag, an dem die Schweiz das Frauenstimmrecht einführte –, wurde ich in Wisen in einer Volkswahl zur ersten Gemeindeschreiberin im Kanton gewählt. Das war sogar der NZZ eine Notiz wert.» Überparteiliche Anerkennung verschaffte ihr auch, dass sie als eine der ersten Frauen im Kanton das Anwaltspatent erlangte. Bei den Kantonsratswahlen 1973 landete sie gleich auf dem ersten Platz auf der FdP-Liste im Bezirk Gösgen.

Als «Frauengruppe» im Kantonsrat

Im Kantonsrat waren die sechs Frauen eine kleine Minderheit. Sie habe immer gut mit Männern zusammengearbeitet, meint Cornelia Füeg. «Höchstens, dass man als Frau nicht immer ernst genommen wurde.» So hätten männliche Kollegen ihre Interpellation für das Rooming-in (Babys und Mütter im gleichen Zimmer) im Spital lächerlich gemacht. Ausserdem erinnert sich Füeg, dass Elisabeth Schibli wegen eines mutigen Vorstosses gegen hohe Kaminfegertarife hart angegriffen wurde.

Verena Motschi dokumentierte sich gegen das Projekt eines Flugfelds Kestenholz. In der Debatte bemerkte dann der Baudirektor: «Ich hatte keine Ahnung, dass Frauen so mit Zahlen umgehen können.» Ein spezielles Erlebnis hatte sie mit einem Kantonsrat aus einer andern Fraktion: Dieser liess sie vor die Tür des Ratssaals rufen und bat sie, ihm einen Knopf an der Kleidung anzunähen …

Wollten die Frauen politisch etwas erreichen, durften sie sich weder anbiedern noch provozieren. «Keinesfalls provozieren», betont Füeg, «man musste taktisch vorgehen. Wir konnten nicht so ‹powern› wie die heutigen Frauen.» Ganz ähnlich erlebte das Verena Motschi: «Wir mussten sehr gut vorbereitet sein und vorsichtig vorgehen», schildert sie. «Man durfte die Männer nicht überraschen, man musste sie ‹verwütsche›.»

Elisabeth Marrer war in einer speziellen Situation, weil sie als LdU-«Einzelmaske» keiner Fraktion angehörte. Den Kontakt mit den andern Frauen erlebte sie als fair, kollegial und angenehm, bei gewissen Themen hätten sie sich gegenseitig unterstützt. Von den Männern sei sie zum Teil mit Sympathie und Fairness behandelt worden, von andern aber auch herablassend – «die habe ich dann gemieden».

Cornelia Füeg, Elisabeth Marrer und Elisabeth Schibli gehörten dem Kantonsparlament nur vier Jahre lang an. Für Füeg ging die Politik dann zunächst auf eidgenössischer Ebene im Nationalrat weiter, die beiden andern traten nicht zur Wiederwahl an. Verena Motschi wurde zweimal wiedergewählt; in ihrer letzten Amtsperiode (1981 bis 1985) war sie eine von 14 Frauen. Noch einmal 12 Jahre engagierte sie sich danach als Kirchgemeindepräsidentin.