Dieter Kaegi, wie fühlen Sie sich, so kurz vor der ersten Produktion im renovierten Stadttheater Solothurn?

Dieter Kaegi: Ich fühle mich grossartig. Endlich ist alles so weit, dass der Vorhang aufgehen kann. Natürlich sind wir alle so richtig im Schlussstress. Es kommt immer wieder mal was Unvorhergesehenes zutage; Überraschungen, mit denen nicht gerechnet wurde. Doch die Freude überwiegt bei allen Mitarbeitenden. Es wird etwas Neues für die Zuschauer sein, aber auch für alle am Theater Beteiligten. Man könnte fast sagen: die Neuerfindung des Solothurner Theaters.

Wie wird sich das Ambiente des Barocktheaters auf den künftigen Spielplan des Hauses auswirken?

Zunächst einmal in der Premiere des ersten Stückes im neuen Theater, mit «King Arthur», am 30. Januar. Die Oper von Henry Purcell und John Dryden gehört in die Zeit der Entstehung des Solothurner Theaters, nämlich Ende des 18. Jahrhunderts. Ich möchte künftig versuchen, jedes Jahr eine möglichst spartenübergreifende Produktion aus der Barockzeit in eine Saison einzubinden. Auch Mozart wird damit sicher seinen Stellenwert bekommen. Das Theater hat genau die richtigen Dimensionen für die Barockzeit. Grosse Verdi-Opern werden in Solothurn schwierig zu realisieren sein.

Es ist doch jetzt aber technisch vieles mehr möglich.

Gewiss. Die Bühnenmaschinerie entspricht den heutigen Anforderungen und Möglichkeiten. Beispielsweise ist die Beleuchtung um Lichtjahre besser als vorher. Dennoch haben wir auf einiges verzichtet, um die Barockmalerei sichtbar zu erhalten. Hätten wir uns beispielsweise lichttechnisch voll ausgerüstet, wären 2/3 mehr Scheinwerfer installiert worden. Doch wir haben sehr gute technische Lösungen gefunden und sind vollauf zufrieden.

Wird Solothurn nun DAS Barock-Theater der Schweiz?

Nein, gewiss nicht. Wir werden die Programme in der Art und Weise gestalten, wie wir das bis heute schon getan haben und wie das Publikum dies auch wünscht. Also eine Mischung zwischen Klassikern, aber auch zeitgenössischem Theater. Es wird Opern und Operetten geben. Für diese Sparten freut es mich, dass die Akustik nun viel besser geworden ist. Hervorheben möchte ich den Tanz. Wir können nun, da der Bühnenboden eben ist, Tanzproduktionen zeigen. Vorher, mit dem leicht schrägen Bühnenboden, war das nicht möglich und wir mussten in die Rythalle ausweichen.

Wenn man jetzt das älteste Theater der Schweiz mit noch authentischen Barockmalereien besitzt, läge es da nicht nahe, sich völlig dem Barocktheater zu widmen? Mit anderen Worten: Wäre eine Spezialisierung der Häuser beispielsweise in der Schweiz oder im deutschsprachigen Raum nicht sinnvoll?

Der Gedanke ist zwar verlockend und es wurde auch schon probiert, beispielsweise alleine auf Barocktheater zu setzen. Doch müsste man dazu die Koryphäen in jeder Disziplin an einem Theater versammeln, was ungeheuer viel Geld kosten würde. Andererseits hat sich gezeigt, dass das Publikum nach einer gewissen Zeit wieder Abwechslung will. Daraus lernen wir: Ein Spielplan braucht die Vielfalt. Wir wollen verschiedene Gattungen, aber auch unterschiedliche Regieansätze im Haus. Eintönigkeit geht gar nicht. Ein weiterer Aspekt, der gegen Solothurn als reines Barocktheater spräche, ist Folgender: Wir haben nun ein Theater, zwar mit schönster Barockmalerei, doch gehen die Lichter aus, fühlt sich der Zuschauer wohl in einem modern ausgestatteten Haus, wo er unterschiedlichste Aufführungen miterleben kann. Wir haben ein Theater und kein Museum gewollt und auch bekommen.

War es schwierig, den Spagat zwischen modernster Theaterbedürfnissen und denkmalpflegerischen Vorgaben zu vollbringen?

Nein, die kantonale Denkmalpflege hat uns immer unterstützt und die Erfordernisse unseres Theaterbetriebes erkannt. Es war eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit.

Gibt es eigentlich jetzt mehr Platz im Theater?

Auf der Bühne und im Orchestergraben gibt es wenig mehr Platz. Im Zuschauerraum ebenfalls. Wo es ein deutlich verbessertes Platzangebot gibt, ist im Foyerbereich. In den Pausen können sich die Zuschauer jetzt viel besser bewegen und sich bei einem Apéro gemütlich treffen. Einen solchen Bereich muss man heute als Veranstalter bieten können.

Wo steht das Theater und Orchester Biel Solothurn TOBS im Vergleich mit den anderen Häusern in der Schweiz?

Ich denke, wir gehören zu den Top 10. Wir brauchen den Vergleich mit anderen Häusern nicht zu scheuen. Mit dem renovierten Haus muss es jetzt aber gelingen, über die Stadt- und Kantonsgrenzen hinaus bekannt zu werden. Um das zu realisieren, haben wir auch schon ein paar Ideen, die wir in Zukunft umsetzen wollen. Co-Produktionen mit regionalen, aber auch internationalen Bühnen pflegen wir ja heute schon.

Wie vermarkten Sie nun das Theater? Setzen Sie dabei auf das älteste Theater in der «schönsten Barockstadt der Schweiz?

Klar soll die Attraktivität des Hauses touristisch genutzt werden. Beispielsweise, indem das Haus und dessen Geschichte bei Stadtführungen mit eingebaut wird. Da sind wir am Erarbeiten. Das Haus soll auch im Sommer, wenn der Theaterbetrieb Pause macht, zu betreten sein, ob für Veranstaltungen oder anderes. Grundsätzlich wird dieses Haus den Tourismus in Solothurn bereichern. Eine Attraktivität mehr. Wir hoffen natürlich, dass es uns gelingt, mit dem renovierten Haus neue, weitere Sponsoren zu finden, die uns in unserer Arbeit unterstützen.

Nochmals ein Rückblick auf die vergangene, die «ausgelagerte» Saison.

Wir sind sehr zufrieden damit. Zwar gab es Besucher, die aus verschiedenen Gründen die Vorstellungen in den ausgelagerten Örtlichkeiten nicht besuchen wollten. Andererseits gab es auch neues Publikum, mehrheitlich jüngere Leute, die ins «Kreuz», ins Kloster oder ins Kunstmuseum kamen, um eine Aufführung zu sehen. Doch ich gebe zu: Dieser Auslagerungsbetrieb brachte uns schon an den Rand unserer Möglichkeiten, was die finanziellen Mittel oder die Infrastruktur betrifft. Wir alle sind froh, dass wir wieder in unserem Theater spielen können. Doch den Betrieb während der Umbauzeit einzustellen, war keine Option. Nie, zu keiner Zeit.

Apropos Kosten. Ein grösseres Haus bedeutet ja auch höhere Kosten. Haben Sie schon schlaflose Nächte deswegen?

Wir stehen gewiss nicht schlechter da als vorher. Jeder weiss: Auch jetzt müssen wir jeden Franken zweimal umdrehen, bevor wir ihn ausgeben; es gibt also nicht mehr Geld. Wir sind noch mehr auf Sponsoren, Gönner und das treue Publikum angewiesen. Glücklicherweise konnten wir in der Regiobank einen neuen, soliden Sponsor-Partner finden. Zudem helfen uns ja auch die Trägerkantone Bern und Solothurn und die Städte Biel und Solothurn bei der Finanzierung.

Gibt es Wünsche, die der TOBS-Theaterdirektor jetzt noch hat?

Vieles ist mit der Renovation in Solothurn in Erfüllung gegangen. Vor allem auch, dass wir unserem Publikum nicht nur künstlerisch, sondern auch infrastrukturmässig etwas Tolles bieten können, für das wir uns nicht zu schämen brauchen. Mit unserer neuen Bar und dem Erscheinungsbild des Theaters können wir jedem Vergleich mit grösseren Häusern standhalten.

Mein Wunsch in künstlerischer Hinsicht wäre, dass wir auch in Zukunft möglichst regelmässig eine spartenübergreifende Produktion mit möglichst vielen Mitwirkenden realisieren können. Da suchen wir immer nach Möglichkeiten, die realisierbar sind und können auf die Unterstützung der «Freunde»-Vereine zählen.

Und, um noch eine Erkenntnis aus der «Auslagerungssaison» aufzunehmen: Die tolle Resonanz bei unseren Aufführungen auf dem Zeughausplatz oder im Kapuzinerkloster ermuntern uns, auch künftig Produktionen an geeigneten Örtlichkeiten in der Stadt Solothurn zu realisieren. Solche Produktionen sind für alle gewinnbringend und sollen weitergehen. Wünsche bleiben für die Spielstätten in Biel. Die Situation dort ist äusserst besorgniserregend: Das Theatergebäude ist in einem desolaten Zustand und ich sorge mich sehr um die Sicherheit der Mitarbeiter aber auch diejenige des Publikums. Das Gebäude müsste dringendst renoviert werden, die Situation ist niemandem zumutbar.